In einem vor kurzem in den “Cahiers luxembourgeois” erschienenen Artikel vergegenwärtigt Marc Limpach die Geschichte des luxemburgischen Intellektuellen und eröffnet die Debatte mit der Frage nach dem heutigen Status des Intellektuellen in Luxemburg – Limpach bezieht sich zum Teil auf einen Artikel von Josée Hansen, in dem diese behauptete, der Intellektuelle in Luxemburg sei vom Aussterben bedroht. Dies gilt leider nicht nur für Luxemburg – und einer der Gründe mag darin liegen, dass der Intellektuelle sich zunehmend mehr mit sich selbst als mit der Welt beschäftigt.

Eigentlich müsste die intellektuelle Zunft sozialen Netzwerken eine gesunde Portion Misstrauen entgegenbringen – weil sie nicht nur um die plakative Selbstdarstellung, sondern auch um das, was dahintersteht, weiß. Als da wären die Algorithmen, die das virtuelle Weltbild auf das eigene Benutzerprofil maßschneidern, die Kluft zwischen dargestellter und persönlicher Zufriedenheit, die Überwachungsmechanismen, die längst aus dem fiktionalen Rahmen der bekifften Internetparanoia in die Wirklichkeit entflohen sind.

Trotzdem verfallen Künstler und (zum Teil selbst ernannte) Intellektuelle immer häufiger ebendiesem Selbstdarstellungswahn, teilen zweifelhafte Errungenschaften mit, verfallen der kurzen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne des Internets, liefern folglich nur fragmentierte Überlegungen und nutzen Facebook und Konsorten wie viele andere – zu Selbstvermarktungszwecken. Solche Ablenkungsmechanismen hindern einen daran, eine Gesamtanalyse eines Systems oder einer Gesellschaft aufzustellen – und niederzuschreiben.

Die Fassade des sozialen Pinnwandlebens zerbröselt so immer mehr und weicht einer Welt, in der jeder seinem virtuellen Freundeskreis irgendwas andrehen will – meist wohl einfach die eigene Virtuosität. Das soziale Zusammenleben auf Facebook ist bald nicht mehr und nicht weniger als ein wirtschaftlicher Austausch. Selbst geteilte Artikel unterliegen dem Prinzip des Selbstbildschaffens und dienen hauptsächlich dazu, dem anderen das eigene Interessenzentrum zu vermitteln.

Die Befriedigung eines basischen Anerkennungstriebes versperrt so die Möglichkeit einer tiefgründigeren Analyse. Künstler und Denkende werden vom System ermutigt, Selbstdarstellung zu betreiben, und gehen stupiden Vermarktungsstrategien nach, um den Bekanntheitsgrad nach oben zu schrauben – als pars pro toto sei hier das dämliche Phänomen, sein kürzlich veröffentlichtes Buch in diversen Ferienorten von Lesern, Fans oder Bekannten ablichten zu lassen, erwähnt.

Da der Denkende um die Niveaulosigkeit dieses Nach-unten-Anpassens weiß, wird er dazu verleitet, seiner Selbstvermarktung ebendiesen ironischen Unterton zu verpassen, der Anfang der 70er als postmoderne Ironie bezeichnet wurde. Leider hat diese Ironie, wie David Foster Wallace in seinem Essai „E Unibus Pluram“ überzeugend darstellte, im späten Kapitalismus ihre Wirkung vollends verloren. Es ist nämlich ganz gleich, bzw. ist es dem System herzlich egal, ob man sich ironisch oder unironisch vermarktet – Hauptsache der wirtschaftliche Austausch findet statt.

Die Ironie ist schmückendes und letztlich heuchlerisches Beiwerk – sie wird zur bloßen Ausfallsicherung, mit deren Hilfe man zeigen kann, dass man doch noch gegen die Selbsterniedrigung rebelliert, obwohl man eigentlich weiß, dass man dies längst nicht mehr tut. Es ist kein gutes Zeichen, zu sehen, dass sich die denkende Zunft – in Luxemburg und im Ausland – oftmals nicht mehr über das System auslässt, sondern diesem aus Egomanie und Anerkennungssucht längst selbst verfallen ist.

6 Kommentare

  1. Von den heutigen Intellektuellen ist kaum noch ein kritisches Nachdenken über soziale und gesellschaftliche Probleme zu erwarten. Unsere Kultur befindet sich in der Endphase der Dekadenz, und wird zusammenbrechen, wie bisher alle hoch entwickelten Kulturen. Nur damals ging der Verfall nur langsam weiter. Heute geht dies schneller, und zusätzlich hat der Mensch heute die Möglichkeit, in der Agonie seiner Gesellschaft die ganze Welt in den Abgrund zu stürzen

  2. Mal abgesehen von diesem scheußlichen Titel “wegen sozialen Netzwerken” in falschem Deutsch, glauben Sie nicht, daß Sie zu sehr verallgemeinern?

    Mich persönlich langweilen die sozialen Netzwerke. Es gibt ein paar Perlen, aber unglaublich viel Schund. Aber gab es nicht immer die, die sich eher vermarktet haben? Gibt es diese Niveaulosigkeitsdiskussionen unter Intellektuellen und Künstlern nicht schon jahrzehntelang, wenn nicht sogar Jahrhunderte, lange vor facebook und Co?

    Die Frage ist: wer setzt eigentlich ein Niveau fest? Und was ist das Niveau?

    Ausserdem – kann man nicht misstrauisch sein und gleichzeitig mit der Zeit gehen?

    • kann man nicht misstrauisch sein und gleichzeitig mit der Zeit gehen?
      Richtig Information ist das halbe Leben man muß es ja nicht benutzen aber man kann mitreden was viele nicht können das sie nicht das Interesse haben ihren geistigen Habitus zu erweitern, so nach dem Motto ” los mer meng ruh mer geht et guud “.
      Wen kann man in der heutigen Zeit noch als Intellektuell bezeichnen wo man alles Googln kann.
      Ich habe gelernt viel zu lesen und zu Fragen aber das ist eine andere Generation, heute ist alles schnelllebig und morgen schon veraltet, irgend wann überholen wir uns selbst.
      Das einzige soziale Netzwerk das ich nutze ist facebook, nicht wegen Freunde, sondern um Nachrichten zu lesen und manchmal zu kommentieren. Thats all.

  3. Die einheimischen Künstler werden oft auf Kosten ausländischer Kollegen sträflichst vernachlässigt . Auffallend ist z.B. dass in einer bestimmten Zentrumsgemeinde alle Jahre wieder polnische Bildhauer/innen oder Fotograf(inn)en substantiell gefördert und bevorzugt werden. ” Nul n’est prophète dans son propre pays “! Oberflächlichkeit und Mittelmass sind gefragt. Die Intellektuellen werden belächelt. Wer hört noch auf sie? Es gibt ja alles, besonders viel Müll, frei Haus und mühelos im Internet.

    • Genau und zu diesem Zweck fahren dann ganze Gruppen der jeweiligen Gemeinde zu diesen Personen für teures Geld was der Steuerzahler finanziert um ausländische Künstler zu fördern und die eigenen kucken in die Röhre.
      Bestes Beispiel : Esch / Alzette Brillplatz teure Reise nach Österreich ( Andre Heller ) kosten ein paar hundert Tausend €uro Pojekt sollte kosten ca. € 5,0 Millionen , Problem steht aber schon in Hamburg ( BRD ) was soll der Quatsch wir haben auch gute Architekten und Designer, haben wir kein Vertrauen in unsere eigenen Leute.

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