Serbiens Kriegsverbrecher haben wieder Konjunktur. Beim jüngsten Tiefpunkt ihrer systematischen Glorifizierung durch regierungsnahe Medien ist nun Srebrenica-Schlächter Ratko Mladic per Telefon live bei einer TV-Sendung zugeschaltet worden.

Von unserem Korrespondenten Thomas Roser, Belgrad

Eine kritische Aufarbeitung der dunklen Kapitel der eigenen Geschichte ist beim EU-Anwärter Serbien nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Kriegsverbrechen der 90er Jahre werden von Regierungspolitikern systematisch beschönigt oder relativiert – und die Täter von den ihnen nahestehenden Medien längst wieder als Helden gefeiert. Jüngster Tiefpunkt der Glorifizierung der Kriegsverbrecher: die Live-Zuschaltung des wegen des von ihm befehligten Genozid in Srebrenica in erster Instanz zu lebenslang verurteilten Ex-Generals Ratko Mladic im Morgenprogramm des regierungsnahen Privatsenders TV Happy.

Bei dem Sender, den der allgewaltige Staatschef Aleksandar Vucic gerne für seine berüchtigten Monolog-Interviews zu nutzen pflegt, gastierten am Freitag außer dem rechtskräftig verurteilten Kriegsverbrecher Vojislav Seselj auch der Sohn von Mladic: Mitten in der Sendung rief Darko Mladic per Handy seinen im UN-Untersuchungsgefängnis im niederländischen Scheveningen einsitzenden Vater an.

“Es küsst euch Opa Ratko”, grüßte der zugeschaltete Kriegsscherge launig sein Publikum: Seinem fülligen Ex-Mithäftling Seselj empfahl der 75-Jährige eine Abmagerungskur und forderte ihn zu einem baldigen Schachspiel auf.

Bruch der Hausregeln

Weniger erheitert als die Studio-Gäste zeigte sich hernach eine Sprecherin des IMRCT, der Nachfolgeorganisation des Ende 2017 eingestellten UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag: Sie kündigte die Einleitung einer Untersuchung wegen des Bruchs der Hausregeln an. Den Häftlingen sei es zwar gestattet, über ein gemeinsames Gefängnistelefon unbegrenzt Kontakt zu ihren Angehörigen zu unterhalten. Doch ohne Genehmigung dürften sie nicht mit den Medien sprechen.

Nur Oppositionspolitiker und Bürgerrechtler haben derweil in Serbien auf die von ihnen als “Erniedrigung der Opfer” kritisierte Mladic-Zuschaltung bei TV Happy reagiert. Beschwichtigung und Verklärung ist in Sachen serbischer Kriegsverbrechen hingegen in Belgrader Regierungsreihen Trumpf. Bei ihrer Deutschland-Visite vergangene Woche hatte Regierungschefin Ana Brnabic in einem Interview mit der Deutschen Welle erneut erklärt, dass die von Mladic im Juli 1995 befehligten Massenhinrichtungen von über 7.000 männlichen Muslims im bosnischen Srebrenica “kein Genozid” gewesen seien.

Serbiens Kriegsverbrecher haben wieder Konjunktur. Bei der Belgrader Buchmesse im Oktober konnte nicht nur Ultranationalist Seselj an dem Stand seines Verlags “Großserbien” in der Haupthalle tagelang die Werbetrommel für sein neues Werk schlagen.
In Abwesenheit hievte ausgerechnet das Verteidigungsministerium einen weiteren rechtskräftig verurteilten Kriegsverbrecher ins Rampenlicht: Stolz präsentierte der Ministeriumsverlag “Verteidigung” bei der Bücherschau das Kosovokriegstagebuch des vom UN-Tribunal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit 2009 zu 22 Jahren Haft verurteilten Ex-Generals Nebojsa Pavkovic. Es gebe keinerlei Grund, “sich des Kampfes unserer Nation zu schämen”, begründete das Ministerium die staatlichen Rehabilitierungs-Anstrengungen für den in Finnland seine Strafe absitzenden Kriegsverbrecher.

4 Kommentare

  1. dass die von Mladic im Juli 1995 befehligten Massenhinrichtungen von über 7.000 männlichen Muslims im bosnischen Srebrenica

    Daat muss een sech emol virstellen, waat déi do gemach hun!!!!!!!!!!!!!

  2. ““kein Genozid” gewesen seien.” Die Regierungschefin Brnabic hat natürlich recht. Ein Genozid ist ein Völkermord.
    Man muss also ein ganzes Volk ausrotten um des Genozids überführt zu werden. Demnach wären Hitlers 6 Millionen Juden auch kein Genozid,denn Juden gibt es noch immer. Diese heuchlerische,beleidigende Art der serbischen Gewaltverherrlicher stellt sie doch auf die gleiche Stufe wie die Angeklagten. Oder anders rum gesagt:Wäre Mladic wieder in Serbien,dürften wir ihn bald wieder in Amt und Ehren sehen.
    So wie einst ein Hans Martin Schleyer der einstige Arbeitgeberpräsident,nach dem Straßen und Hallen benannt sind und der nebenbei auch SS-Sturmführer war.Nicht irgend einer,nein.Unter Heydrich in Prag hatte er gedient.
    Aber so ist das mit der “zweiten Chance” die jeder Mensch anscheinend zugute hat. Wer das weiß,kann dann machen was er will. Sowie in der Kirche: Sündigen macht Spaß ,denn man kann ja beichten. Ethik geht anders.

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