Motorsport scheint bei vielen eine Familienangelegenheit zu sein: Senna, Tambay, Fittipaldi, Blomqvist, Ickx usw. Auch im Hause Piquet gibt es diese Tradition. Ein Interview mit Nelson Piquet Junior, dem ersten Formel-E-Champion der Geschichte, als eigenen Aussagen zufolge das fahrerische Können noch ausschlaggebend war.

Von Norbert Nickels und Fernande Nickels

Wie die meisten seiner brasilianischen Rennfahrerkollegen startete der Sohn des dreifachen Formel-1-Weltmeisters Nelson Piquet Sr. seine Karriere im Kart. Über die Formel 3 (2004/5), GP2 und A1GP (2005/6) kam er dann zur Formel 1 (2008/9), wo er zusammen mit Fernando Alonso bei Renault fuhr. Von 2010 bis 2014 fuhr er in Amerika in der Nascar-Serie und bestritt in Europa den Blancpain GT Sprint Cup.

In der WEC (World Endurance Championship) ging er 2016 und 2017 für Rebellion an den Start. In der Formel E ist er von Anfang an mit dabei und wurde 2015/16 zum ersten Formel-E-Weltmeister im Nextev-TCR-Team gekrönt. Seit Anfang dieser Saison ist er zusammen mit Mitch Evans für Panasonic Jaguar Racing am Start und beendete die Saison mit 51 Punkten auf Platz 9.

Tageblatt: Nelson, du warst der erste Formel-E-Champion der Geschichte. Was bedeutet dir dieser Titel?

Nelson Piquet Jr.: Ich bin Rennfahrer – und Rennfahrer möchten einfach immer gewinnen. Ich glaube, die Serie ist noch zu jung, um sagen zu können, ihr erster Champion sei etwas Besonderes. Je älter ich jedoch werde, umso mehr bedeutet es mir. Wenn du dir die Formel 1 anschaust, die jetzt seit fast 70 Jahren besteht (Gründungsdatum 1950, Anm. d. Red.), da ist es schon etwas Besonderes, der erste Champion (Anm. d. Red.: Nino Farina) zu sein.

Du bist seit den Anfängen der Formel E mit dabei. Wie hat sich die Serie entwickelt?

Im ersten Jahr waren noch keine Autowerke dabei und von der technischen Seite war alles gleich, sodass das Können des Fahrers ausschlaggebend war. Als dann die Konzerne ihre eigenen Antriebsstränge entwickelten, verschob sich das Verhältnis zu 50 Prozent Auto und 50 Prozent Fahrer. Heute sind wir schon eher bei 75 Prozent Auto und 25 Prozent Fahrer.

Du fährst jetzt für einen großen Automobilkonzern: Jaguar. Was ist der Unterschied zu deinen vorherigen kleineren Teams?

Es ist schon vieles anders. Hier bei Jaguar gibt es viel mehr Teammitglieder und ich muss viel mehr „Corporate duties“ verrichten. Es ist in etwa so wie wenn du von einem kleinen Betrieb zu einem großen Unternehmen wechselst. Veränderungen nehmen vielleicht mehr Zeit in Anspruch, deshalb hat man aber viel mehr Potenzial und mehr Möglichkeiten. Jaguar ist eine große Marke, das heißt, du bist sichtbarer. Natürlich hat es auch negative Seiten, in einem großen Team zu arbeiten, aber die positiven überwiegen deutlich.

Wie zufrieden bist du mit deiner diesjährigen Saison?

Die Saison hat eigentlich ganz gut begonnen und wir haben öfters gepunktet, doch bei einigen Rennen gab es Probleme verschiedenster Art, von Sicherheitsgurten, die sich lösten, bis hin zu kleineren Unfällen.

Bist du schon das neue Auto für die kommende Saison gefahren? Ist es ein großer Unterschied zum jetzigen?

Ja, ich habe den neuen Renner schon getestet und es gibt viele Verbesserungen, was, wie ich finde, gut für die Serie ist. Ich glaube, die Fahrer werden es mögen und wir werden viel Spaß an diesem Auto haben. Natürlich wird auch das ein oder andere Karosserieteil auf der Strecke herumfliegen, da das Auto (Anm. d. Red.: rund um die Vorderräder) viel aufwendiger verkleidet ist als das jetzige und es in der Formel E doch oft zu Berührungen kommt.

Nächstes Jahr werden die Autos während des Rennens nicht mehr gewechselt. Vorteil oder Nachteil?

Ich glaube, es wird das Gleiche für jeden sein, und von daher wird es für niemanden ein Problem darstellen.

Was denkst du über die Zukunft der Formel E? Mit den vielen Marken, die jetzt einsteigen, ist die Formel E wirklich die Zukunft?

Ich hoffe doch! Ich investiere sehr viel Zeit in dieses Projekt und es wäre toll, die besten Fahrer, die besten Ingenieure und die besten Marken in dieser Serie wiederzufinden und dann im Abstand von drei bis vier Wochen mitten in den größten Städten der Welt gegeneinander anzutreten. Die Atomsphäre hier ist ganz anders als bei anderen Rennserien … positiv anders.

Viele ziehen einen Vergleich zwischen Formel 1 und Formel E. Was sagst du dazu als jemand, der in beiden Serien angetreten ist?

Nun ja, in der Formel 1 sind die Autos so unterschiedlich, dass es keine wirkliche Konkurrenz gibt und es sind mit Mercedes, Renault, Ferrari und McLaren lediglich vier Werke dabei. In der Formel E treten Audi, BMW, Jaguar, DS, Renault-Nissan, Nio, und bald Mercedes und Porsche an. Bei uns in der Formel E gibt es auch mehr Seriensponsoren (u.a. ABB, Julius Baer, Boss, Anm. d. Red.), aber es fehlt der Serie zurzeit noch der Glamour der Formel 1. Dies gilt insbesondere für das Fahrerlager und die Boxenanlagen. Die Formel E muss daran arbeiten, das Ganze noch anspruchsvoller zu gestalten. Natürlich ist dies auf permanenten Rennstrecken einfacher zu erreichen als bei Rennen, die mitten in den Städten stattfinden. Die Formel E muss die Autos auch noch etwas schneller machen, aber die Geschwindigkeit ist nicht alles und der große Konkurrenzkampf ist ja jetzt schon da. Der beste Beweis ist die Formel 1: Sie hat zwar die schnellsten Autos, liefert aber bei Weitem nicht die interessantesten Rennen ab.

Du fährst dieses Jahr keine WEC mehr. Was ist der Grund dafür?

Ich fahre keine WEC mehr, aber deshalb bestreite ich die gesamte Saison in der brasilianischen Stock-Car-Serie. Die Formel E hat nur 13 Rennen und ich will wenigstens an 30 Wochenenden Rennen fahren. Die WEC zeigt klar eine abfallende Tendenz, es gibt nur wenige Rennen und es sind dort viele Gentleman-Driver am Start.

Das Rebellion-Team, bei dem ich die letzten zwei Jahre in der WEC fuhr, ist eine sehr nette Truppe, doch die Organisation war etwas chaotisch. Dies war auch ein Grund, weshalb ich dort nicht mehr weitermachen wollte. Die brasilianische Stock-Car-Serie hat viel mehr Rennen als die WEC und es gibt eine sehr starke Konkurrenz, sodass ich mich dort besser promoten kann. Die etwa 30 Starter liegen alle innerhalb einer Sekunde.

Natürlich ist die Serie hier in Europa nicht so bekannt, da es nur brasilianische Sponsoren und brasilianische Piloten gibt, aber in Südamerika ist sie so beliebt wie die V8 Supercars in Australien oder die DTM in Deutschland. Übrigens ist Rubens Barrichello (ehemaliger Formel-1-Pilot und Teamkollege von Michael Schumacher, Anm. d. Red.) dort mein Teamkollege.

Ein weiterer Pluspunkt ist natürlich die Tatsache, dass ich dadurch mehr Zeit in Brasilien mit meiner Familie verbringen kann. Die Rennwochenenden sind glücklicherweise auch nicht zeitgleich mit denen der Formel E.

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