Die Tageblatt-Redakteurin Anne Schaaf ist zur Zeit in Guatemala unterwegs – und schreibt ihre ganz ungefilterten Eindrücke aus dem zentralamerikanischen Land auf. Jeden Tag fügt sie ein Stück hinzu.

Tag 1: Guatemala City
Tag 2Auf dem Weg nach Cahabon
Tag 3Landwirtschaft in den Tropen
Tag 4Weltfrauentag in Guatemala

Tag 6Wichtige Entscheidungen
Tag 7Alkoholismus in Guatemala
Tag 8: Pati und die Schokoladenfabrik
Tag 9: Im Einvernehmen mit der Natur


Tag 1 in Guatemala – Guatemala City

Guatemala hatte seit seinem Bestehen bereits mehrere Hauptstädte. Wechsel fanden unter anderem aufgrund von beträchtlichen Naturkatastrophen statt, einer der Kehrseiten von derart atemberaubenden Paradiesen.

Nachdem ein Erbeben Antigua, einen der wohl bekanntesten Horte kolonialer Baukunst in Guatemala, in Trümmer gelegt hatte, wurde jener Ort im Süden des Landes auserkoren, den man heute Guatemala Ciuadad nennt. Die Hauptstadt befindet sich nun inmitten zerschnittener Bergtäler aus tertiären Vulkaniten.

Einerseits handelt sich zwar um das wirtschaftliche Epizentrum des Landes, anderseits fließt hier aber längst nicht nur Geld zusammen. Soziale Spannungen zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität prägen das Stadtbild mit.

Auf einem der Fotos ist ein Aufruf zu sehen, den man in vielen Hotels finden kann. Es wird dazu aufgefordert, Kinderprostitution zu melden, falls man Zeuge einer derartigen Straftat wird. Auch dies gehört zur Realität in diesem Land, das einen eigentlich in Handumdrehen verzaubert.

Dies tut es nicht zuletzt auch durch das lebendige Treiben in seinen Straßen. Selten nur ist nicht irgendwo Musik zu vernehmen. Sei es von Straßenmusikern oder beispielsweise durch Konzerte auf der Plaza de la Constitucion. An diesem zentralen Treffpunkt finden sich wöchentlich Jung und Alt zusammen, um zu tanzen.

Auch wenn die Marimba, welche von mehreren Musikern gleichzeitig gespielt wird, nicht aus Guatemala, sondern aus Afrika stammt, erfreut sie sich enormer Beliebtheit im ganzen Land. Bedauerlicherweise handelt es sich hierbei definitiv um eine reine Männerdomäne. Mal sehen, ob sich dieser Bereich noch revolutionieren wird und Frauen das Holz in die Hand nehmen werden.

Ebenso ist Religion nicht wegzudenken an diesem Ort. Vor allem die katholische Kirche spielt nach wie vor eine essenzielle Rolle, auch im politischen Leben. Hinzu kommen etliche Glaubensvarianten, da das Vermischen mit den indigenen Kulturen nicht ausbleibt.

 


 

Tag 2 – Auf dem Weg nach Cahabon

 

Wer ins nördlich gelegene Cahabon reisen will, braucht Geduld und Menschen mit genügend Sitzfleisch sind klar im Vorteil. Denn hier werden CFL-Hater und Dauernörgler merken, dass es auch anders geht. Weder die kleinen vollgepackten Busse noch die Straßen Guatemalas entsprechen dem, was der luxemburgische Möchtegern-High-Class-Poppes gewohnt ist.

Während sich auf der Strecke hin zur Departementshauptstadt Coban noch halbwegs feste Fahrbahnen präsentieren, ist ab dann der Begriff “Straße” nur noch reine Interpretationssache.

Auf der insgesamt zehnstündigen Fährt gibt es indes einen Bonus, den man quasi nirgendswo anders findet: Das gebotene Panorama ist besser als jeder Spielfilm. Das Fenster wird zum Bildschirm aller erster Güte. Häufig stockt einem der Atem und zwar längst nicht nur, weil man hofft, nicht an der nächsten Kurve das Zeitliche zu segnen.   


Tag 3 – Landwirtschaft in den Tropen

Die Landwirtschaft in Guatemala war Jahrzehnte lang durch zwei unterschiedliche Problematiken geprägt, die beide bis heute nicht als vollends bewältigt gelten können. Da wäre zum einen der ewige Kampf um Landbesitz, der bis in die Kolonialzeit zurückreicht, aber auch mit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1821 kein Ende fand.

Zum anderen wendeten die indigenen Völker, in der Gegend um Cahabon sind dies hauptsächlich die sogenannten “Kekchí”, Methoden an, die die für sie überlebenswichtige Landwirschaft  nicht nachhaltig gestalten ließen. Eine Schwierigkeit stellte beispielsweise die Rodungstätigkeit dar, durch die der Boden mehr beschädigt als fruchtbar gemacht wurde.

Mittlerweile wird sich immer stärker davon distanziert und auf  Alternativen zurückgegriffen. Welche das sind, durfte ich in einer Landwirtschaftschule in Cahabon erfahren, über die ich bald in der Printausgabe des Tageblatts berichten werde.


Weltfrauentag in Guatemala

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, das Dasein der Frauen in Guatemala unter die Lupe zu nehmen. Eine rein eurozentrischtische Perspektive würde jedoch ein tiefgreifenderes Verständnis der Situation verhindern. Deswegen sollte diese abgelegt und der historische wie soziokulturelle Kontext beachtet werden.

Vor allem die indigene Bevölkerung auf dem Land zeichnet sich durch eine rigide Rollenaufteilung aus. Innerhalb der Familie müssen Aufgaben aufgeteilt werden, um das Überleben in abgeschiedenen Gebieten sichern zu können. Mann und Frau funktionieren in diesem Rahmen aber mehr komplementär zueinander, als dass zu viel Arbeit auf nur eine einzelne Person zurückfallen würde.

Tendenziell wird zwar von einem Patriarchat hierzulande gesprochen, aber Menschen, die schon länger hier leben, teilten mir mit, dass gerade innerhalb der Familie, im Privaten, dann doch häufig die Frau die Zügel in der Hand hat und beispielsweise das wenige vorhandene Geld verwaltet. Nicht zuletzt auch, weil Alkoholismus unter Männern keine Seltenheit ist.

Was definitiv neben der für alle Mitglieder der Landbevölkerung harten Arbeit für eine zusätzliche körperliche Belastung sorgt, sind häufige Schwangerschaften, auch noch im fortschgeschrittenen Alter. Eine guatemaltekische Familie hat im Durchschnitt ungefähr sieben Kinder, die in der Regel ohne ärztliche Hilfe zur Welt kommen, da das Gesundheitssystem nicht nur Lücken aufweist, sondern quasi inexistent ist. Die Sterblichskeitsrate bei Geburten ist nach wie vor sehr hoch.

Schon während des Bürgerkriegs (1960-1996) gehörten Frauen zur Guerilla. Es bildeten sich langsam aber sich mehrere Frauenbewegungen (darunter die UNMAG) aus einer Situation heraus, in der Probleme dringend thematisiert und angegangen werden mussten. Hier geht es unter anderem um Ausbeutung am Arbeitsplatz. Oder auch um doppelte Diskriminierung aufgrund des Geschlechts sowie der Zugehörigkeit zu indigenen Bevölkerungsgruppen.

Nicht unbestraft dürfen Gewalttaten bleiben, die während dem Bürgerkrieg verübt wurden. Von großer Relevanz ist der Prozess aus dem Jahr 2013, der gegen den Ex-Diktator Montt geführt wurde. Hierbei wurden indigene Frauen gehört, die ihre Vergewaltigung zur Anzeige brachten. 2016 kam es zu ersten Verurteilungen wegen Versklavung und Vergewaltigung. Eine wichtige Rolle spielte dabei das femininistische Monatsmagazin La Cuerda, das die gleiche Auflage hat wie das Tageblatt. Das Medium fordert unmissverständlich, dass die Stimmen von Frauen nicht nur gehört werden, sondern auch konsequentes Handeln folgt.

Auch wenn Guatemala bis heute keine weibliche Präsidentin hatte, so beziehen immer mehr Frauen politische Ränge. Eine der wohl bekanntesten Präsidentsschaftskandidatinnen des Landes ist Rigoberta Menchú Túm, die 1992 den Friedensnobelpreis erhielt.

Sie war Mitglied der ersten Bürgergewerkschaft Guatemalas und floh während des Krieges nach Mexiko ins Exil, um von dort aus Aufklärungsarbeit zu betreiben und mit anderen Exilguatemalteken die Vereinigte Guatemaltekische Opposition RUOG zu gründen.


Tag 6
Wichtige Entscheidungen

Heute durfte ich einer Versammlung des Ältestenrates beisitzen. Der Älteste eines jeden Dorfes ist keineswegs der Älteste in der Gemeinschaft, sondern hierbei handelt es sich um eine Art moralische Autorität, die sich sozusagen aus der Situation heraus ergibt und diesen Posten dann innehat. Sie wird also nicht ernannt. Bei wichtigen Entscheidungen werden diese Instanzen konzertiert. Und im Verbund werden auch relevante Ereignisse diskutiert.

In diesem Fall wurde der Bau eines Ortes der Gabe besprochen, in dem späterhin Rituale ihren Platz finden und religiöse Großveranstaltungen stattfinden sollen. Eine Besonderheit ist, dass nacheinander geredet wird und das so lange, wie der Betroffene nun mal sprechen möchte. Unterbrechungen oder Antworten währenddessen sind nicht erwünscht.

Dies funktioniert im Gegensatz zur Situation im Bundestag oder der Chambre auch ohne Zwischenrufe und desinteressiertes Gebrabbel. Vor, während und nach dem Gespräch werden in einem Kelch die Blätter einer Pflanze verbrannt, die einen sehr intensiven Geruch ausströmt. Würde man einen Vergleich zu Luxemburg herstellen wollen, käme es wohl Weihrauch am nächsten.

 


Tag 7
Alkoholismus in Guatemala

In Guatemala werden sowohl Rauchen als auch der Verzehr von Alkohol als große Laster empfunden. Seit ich hier bin, habe ich keine einzige Person beim Rauchen beobachten könnten. Dies liegt auch daran, dass viele sich dieses Luxusgut nicht leisten können. Dementsprechend werden in den kleinen Tiendas, also guatemaltekischen Tante Emma Läden, häufig nur einzelne Zigaretten verkauft. Alkohol, allem voran das nationale Bier Gallo, ist da schon etwas verbreiteter, gehört dennoch  nicht zur lokalen geschweigedenn zur indigenen Kultur.

Wie in allen anderen Länder der Welt auch kann diese Droge eine negative Wirkung zeigen. Es kommt teilweise zu Übergriffen und die Frage nach der Abhängigkeit steht im Raum. Deswegen fand heute ein Informations- und Diskussionstag zum Thema Alkohol in Cahabon statt. Jugendliche aus verschiedenen Landjugendverbänden nahmen daran Teil. Abschließend nahmen alle an einer Messe teil, die von einem Schweizerischen dominikanischen Bruder geleitet wurde, der vor Ort lebt. Die Sprache, die man im Video hört, ist Kekchí, eine der verbreitesten indigenen Sprachen.



Tag 8
Pati und die Schokoladenfabrik

In vorherigen Artikeln und Logbucheinträgen ging es bereits um die Landwirtschaftsschule der Fray Domingo de Vico Stiftung. Zu dieser Bildungsanstalt gehört ebenfalls ein kommerzieller Bereich, nämlich die INUP S.A., die dazu dient, Produktionsüberschüsse der Schule sowie der Bauernfamilien auf juristisch korrektem Weg auf dem Markt zu positionieren. In einem kleinen, aber feinen Geschäft auf dem Gelände der Schule wird beispielsweise schwarzer Pfeffer, Zimt oder auch Chilipaste verkauft.

Ein Highlight stellt die winzige Schokoladenmanufaktur dar, die sowohl Trinkschokolade als auch Schokoriegel  aus dem in Cahabon reichlich vorhandenen Kakao herstellt. Hier arbeitet ein sehr kleines Team für sehr großen Genuss. Pati leitet seit mehr als 20 Jahren vor Ort die Geschicke. Im Video sieht man wie leckre Macadamia-Nüsse zärtlich mit Schokolade zugedeckt werden.


Tag 9
Im Einvernehmen mit der Natur

Die Mitglieder der indigenen Bevölkerung mit dem Namen Kekchí  sind Nachfahren der Hochkultur der Maja. Ihre Religion bezeichnet man als synkretistisch, was in diesem Fall soviel bedeutet, wie dass ihre Volksfrömmigkeit auch Spuren von katholischer Tradition aufweist. Die praktische Umsetzung ihres Glaubens ist von Riten geprägt, die sich an Tzuultaqa richten, den spirituellen Wächter über Berge, Täler und Gewässer. Wer in die Natur einbegreift, muss dies im Einvernehmen mit ihm tun. Deswegen wird er um Erlaubnis gebeten. Alle Videos, die man hier sehen kann, fanden im Rahmen von Riten statt, die in dem Bau eines Hauses des Opfers vorausgingen.

“Mayejak” bedeutet Opfer. Dieses wird während eines christlichen Wortgottesdiensts, auf einer Art Altar, der auf dem Boden angebracht ist, erbracht. Zentrale Elemente sind Mais, Kerzen sowie Pom; ein wohlriechendes Harz, das ähnlich wie Weihrauch eingesetzt wird. Der Altar repräsentiert die vier Himmelsrichtungen und somit die Schöpfung. Dort werden Huhn, Kakao und Tortilla abgelegt. Nachdem dies vollzogen ist, folgt draußen ein weiterer Teil namens “Watesink”. Die wortwörtliche Übersetzung hiervon lautet “zu essen geben”. Tzuultaqa wird rituell zum Essen eingeladen. Ein Teil der geopferten Gaben wird in den vier Himmelsrichtungen rund um das zu bauende Gebäude vergraben. Wie man den kurzen Filmen entnehmen kann, müssen sowohl Mayejak wie auch Watesink in der Nacht gefeiert werden.

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