Ein unspektakulärer Film ohne Spezialeffekte und ohne Potenzial zum Blockbuster im Kinepolis Kirchberg. Allein das ist schon eine Rezension wert. Aber da ist noch mehr. Eine sehenswerte Geschichte über Freundschaft und Vertrauen, die lediglich etwas zu lang geraten ist.

Fernsehzuschauern wird Melissa McCarthy durch ihre Titelrolle aus der TV-Sitcom „Mike und Molly“ bekannt sein. Doch auf den ersten Blick erkennt man sie nicht wieder in der Rolle einer 51-jährigen Alkoholikerin. „Can You Ever Forgive Me?“ erzählt die Geschichte von Lee Israel, die in den 1970ern und 80ern mit Erfolg Briefe von u.a. Katharine Hepburn, Tallulah Bankhead, Estée Lauder fälschte.

Gleich in den zwei ersten Szenen des Films zeigt uns die Regisseurin Marielle Heller das Dreieck, in dem sich das Leben der Protagonistin Lee Israel abspielt: Alkohol, ihre Katze und die Einsamkeit. Und falls dies nicht jeder Zuschauer versteht, wird die Szene in ihrem Appartement mit einem schnulzigen Jazzsong über Einsamkeit unterlegt. Israel ist eine jener schrulligen, grantigen Frauen, die alleine mit einer Katze leben und ihren Frust an ihren Mitmenschen auslassen. Wegen ihrer losen Zunge verliert sie ihre Arbeit, ihre Verlegerin will ihr keinen Vorschuss geben. Durch Zufall fallen ihr bei Recherchen für eine Biografie Privatbriefe einer Autorin in die Hände. Da ihr das Wasser bis zum Hals steht, verkauft sie diese. Dabei entdeckt sie, dass reiche Literaturfreunde bereit sind, viel Geld für solche Briefe zu bezahlen.

Da niemand Werke der Autorin Lee Israel kaufen will, fälscht sie persönliche Briefe großer Autoren. Das Geschäft floriert. Der Film von Marielle Heller konzentriert sich allerdings nicht auf die kriminelle Geschichte von Lee Israel, obwohl diese die Rahmenhandlung des Films bildet, sonder auf die Person Lee Israel, genauer gesagt auf deren Interpretin Melissa McCarthy, die hier zur grandiosen Hochform aufläuft.

Es ist ein sentimentaler Film über Freundschaft, Vertrauen und Vergeben, dessen Hauptdarstellerin es gelingt, das Drama einer gescheiterten Existenz jedoch ganz unsentimental darzustellen. Israel wird nicht als ein armes Geschöpf gezeichnet, das die Umstände zu ihren Taten zwangen und dem wir deswegen verzeihen und mit dem wir mitfühlen. Der Zuschauer hat Verständnis, aber nie Mitleid mit ihr, dafür wird sie zu unsympathisch dargestellt. Israel erwartet sich Hilfe und Verständnis, behandelt ihr Umfeld jedoch wie Dreck. „Du kannst ein Arschloch sein, wenn du berühmt bist. Aber du kannst nicht unbekannt und gleichzeitig so ein Miststück sein“, sagt ihre Agentin.

Ganz nebenbei geht es um den Literaturbetrieb, bei dem es mehr um große Namen geht als um literarische Werte. Die Verlegerin von Lee Israel macht es deutlich: Tom Clancy habe Erfolg, weil er das „Spiel“ mitspielt: Er ist bekannt und beliebt. Dass er „weiße Macho-Scheiße schreibt“, ist zweitrangig bis unerheblich. Niemand interessiert sich für die Bücher von Lee Israel, doch die Texte die sie unter falschem Namen schreibt, verkaufen sich wie warme Semmeln.

Die Authentizität des Künstlers, der von seinem Schaffen nicht leben kann, bleibt auf der Strecke. Lee Israel hat keinen Namen und damit keine Anerkennung. Als sie ihrem kranken Freund Jack Hock (Richard E. Grant) vorwirft, alles, was der zustande gebracht habe, sei sich durch halb Manhattan gevögelt zu haben, antwortet dieser, dass dieser Satz sich gut auf seinem Grabstein machen würde. Besser dafür in Erinnerung zu bleiben als überhaupt nicht. Vor Gericht sieht Israel zwar ihren Fehler ein, bereut aber nichts. Es sei die beste Zeit ihres Lebens gewesen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass es auf Werte ankommt, die sie immer verschmäht hat: Freundschaft und Vertrauen.

Zufällig greift der zweite Film auf dieser Seite „The Mule“ ebenfalls das wirtschaftliche Überleben im Alter auf. Mehr denn je scheint sich in den USA die Angst breitzumachen, in der Gosse zu landen, eine Angst, die immer mehr die Mittelschicht befällt. In beiden Filmen greifen die Protagonisten zu kriminellen Mitteln, um der Armut zu entgehen.

Grandios ist ebenfalls Richard E. Grant in der Rolle von McCarthys Gegenpart, dem homosexuellen Jack Hock, einer ebenfalls gescheiterten Existenz. Beide Schauspieler wurden übrigens für diesen Film für einen Oscar nominiert. Ein durchaus sehenswerter Film, der allerdings auch mit nur 106 Minuten noch zu lange ausfällt. Hier und da schleppt sich der Streifen nur äußerst behäbig voran.

Jazzfreunde werden den Film schätzen, ist er doch mit Musik von u.a. Jeri Southern, Chet Baker und Blossom Dearie untermalt.

Der Film läuft im Kinepolis Kirchberg.

 

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