Zwei Siege und neun Top-Ten-Plätze, das ist die Bilanz der Luxemburger Fahrer beim Giro d’Italia. Für die Erfolge zeichnete Charly Gaul in den Jahren 1956 und 1959 verantwortlich. Andy Schleck (2. im Jahr 2007) gilt als moralischer Gewinner, Bob Jungels (2016 Platz 6, 2017 Rang 8) als eventueller Nachfolger Gauls. Sowohl Schleck als auch Jungels (2x) gewannen die Wertung des besten Jungfahrers.

Von unserem Korrespondenten Petz Lahure

Der Giro d’Italia, der dieses Jahr 110 Jahre alt wird, war bis zum Zweiten Weltkrieg vor allem eine nationale Angelegenheit. Wenn man die Klassemente durchstöbert, findet man hier und da zwar einen nichtitalienischen Namen, doch im Siegerpalmarès tauchen nur Fahrer auf, die jenseits der Alpen beheimatet waren. Durch diese Umstände bedingt, dauerte es auch lange, bis ein Luxemburger das Radrenn-Abenteuer in Italien wagte.
Der erste FSCL-Lizenzierte, der am Giro teilnahm, war Christophe Didier im Jahre 1940. Das Rennen stand im Schatten des Zweiten Weltkrieges. Von 91 Gestarteten sahen nur 40 das Ziel. Unter denjenigen, die aufgaben, war auch Christophe Didier.

Gauls zweifacher Triumph

Als erster Luxemburger beendete Jang Goldschmit den Giro. Er fuhr 1949 auf den 16. Rang und klassierte sich ein Jahr später als 40. Das Jahr 1950 ist gleichbedeutend mit dem ersten Sieg eines Ausländers. Damals gewann der von den Frauen angehimmelte Schweizer Schönling Hugo Koblet, der 1951 auch die Tour de France davontrug. Koblets schnelles Leben endete 1964 an einem Baum. Bis heute ist der Autounfall nicht restlos aufgeklärt, es wird Selbstmord vermutet.

Vier Jahre nach Koblet sorgte der Tessiner Carlo Clerici für den zweiten Schweizer Sieg. Der dritte Giro-Erfolg eines Ausländers folgte 1956. Es siegte der 23 Jahre junge Charly Gaul, den alle nach der Stelvio-Etappe schon abgeschrieben hatten, weil sein Rückstand auf Leader Pasquale Fornara auf über 16 Minuten angewachsen war. Tags darauf, auf der drittletzten Teilstrecke von Meran zum Monte Bondone, sollten Gaul aber Flügel wachsen.
Stundenlang peitschte der Regen über Berg und Tal, die Fahrer quälten sich von Schwierigkeit zu Schwierigkeit. Die Positionen wechselten so schnell, dass kaum noch jemand die Lage richtig überblicken konnte.

Gaul trotzte den Naturgewalten und fegte im Nebel in Richtung Trento, von wo es die 17 km zum Monte Bondone hoch geht. Noch ahnte niemand, was auf diesen paar Kilometern alles passieren sollte. Unten im Tal machten unkontrollierte Gerüchte die Runde, dass die meisten Konkurrenten zehn und mehr Minuten zurück lagen. Faema-Teamchef Guerra war nicht mehr zu halten: „Avanti Gaul, avanti … lassù la maglia rosa“ („Vorwärts Gaul, vorwärts … Dort oben das Rosa Trikot“).

Mit zunehmender Höhe verschlechterte sich das Wetter. Drei Kilometer vor dem Gipfel setzte ein Schneesturm ein, und bald sah die Landschaft aus wie ein frisch gewaschenes Fußballer-Trikot von Gauls Lieblingsverein Real Madrid. Guerra fuhr der Schreck in die Glieder. Vom Heißhunger befallen, torkelte der Luxemburger durch die weiße Landschaft, die fast erfrorenen Hände griffen nach einer Banane, die ein Zuschauer am Straßenrand reichte. Nur noch zwei Haarnadelkurven, dann die letzten 100 m, schemenhafte Gestalten, der Zielstrich, geschafft!

Andys moralischer Erfolg

Bergsoldaten holten Gaul vom Rad, sie trugen ihn in eine Hütte, wo er nach kurzer Ohnmacht und einem warmen Bad erfuhr, dass er seinen Rückstand von 16’05” nicht nur wettgemacht hatte, sondern nun mit einem Vorsprung von 3’27” auf Platz 1 im Gesamtklassement lag. Um die 242 km herunterzukurbeln, saß er über neun Stunden im Sattel!

Seinen zweiten Giro-Erfolg feierte Charly Gaul im Jahr 1959, also vor nunmehr 60 Jahren. Damals entriss er Jacques Anquetil das Leadertrikot auf der vorletzten, fast 300 km langen Etappe Aosta-Courmayeur. Bei seinen sieben Teilnahmen an der Italien-Rundfahrt stand Charly Gaul viermal auf dem Podium. Sechsmal fuhr er unter die ersten vier. „Il faut le faire!“

Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, ehe mit Andy Schleck erneut ein Luxemburger Fahrer für Schlagzeilen im Giro sorgte. Lucien Didier (1980, 1982) und Benoît Joachim (2005) halfen zwar eifrig mit, ihre Leader Bernard Hinault und Paolo Savoldelli zum Gesamterfolg zu führen, so richtig ins Gespräch aber kam Luxemburg erst wieder vor zwölf Jahren, als sich Andy Schleck als Zweiter hinter Danilo di Luca klassierte und die Wertung des besten Jungfahrers gewann. Weil der Italiener immer wieder mit Doping in Verbindung gebracht und später auch lebenslänglich gesperrt wurde, gilt Andy Schleck als der moralische Sieger dieses Giro. Bei der Dopingprobe nach der Etappe vom Monte Zoncolan wurden bei Di Luca und einigen anderen Fahrern extrem niedrige Hormonwerte festgestellt, sodass der Verdacht auf Einnahme maskierender Substanzen bestand. Di Luca aber wurde im Rennen belassen und gewann den Giro mit 1’55” Vorsprung auf Schleck.

Jungels’ Nachwuchssieg

Die neueste Hoffnung, eventuell Charly Gauls Nachfolger als Gesamtsieger zu werden, heißt Bob Jungels. Im Jahr 2016 sorgte der von der Trek-Mannschaft zum Quick-Step-Team übergewechselte junge Luxemburger für Furore, als er nach der 10. Etappe von Campi Bisenzio nach Sestola das Rosa Trikot des Spitzenreiters überstreifte und es während drei Tagen trug. Jungels beendete den Giro 2016 auf dem 6. Platz und holte sich wie Andy Schleck neun Jahre zuvor das „maglia bianca“ des besten Jungfahrers.

Ein Jahr später wiederholte Jungels seine gute Leistung und fuhr auf den 8. Gesamtrang. Nach der 4. Etappe kleidete er sich oben auf dem Ätna in Rosa, trat das Leadertrikot aber am Abend der 9. Etappe, die am Blockhaus endete, an Nairo Quintana ab. Bei diesem Giro sorgte Jungels auf der 15. Etappe Valdengo-Bergamo ( 199 km) für einen schönen Etappensieg. Zum zweiten Mal hintereinander wurde er am Schlussziel in Mailand als bester Jungfahrer gefeiert.

Wenn von Luxemburg beim Giro die Rede geht, sollte man auch Acacio da Silva nicht vergessen, der 1985 in Matera und Paola sowie 1986 in Rieti und Bozen als Etappensieger ins Ziel fuhr. Und schließlich machte der Giro auch schon zweimal hierzulande Halt. Im Jahr 1973 gewann der Belgier Roger de Vlaeminck die 2. Etappe Köln-Luxemburg, vor 17 Jahren (2002) sorgte Mario Cipollini auf der 3. Teilstrecke Verviers-Esch für einen italienischen Etappensieg beim Massensprint auf dem Boulevard Grande-Duchesse Charlotte.

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here