Kulturstaatssekretär Guy Arendt hat am Montag zusammen mit Lydie Polfer, Bürgermeisterin der Stadt Luxemburg, Charel Hary, Repräsentant der Schausteller, Simone Beck, Präsidentin der nationalen Unesco-Kommission, und Patrick Dondelinger, Beauftragter der Denkmalbehörde, den Aktionsplan für das immaterielle Kulturerbe Luxemburgs vorgestellt.

Von Tom Haas

Im Gegensatz zu baulichen Kulturdenkmälern bezeichnet immaterielles Kulturerbe die Bräuche und Sitten eines Landes oder einer Region, die von der Bevölkerung gepflegt werden und zur Konstruktion einer gemeinsamen kulturellen Identität beitragen. Erwartungsgemäß liegt der Fokus in Luxemburg demnach auf Veranstaltungen, bei denen entweder Essen und Trinken oder aber die katholische Kirche eine wesentliche Rolle spielen – im Falle der “Octav” ist sogar die vollendete Vereinigung der beiden Traditionslinien zu bewundern.

Im Inventar des nationalen immateriellen Kulturerbes befinden sich zudem die “Iechternacher Sprangprëssessioun”, die “Éimaischen” und die “Schueberfouer”, weswegen die 678. Auflage der Schobermesse – genauer gesagt das Restaurant Kugener – auch die Kulisse für die Pressekonferenz am Montag bot. Die Erkenntnis, dass mit Simone Beck und Patrick Dondelinger eine Zusammenarbeit mit ausgewiesenen Fachleuten in die Wege geleitet wurde, lässt darauf hoffen, dass das Projekt, das seit 2008 brachliegt, nun wieder Fahrt aufnimmt.

Weitere luxemburgische Traditionen wie das “Klibberen” und das “Buergbrennen” stehen laut Arendt auf der Anwärterliste. Zudem sind Gemeinden, Vereine und Bürger dazu aufgerufen, weitere Vorschläge zu unterbreiten – die Unesco sieht diesbezüglich vor, dass eben nicht von oben herab diktiert wird, was nun zum Kulturerbe gehört, sondern dass auch diejenigen sich einbringen, die das Brauchtum aktiv pflegen. Auf der Website iki.lu können Sie das dafür erforderliche Formular herunterladen.

Es besteht noch Nachholbedarf

Simone Beck präzisierte am Montag, dass zum immateriellen Kulturerbe neben gesellschaftlichen Bräuchen und Festen auch Disziplinen gehören, denen in Luxemburg bislang wenig Rechnung getragen wird – namentlich die darstellenden Künste, traditionelle Handwerkstechniken, Wissen und Bräuche über die Natur und das Universum und nicht zuletzt mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen. Hier besteht also noch Nachholbedarf.

Den Gedanken von Inklusion und Diversität hob Patrick Dondelinger nochmal hervor. Um allen Menschen, die hier im Land die Schöpfung und den Erhalt der Kultur betreiben, die Teilnahme zu ermöglichen, ist die Webseite in vier Sprachen verfügbar – in Deutsch, Französisch, Englisch und Luxemburgisch. Die Arbeitsgrundlage der Unesco ist auch die Idee des internationalen Austauschs und der Zusammenarbeit abseits der politischen und wirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung. Ein “Schmelztiegel”, wie Beck es nennt – und was Luxemburg ohne Zweifel auch ist –, eignet sich hervorragend, um diese Vielfalt zu fördern und zu feiern.


Kommentar: Kulturerbstreit in Luxemburg

Aus dem erklärten Ziel, ein immaterielles Erbe zu konservieren, ergeben sich notwendigerweise gewisse Probleme. Bräuche, Sitten, Wissen und Fertigkeiten sind im stetigen Wandel begriffen, verändern sich von Generation zu Generation – man vergleiche nur die “Schueberfouer” heute mit jener von vor 50 Jahren. Ein Konservierungsbestreben beinhaltet jedoch immer ein starres Moment, eine Tendenz zur Musealisierung und Entfunktionalisierung – eine Veranstaltung, die wegen ihres originellen und traditionellen Charakters von der Unesco als schützenswert deklariert wird, ist dann plötzlich schützenswert, weil sie auf der Unesco-Liste steht. Das ist eine völlige Verdrehung der Verhältnisse.

Bestes Beispiel ist der ehemalige Echternacher Bürgermeister Jos Scheuer (LSAP), der die Forderung nach einem schulfreien Tag am Pfingstdienstag zur “Sprangprëssessioun” mit dem “Respekt vor dem Weltkulturerbe” begründete. Marc Thill vom Luxemburger Wort hat diese Forderung gestern in einem Leitartikel erneuert, ebenfalls mit der Begründung, dass es sich ja um ein Unesco-Weltkulturerbe handelt. Die Ironie, im Namen einer Organisation, die Bildung als eine ihrer wichtigsten Aufgaben betrachtet, ein Aussetzen des Unterrichts zu verlangen, ist beiden anscheinend entgangen.

Recht auf Festlegung existiert nicht

Vollkommen unabhängig davon, dass sich jeder Schüler, der zur “Sprangprëssessioun” möchte, heute bereits von der Teilnahme am Unterricht befreien lassen kann, läuft die Forderung auch den Bedingungen zuwider, welche die Unesco selbst für ihr immaterielles Erbe vorsieht. Denn wenn ein Brauch von den Menschen nicht mehr gepflegt wird, ist er möglicherweise einfach überlebt. Es bringt wenig, ihn dann an ein staatlich gefördertes Beatmungsgerät anzuschließen und ins künstliche Siechtum zu versetzen, nur um dann im Ausland mit der reichen Tradition der Heimat prahlen zu können – oder im Inland einen weiteren Fototermin wahrnehmen zu können, um sich möglichst volksnah zu geben.

Vor dem Hintergrund läuft auch die Forderung von Lydie Polfer bei der Pressekonferenz, die “Schueberfouer” müsse am Glacis bleiben, ins Leere. In ihrer jahrhundertealten Geschichte ist die Messe nämlich bereits einmal umgezogen – 1610 vom Plateau du Saint-Esprit auf den Limpertsberg. Und so wie sich das Gesicht des Volksfestes über die Zeit gewandelt hat, kann sich durchaus auch der Ort der Veranstaltung ändern. Ein Recht auf die Festlegung, wie, wo und ob ein traditionelles Fest begangen wird, existiert in der Unesco-Charta nämlich nicht. Wichtig ist nämlich das Verständnis, das die Gäste von dem Fest haben. Das ist die kulturelle Identität, die damit verknüpft ist – und damit auch das, was die Unesco als immaterielles Erbe schützen will.

2 Kommentare

  1. Ech wier de Léschten, deen eis Kultur a Gebräicher net erhaale wëllt, awer ech weess net, ob sou eng Lëscht de richtege Wee ass. Well wann geschwënn alles op dëser Lëscht drop steet, dann ass et wéi wann näischt drop wier.

  2. Et ass, wéi den Auteur schreift : “Denn wenn ein Brauch von den Menschen nicht mehr gepflegt wird, ist er möglicherweise einfach überlebt.”
    Fréier war et de Brauch, dass d’Lëtzebuerger sonndes an d’Mass gaange sinn. Haut ass dee “Brauch” gréisstendeels iwwerlieft. An dat huet näischt domat ze dinn, ob d’Mënsche sonndes schaffe mussen oder net.
    An et géif och kengem verstännege Mënsch afalen ze soen, mer missten d’Leit wéinst dem Brauch forcéieren, sonndes an d’Mass ze goen.

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