Ein kleines bisschen Horrorschau: Ärzte-Musiker Bela B Felsenheimer lässt in seinem Debütroman „Scharnow“ ein Panoptikum unterschiedlichster Wesen aufeinander los.

Von Oliver Seifert

Der Pakt der Glücklichen hat sich von der modernen Welt abgewandt und eine WG in der brandenburgischen Provinz bezogen. Sein extra verfertigtes Manifest propagiert bizarre Varianten von Hedonismus und Kollektivismus und sehr weit hinten auch Anstand und Klugheit. Wissen, Mitgefühl oder Sauberkeit werden ausdrücklich keine Bedeutung beigemessen, Gewalt als letzte Möglichkeit der Konfliktlösung ist dank eines Zusatzes erlaubt. In der Praxis setzt sich das Glücklichsein dann aus drei gemeinschaftlichen Handlungen zusammen: dem Saufen, dem Quarzen und dem Filmeglotzen (Splatter oder Porno).

Dieser ungewöhnlichen Männerrunde (oder hat hier irgendwer ernsthaft auch Frauen als Mitglieder vermutet?) ist jedenfalls einiges zuzutrauen, und als plötzlich im Discounter ein seltsames Quartett auftaucht, hackedicht und splitterfasernackt, aber maskiert, muss nicht lange über die Herkunft der Täter gegrübelt werden. Dabei ist es nicht so, dass sich die anderen, verdammt vielen Personen in Bela B Felsenheimers Debütroman nur lieb und nett verhalten und kein Wässerchen trüben können, aber so blöd stellt sich dann doch niemand an bei der Verrichtung seiner Missetaten. Der Bund skeptischer Bürger etwa, noch so ein zweifelhafter Haufen durchgeknallter Typen, geht da anders vor, viel konspirativer, denn er wittert eine Verschwörung der sogenannten Weltenlenker, die über Haustiere mit telepathischen Fähigkeiten einflussreiche Persönlichkeiten manipulieren.

Außerirdische Mischung

Hä? Was? In Scharnow, einem Kaff nahe Berlin, sind revolutionäre Zellen mit schwer verständlichen Ereignissen beschäftigt, die die USA ebenso betreffen wie außerirdische Instanzen, so viel ist klar – falls denn etwas klar ist. Bizarre Brandenburg-Belletristik wie Juli Zehs „Unterleuten“, Ralph Hammerthalers „Kurzer Roman über ein Verbrechen“, Florian Ludwigs „Brandenburg muss brennen, damit wir grillen können“, Saša Stanišics „Vor dem Fest“ oder Tom Liehrs „Landeier“ sind ja mittlerweile keine Seltenheit, aber Bela B Felsenheimer, 1962 in Berlin West geboren, setzt mit seinem abgedrehten Werk noch einen drauf. Die Provinz ist bei ihm aus den Fugen, die kleine (längst nicht mehr heile) Welt nur ein Abbild der großen: Als Tummelplatz zwielichtiger Bünde und Koalitionen, Ansammlungen von Individualisten und Spinnern, wo jeder seiner Paranoia frönt, dient es nur der eigenen, auserwählten Sache. Wenn der normale und paranormale Wahnsinn aufeinandertreffen, dann ist ein Panoptikum unterschiedlichster Wesen garantiert: die alleinerziehende Mutter als nebenberufliche Pornodarstellerin, das Mitglied im Pakt der Glücklichen als Transe, der Dorfbulle als Splattermovie-Fan, der Milliardär erst als Gülle-König, dann als Zirkus-Direktor (und führender Kämpfer gegen die Weltverschwörung), der Supermensch als fliegender Zerstörer, der Greis als Parkplatz der Seelenwanderung, das Nashorn als Chef-Alien, die sprechenden Waldtiere, das ominöse Buch, das denken und fühlen kann und Gespräche mit anderen Büchern im Regal führt.

Puzzleteile und Fiesta

Dieser Brandenburg-Roman überwindet spielend die Grenzen vom Reich der Lebenden und dem Reich der Toten, von irdischer und außerirdischer Sphäre, von der lebendigen und dinglichen Welt, von Mensch und Tier, von Raum und Zeit. Die Krimi-, Abenteuer- und Liebesgeschichte driftet wie selbstverständlich ab in Fantasy, Science Fiction und Horror, von Literatur und Film, Independent und Mainstream gleichermaßen angefixt.

Dass wir diesen waghalsigen, spannenden Trip ausgerechnet einem eher konventionell agierenden Rockmusiker verdanken, der mit der Band Die Ärzte seit vielen Jahren kommerziell sehr erfolgreich die Charts und Multifunktionsarenen entert, ist nur auf den ersten Blick eine Überraschung. Bela B Felsenheimer, als Bürger eigentlich Dirk Felsenheimer, als Künstler Bela B, spiegelt darin seine vielfältigen Interessen, von Horror-Comics, Science-Fiction-Serien bis Tarantino-Filmen, von Action-Superhelden, Dracula bis Zombies.

Als Solomusiker, Verleger, Schauspieler, Synchronsprecher hat er sich schon in vielen abseitig erscheinenden Themenfeldern ausprobiert, sein erster Roman setzt auf durchaus beachtliche, mutige Weise diese Lust am Experiment fort. „Scharnow“ will viel, das ist zu merken, aber selbst wenn nicht alles davon in der Umsetzung gelungen ist, so bleibt doch ein sprachlich souveräner, inhaltlich origineller Brandenburg-Roman, bei dem alle Puzzleteile am Ende nicht unbedingt ein zusammenhängendes Bild ergeben müssen. Doch immer dann, wenn es nötig ist im Kleinkrieg der Welten, und das ist oft der Fall, taucht Rex Gildo unvermittelt auf mit seinem Versöhnungslied „Fiesta Mexicana“. Als Deus ex machina hätte sich Bela B Felsenheimer keinen besseren aussuchen können für diese groteske brandenburgische Provinzposse. Darauf ein energisches Hossa, hossa, hossa, hossa!

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