Wohl kaum eine Staatschefin hat Luxemburg so geprägt wie Großherzogin Charlotte. Vor 100 Jahren bestieg sie den Thron. Ein Film erinnert an ihre wichtige Rolle während des Zweiten Weltkriegs. Am Dienstag wurde er in der hauptstädtischen Philharmonie im Beisein der großherzoglichen Familie gezeigt. 

Es war ein buntes Bild, das sich am Dienstagabend in der Philharmonie bot. Mehrere hundert Gäste waren zur Vorführung des Films „Léif Lëtzebuerger“, anlässlich des 100. Jubiläums der Thronbesteigung von Großherzogin Charlotte, eingeladen worden. Um die Anwesenden auf das Event einzustimmen, wurden auf der Leinwand Fotos der Monarchin gezeigt. Dabei sah man aber nicht nur Bilder von offiziellen Anlässen, sondern auch private Aufnahmen, wie zum Beispiel von einer Billard-Partie im Hobbyraum oder vom Badeurlaub in Frankreich. Entdecken konnte man auch die nachdenkliche Seite der Monarchin, die sich besonders während des Zweiten Weltkriegs fortwährend Sorgen um Land und Leute machte.

Großherzogin Charlotte erblickte am 23. Januar 1896 im Schloss von Colmar-Berg das Licht der Welt. Sie war die zweite Tochter von Großherzog Guillaume und und Großherzogin Marie-Anne.  Als der Monarch am 25. Februar 1912 starb, folgte ihm Großherzogin Marie-Adelheid auf dem Thron. Durch ihre Rolle im Ersten Weltkrieg musste sie aber 1919 zugunsten ihrer jüngeren Schwester Charlotte abdanken.

Überlebenskampf

Die Zeit zwischen beiden Weltkriegen war nicht leicht für Europas Königshäuser, unterstrich Premierminister Xavier Bettel am Dienstag in seiner Rede. Viele Monarchien verschwanden. Nicht aber in Luxemburg. Dort festigte die neue Monarchin ihre Position durch ein Referendum. Im selben Jahr heiratet Großherzogin Charlotte Prinz Félix von Bourbon-Parma. Das Paar hat sechs Kinder, darunter der in diesem Jahr verstorbene Großherzog Jean.

1939 feierte Luxemburg seine 100 Jahre Unabhängigkeit, nichtsahnend, dass die Zukunft des Landes wenig später durch den deutschen Einmarsch ernsthaft gefährdet sein wird. Die großherzogliche Familie sowie einige Minister sind gezwungen, zu fliehen. Nach Etappen in Frankreich, Spanien und Portugal finden Prinz Félix und die Kinder Zuflucht in den USA. Die Staatschefin jedoch weigert sich, Europa zu verlassen, und lässt sich in England, in London, nieder. Von dort aus kämpft sie gegen die Nazis, für die Unabhängigkeit Luxemburgs und die Demokratie. Legendär sind ihre Ansprachen in der BBC, in denen sie dem Luxemburger Volk Mut zuspricht, zum Durchhalten oder gar zum Widerstand auffordert. Auf diese Weise wurde sie zum Symbol Luxemburgs – ein Symbol, das sie noch heute ist, unterstrich der Regierungschef. In den USA wird sie indes zum Aushängeschild der anti-deutschen Propaganda. Ihr Ehegatte Félix und ihr ältester Sohn Jean nehmen am 10. September 1944 an der Befreiung Luxemburgs teil und werden enthusiastisch empfangen, ebenso wie Großherzogin Charlotte selbst, die jedoch erst am 14. April 1945 ins Land zurückkehrt.

Die Monarchin dankt am 12. November 1964 , nach 45 Jahren an der Spitze des Landes, zugunsten von Großherzog Jean ab. Sie stirbt am 9. Juli 1985 im Alter von 89 Jahren. Sie bleibe durch ihr Charisma und ihre Rolle in schweren Zeiten immer Teil des kollektiven Gedächtnisses, betonte Xavier Bettel – und das, obwohl sie ursprünglich gar nicht Staatschefin werden sollte.

Mutter, Großmutter …

Der Enkel der „Grande Dame“, wie sie auch gerne genannt wird, Großherzog Henri, hob in seiner Rede ihre Rolle als Mutter und Großmutter hervor. Sie sei immer ein Familienmensch gewesen, der die Kunst, die Poesie, die Musik, aber vor allem die Natur liebte. Von ihr habe seine Familie das Umweltbewusstsein geerbt, ist das heutige Staatsoberhaupt überzeugt. Zudem sei es nie langweilig gewesen, weil sie stets lustige Geschichten zu erzählen hatte. „Sie war der Magnet der Familie“, so der Großherzog. Das Verhältnis zu ihrem Ehemann und ihrem Sohn Jean sei ein besonders inniges gewesen. Aus diesem Grund habe Letzterer nach seiner Thronbesteigung auch das Vermächtnis seiner Mutter unbeirrt weitergeführt.

Der Film zeigt auch die persönliche Seite der Monarchin. Ihre Zerrissenheit, als sie das Land verlassen musste, ihren Kampfeswillen, ihr unerschütterliches Engagement gegen den Totalitarismus und ihre feste Überzeugung, dass sich alles zum Guten wenden wird. Die Produktion wurde illustriert und ergänzt mit Aussagen von Zeitzeugen, Historikern sowie u.a. Nachfahren von Regierungsmitgliedern (Bech, Bodson, Krier, Dupong), die damals mit Charlotte ins Exil gingen. Dabei gab es, trotz des ernsten Themas, auch den einen oder anderen Lacher. Der Film scheint auf jeden Fall gut gefallen zu haben, denn er wurde nach dem Ende mit langem Applaus quittiert.

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