Sie denken, eine Kreuzung von Actionfilm und Superhelden-Streifen mit Science-Fiction-Einsprengseln, Road-Movie-Elementen und einer soziologischen Milieustudie wäre zu viel des Guten? “Kin” tut wenig, um eine solche Annahme zu widerlegen – auch wenn die schottische Kultband Mogwai einen der besten Soundtracks des Jahres als Vorlage liefert.

Film ist eine transmediale Kunstform. Da, wo Literatur sich (meist) alleine auf Wörter verlassen muss, da vermag es das Kino im Idealfall, Musik, Wort und Bild zu einem stimmigen Gesamtwerk zu formen. Ein gelungener Film braucht nicht unbedingt eine starke Soundkulisse – man siehe z.B. die Filme von Michael Haneke – und auch keine starken Texte – man denke an die Stummfilmhommage “The Artist” –, Soundtrack und Dialoge sind aber durchaus zu wichtigen ästhetischen Kriterien geworden, um einen Kinofilm zu beurteilen.

Weswegen “Kin” eigentlich vielversprechend klingt: Für den ersten Spielfilm von Jonathan und Josh Baker komponierte die schottische Post-Rock-Band Mogwai nämlich einen ausgezeichneten, stimmungsvollen Soundtrack, der glücklicherweise auch unabhängig vom Film funktioniert. Wieso der Streifen im Endeffekt nur sehr selten auf diesen zurückgreift, ist genauso fragwürdig wie der Plot, der Actionfilmprämissen mit Road-Movie-Elementen zu einer soziologischen Milieustudie zusammendichtet, die mit den strukturellen Elementen eines klassischen Superheldenfilms überzuckert werden. Klingt anstrengend? Ist es auch ein klein wenig.

Was der Plot dann auch belegt. Detroit, 2018. Hal (Dennis Quaid) ist besorgt. Sein Adoptivsohn Elijah (Neuling Myles Truitt) ist seit dem Tod seiner Mutter ein einsamer Teenager, der in Schlägereien verwickelt wird und auf verlassenen Industriegeländen Alteisen stiehlt. Was anfänglich wie ein Werbespot wirkt, der die beschäftigungstherapeutischen Vorzüge des Smartphones preisen könnte, mutiert schnell in ein Scifi-Drama, da Eli in einem verwahrlosten Industriegebäude, von denen es in Detroit ja so einige gibt, auf bizarre Roboter und eine mächtig beeindruckende Waffe stößt, die er prompt entwendet.

Unentschlossen

Parallel wird Hals biologischer Sohn Jimmy (Jack Reynor) aus dem Knast entlassen, sucht für ein paar Tage Unterschlupf bei der Familie, verstrickt sich aber schnell wieder in kriminelle Machenschaften, da er Obergauner Taylor Balik (James Franco) 60.000 Dollar schuldet. Als Jimmy diese zusammen mit Taylor und dessen Bruder aus dem Safe von Daddys Arbeitsplatz stehlen will, ertappt Hal die Gauner auf frischer Tat. Vater Hal sowie Taylors Bruder überleben die unausweichliche Schießerei nicht und Jimmy ergreift die Flucht.

Da Jimmy und sein Bruder nun vor Taylors krimineller Bande flüchten müssen, Jimmy seinem Bruder aber nicht verraten möchte, dass er für den Tod seines Vaters verantwortlich ist, erzählt er Eli einfach, er würde, um das Familienverhältnis aufzubessern, einen brüderliche Reise nach Lake Tahoe unternehmen, wo dann auch der Vater zu ihnen stoßen soll. Es folgt eine Art Road-Trip-Version von “La vita è bella” – nur, dass die Gefahr hier von einer kriminellen Bande und einer Menge von Robotern, die ihre Waffe zurückhaben möchten, ausgeht.

“Kin” wirkt ein wenig wie eine wenig gelungenere Version von Jeff Nichols’ “Midnight Special”, von dem er die Motive des Kindes mit außergewöhnlicher Gabe, die Scifi-Elemente und das Road-Movie-Prinzip übernimmt. Leider tauscht “Kin” die Stärken seines Vorbildes gegen eine relativ unglaubwürdige, etwas einfallslose Story und eine ebenso wenig plausible Charakterzeichnung aus.

Die generische Unentschlossenheit, mit der “Kin” alle Stil-Elemente bunt zusammenwürfelt, schlägt sich auch auf die Kameraführung und die Regie nieder, da hier Action-Bombast mit ruhigeren Momenten, im Laufe derer das Verhältnis zwischen den Brüdern eingefangen werden soll, zusammenprallen. Im Laufe dieser ruhiger Momente erklingt dann z.B. das tolle “Donuts” – jedoch wird hier immer wieder die durch den Soundtrack von Mogwai entstehende Atmosphäre zugunsten intradiegetischer Musik (sprich: Musik, die die Figuren auch im Film selbst hören, z.B. durch Jimmys Autoradio) unterbrochen, sodass man sich im Endeffekt fragt, wieso die Band überhaupt mit dem Soundtrack-Komponieren beauftragt wird, wenn das fertige Produkt am Ende unzureichend eingesetzt wird.

Das Finale, das wiederum von “Midnight Special” abgekupfert ist, ist dabei in allen Hinsichten so mit den Haaren herbeigezogen, dass man sich fragt, ob die Baker-Brüder hier nicht noch das Genre der Comedy in ihren filmischen Teig hineinkneten wollten. Dass der Streifen ganz klar auf eine Fortsetzung münzt, scheint definitiv etwas größenwahnsinnig.



Die Bilder der anderen

MOGWAI
KIN (O.S.T.)

ANSPIELTIPPS: Scrap, Flee, Donuts, We’re Not Done

Das Genre des Post-Rocks bietet sich eigentlich perfekt an, um für Soundtracks zweckentfremdet zu werden, geht es dieser Musikrichtung doch hauptsächlich darum, klangliche Stimmungen zu erzeugen, die oftmals komplex und überwältigend sind. Und trotzdem funktioniert die Zusammenarbeit nicht immer – weil die instrumentalen Welten des Post-Rocks eher intime Stimmungen in den Köpfen des Zuhörers erschaffen, wo ein Film fordert, dass die Musik das Visuelle kommentiert oder begleitet.

Mogwai sind keineswegs Neulinge, wenn es darum geht, die Soundkulisse zu Filmen zu gestalten. Auch wenn KIN damit wirbt, der Film wäre Mogwais erste Arbeit an einem “Feature Film”, dann ist dies nur halb korrekt: Für Darren Aronofskys “The Fountain” (den einige als kitschigen Flop, andere als erzählerisch verschachtelte Großtat ansehen) spielten sie Filmkomponist Clint Mansells Soundtrack zusammen mit dem Kronos-Quartett ein. Auch zeichneten sie für die Arbeit am Soundtrack der französischen Serie “Les Revenants” verantwortlich. Des Weiteren vertonten sie eine Reihe von Dokumentarfilmen (u.a. die empfehlenswerten “Zidane – A 21st Century Portrait” und “Atomic”).

Wieso sich die Band nun entschieden hat, diesen bestenfalls mittelprächtigen Film zu vertonen, mag einem vielleicht schleierhaft erscheinen, dies tut der Qualität des gebotenen Soundtracks aber keinen Abbruch. So basiert “Scrap” auf einem einprägsamen, melancholischen Klavier, im Hintergrund türmen sich die Gitarren so prächtig-diskret auf, dass sich die typische Mogwai-Melancholie innerhalb von Sekunden spürbar macht. Später pulsiert ein Sirenen-Sound, der eine Dringlichkeit andeutet, die im anschließenden “Flee” verstärkt wird: Hier flirrt ein Synthesizer in bester 65daysofstatic-Manier, das Klavier schichtet sich darauf, bis ein knackiger Bass die Geschwindigkeit herauszieht und den Song in Begleitung von flächigen Synthies in eine ruhigere Atmosphäre eintaucht.

“Donuts” erinnert daran, wie sehr Mogwai in der letzten Dekade die Klangtüftelei präziser, gesättigter Synthie-Sounds für sich entdeckt haben. Zusammen mit Tracks wie “Guns Down” oder “Kin” funktionieren diese Songs sowohl als Mogwai-Kompositionen als auch als filmische Begleitmusik. Lediglich “Funeral Pyre” oder “Miscreants” sind rein atmosphärische Untermalung von Filmsequenzen und schaffen es daher nicht ins Pantheon der Schotten.
Dafür gibt’s mit “We’re Not Done (End Title)” wieder einen dieser Tracks mit Vocals, die mittlerweile auf fast jedem Album auftauchen und zeigen, dass Mogwai-Songs auch Ohrwurmpotenzial haben können. Wieso der Track beim Abspann dann ohne Gesang läuft, ist schlicht unverständlich. Ganz gleich, ob Mogwai jetzt die Bilder anderer vertonen oder eigene Klangbilder erschaffen – das musikalische Schaffen ihrer mittlerweile 23-jährigen Karriere blieb stets ohne Aussetzer atmosphärisch, intelligent, melancholisch und umwerfend. Da stellt auch dieser Soundtrack keine Ausnahme dar.

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