Konventionelle, im Sinne von durch die Krankenkasse anerkannte Angebote für Behinderte gibt es zur Genüge. Trotzdem reicht das manchmal nicht. Jacques Steffen erhält mit 34 Jahren die Diagnose “Multiple Sklerose”. Seit drei Jahren hilft ihm “De Leederwon” dabei, mit dem unaufhaltsamen Verfall des Körpers klarzukommen.

Auf dem kleinen Hof inmitten von Betzdorf herrscht Gelassenheit. Es ist diese Art von Gelassenheit, die aus dem Wissen heraus entsteht, dass nicht alle Menschen auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Das spüren auch die Patienten, die hier mit Methoden behandelt werden, die nicht im Abrechnungskatalog der Gesundheitskasse vorgesehen sind. “Der Hof tut gut, die ländliche Atmosphäre, die Pferde, einfach alles”, sagt Jacques Steffen.

Der 57-Jährige sitzt seit drei Jahren im Rollstuhl. Da haben ihm die Beine endgültig den Dienst versagt. Er hat die “Krankheit mit den 1.000 Gesichtern”, wie er die Multiple Sklerose nennt. 1.000 Gesichter deshalb, weil sie sich bei jedem anders äußert. Bei ihm waren es die Beine, er knickte in den Knien weg. Ungefähr zur gleichen Zeit, als der Rollstuhl Teil seines Lebens wird, entdeckt er “De Leederwon”.

Anerkennung “bitter nötig”

“Das ist die perfekte Massage”, sagt er, “das ist wie schweben, wie auf Wolken.” Die Bewegungen machen ihn leicht, entspannen so stark, dass er manchmal sogar einschläft. Andere Patienten des Hofes müssen in den Wagen gehoben werden, er hat den Ehrgeiz entwickelt, noch selbst die paar Stufen bis ins “Bett” hinauf- und hinabzugehen. “Rauf geht es viel schlechter als nach der Therapie runter”, sagt er, “meine Bewegungen sind danach fließender.” Als Präsident von “Multiple Sklerose Luxemburg” plädiert er dafür, die Therapie endlich auch als Leistung des Gesundheitssystems anzuerkennen. “Es wäre bitter nötig, wenn das hier bezahlt würde”, sagt er, “die politisch Verantwortlichen sollten sich hier mal davon überzeugen, wie viel die Patienten davon profitieren.”

Er kann das noch sagen, andere Patienten sind schwerstbehindert und können nicht mehr sprechen. “Manchmal geht es hier recht laut zu”, sagt Peter Aendekerk, der Initiator des Ganzen. Das ist der Fall, wenn Patienten kommen, die sich nur noch durch Laute äußern können und das oft sehr lautstark tun. Nach Tagen mit vielen solcher Patienten dürfen die Pferde mit einer normalen Kutsche einfach mal durch den Wald rennen. Auch sie brauchen Entspannung. Therapiepferd zu sein, ist ein anstrengender Job, der spezielle Ausbildung erfordert. Wie arbeitsintensiv das für den “Trainer” ist, sehen die wenigsten.

Idee stammt aus Holland

Die Idee für die Konstruktion einer Kutsche “um die Pferde herum”, wo der Kutscher hinten und nicht vorne sitzt und ein behinderter Mensch in einer Art Hängematte auf dem Rücken der Pferde liegt und deren Bewegungen mitmacht, kommt aus Holland. Ein Bauer hatte sie, der Luxemburger mit holländischen Wurzeln perfektioniert sie vor zehn Jahren. Rund 23.000 Euro und 400 Arbeitsstunden hat die erste Kutsche Marke Eigenbau gekostet. Mit ihr startet Aendekerk das Angebot vor zehn Jahren. Der 60-Jährige ist den Umgang mit behinderten Menschen gewohnt. Fast vierzig Jahre arbeitet er in einer Betreuungseinrichtung für schwerstbehinderte Menschen. Er lernt diese Welt mit 14 Jahren kennen. “Seitdem gehört das zu meinem Leben”, sagt er. Er macht zunächst einen Abschluss als Maschinenschlosser, holt später den Abschluss als Gärtnermeister, Landwirt und Schreiner nach und denkt über sinnvolle Beschäftigungen für die Behinderten im Alltag nach.

Als er die Asbl. “De Leederwon” gründet, tut er das auch mit dem Gefühl, seine Vorstellungen vom Umgang mit Behinderten umsetzen zu können. Er findet von Anfang an großzügige Unterstützer. Einer von ihnen bezahlt die Stelle mit 35 Wochenstunden von Sarah Clement.

“Pferde sind mein Leben”

Die heute 27-Jährige hat mit 18 Jahren einen schweren Autounfall, Schädelhirntrauma. Seitdem hält eine Schraube ihr Genick zusammen, es war gebrochen. Der Traumberuf Tierärztin ist seit dem Unfall Geschichte, denn sie hat bleibende Hirnschäden. Mit den “normalen” Angeboten in den Behindertenwerkstätten kommt sie nach der Genesung nicht zurecht. “De Leederwon” kennt sie von einem Praktikum, dass der “Service national de jeunesse” ihr besorgt. “Pferde sind mein Leben”, sagt sie. Seit vier Jahren wird sie von einem Gönner der Asbl. bezahlt. Aendekerk ist froh, dass sie da ist, die Therapiestunden sind personalintensiv.

Wie es mit der Asbl. einmal weitergeht, wenn er nicht mehr kann, ist offen. “Interessierte junge Leute gibt es genug”, sagt er, “aber sie müssen irgendwie bezahlt werden.” Er ist mittlerweile in Rente gegangen. Während sich das irgendwann einmal klären muss, wird sich hoffentlich bald das nächste Projekt umsetzen lassen. Hinter Haus und Stall ist der Bau einer Halle geplant, damit die Stunden unabhängig vom Wetter stattfinden können. 350 Fahrten macht er nach eigenen Angaben jährlich mit dem “Therapiebett” auf vier Beinen. Bis Juni 2018 ist der Kalender vom “Leederwon” schon gut gebucht.

5 Kommentare

  1. Wenn eine solche Form der Bewegung bei Krankheiten wirklich hilft, schön und gut. Das lässt sich auch mit Maschinen erzeugen. Dazu braucht man keinen teueren Wagen, unmengen Personal und im Unterhalt sündhaft teuere Tiere. Wenn es der Kontakt mit den Pferden ist der hilft, soll man Ausflüge in einen Stall organisieren wo der Kontakt mit Pferden möglich ist. Ich stelle nicht in Abrede dass es für die Menschen angenehm ist, wäre es mir wohl auch. Aber angenehm ist vieles und ich bin froh dass die Krankenkasse so etwas nicht übernimmt. Wenn ich eine Brille brauche;, ein für mich überlebenswichtiges, medizinisches Gerät, trägt die Krankenkasse einen Bruchteil dazu bei. Würde eine Liegemassage auf Pferderücken für Behinderte übernommen werden wäre ich echt wütend.

  2. Frau Trapp,

    Leider haben Sie weder Einsatz noch das Problem erkannt.

    Diese Arbeit und Einsatz sind mit keinem Geld auf der Welt zu bezahlen,

    Und jeder von uns sollte bedenken::::::Morgen können wir alle Hilfe und moralische Unterstützung gebrauchen..

    Was leisten Sie denn persoehlich unentgeltlich fuer behelfsbedürftige Mitmenschen ?????????? wenn Sie Art und Weise von Leederwon in Frage stellen

    Louis Wagner

  3. Ich finde dieses eine tolle Sache und respektiere alle die sich für behinderte Menschen einsetzen.Diesem Herr Peter will ich hier noch sagen,beten sie jeden Tag dass Sie gesund bleiben und nie so eine Hilfe brauchen.

    • Wenn ich mal krank werde lasse ich mich mit bewährten herkömmlichen Mitteln behandeln. Gewisse Etablissements in der Stadt aufzusuchen würde mir in dem Fall auch gut tun und Trost spenden; aber der Krankenkasse sollte man das dann in dem Fall auch nicht aufhalsen. Man kann mich übrigens zuhause besuchen wenn man Rückenschmerzen hat; für 150 Euro die Stunde lasse ich meinen Hund auf dem Rücken der Leute rumlaufen. Eine echte Wohltat 😉

  4. Nur kleine Bemerkung am Rande: MS wird hier anders medikamentiert als z.B. in Brasilien, berichte aus Erfahrung, wieso? H. Steffen könnte sich als Präsident mal informieren lassen.

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