Und wenn Gewerkschaften am Ende doch zu etwas zu gebrauchen wären? Leider gehört es seit Jahrzehnten für jeden aufstrebenden neoliberalen Politiker (wozu ja nun leider auch etliche Sozialdemokraten zu zählen sind) zum guten Ton, den Einfluss der Gewerkschaften zurückzudrängen.

Während es das Selbstverständlichste der Welt ist, dass sich Arbeitgeber in Verbänden zusammenschließen, um ihre Interessen wirksamerweise gemeinsam zu artikulieren, wird der Einfluss der Gewerkschaften systematisch als Gift für den Wohlstand der Nation im Allgemeinen und der Arbeiter im Besonderen angeprangert.

Jeder „Sieg“ über die Gewerkschaften wurde und wird als Wohltat für das Allgemeinwohl dargestellt, weil dergestalt die Wirtschaft „dynamischer“, „wettbewerbsfähiger“ und „zukunftsfähiger“ werde. So viel zur Propaganda. In der Praxis bedeutet dies aber nichts anderes, als dass es seit Mitte der Siebzigerjahre auch in Europa oben immer reicher und unten immer ärmer wird.

„But now, the chickens come home to roost“: Diejenigen, die sich ganz schlau wähnten, indem sie die Vertreter des Salariats in die Bedeutungslosigkeit zu drängen suchten, müssen nun feststellen, dass man – wenn man nicht gerade in einer Diktatur lebt – mit einem robusten Mandat ausgestattete Verhandlungspartner braucht, um sich auf eine beiderseitig als angemessen empfundene Verteilung der Unternehmensgewinne, Steuern und Sozialausgaben einigen zu können.

In Frankreich wäre Göttervater Jupiter, der sich in all seiner vermeintlichen Herrlichkeit im Laufe des vergangenen Monats vor der Nation fortwährend mit heruntergelassenen Hosen präsentieren musste – was dem Status der Göttlichkeit für gewöhnlich nicht eben sehr förderlich ist –, nur allzu glücklich, wenn er bloß wüsste, mit wem er sich an einen Tisch setzen könnte, um endlich Tacheles reden zu können.

In einer repräsentativen Demokratie sind Gewerkschaften u.a. dazu idealerweise geeignet. Doch der „travail de sape“, den „the powers that be“ seit Jahrzehnten gegen sie mit unübersehbarem Erfolg geführt haben, hat unter anderem zur Konsequenz, dass sich die meisten „Gilets jaunes“ von ihnen kaum noch eine wirksame Verteidigung ihrer Anliegen erhoffen.

Das Resultat: Während der Protest der Gelbwesten gegen einen unaufhaltsamen sozialen Abstieg – der das unvermeidliche Ergebnis des herrschenden Marktfundamentalismus darstellt – seine unbestreitbare Berechtigung hat, werden Anarchie und Chaos, die dieser Bewegung zugrunde liegen, wohl kaum zu einer grundlegenden Neuausrichtung der französischen und europäischen Politik führen können, welche die soziale Gerechtigkeit zur Richtschnur hätte.

Im Gegenteil, während die große Mehrheit dieser Bewegung als anständige Menschen und nicht als „fachos alcoolos“ zu bezeichnen ist, sehen andererseits Faschisten und andere Rechtsautoritäre die Zeit des „Karschnatz“ immer näher rücken.

Denn wie die Natur duldet auch die Politik kein Vakuum. Und die Faschos stehen Gewehr bei Fuß, um dieses – u.a. mithilfe einiger nützlicher Idioten von linksaußen – ausfüllen zu können.

3 Kommentare

  1. Bravo.
    Wenn sozial gerechte Gesellschaftsstrukturen durch eine zunehmende und hemmungslose Arroganz der Arbeitgeber( “Moral hat in der Wirtschaft nichts zu suchen”(Würth)) unterwandert wird oder wenn Präsidenten meinen ” Wir haben dem Volk nicht richtig zugehört.”und sich einen Dreck darum scheren,ob ihre “Untertanen” Ende des Monats das Auto stehen lassen müssen bis die nächste magere Lohntüte ausgehändigt wird,dann ist es wohl an der Zeit “lauter” zu werden. Wobei “lauter” eben nicht Chaos und Vandalismus bedeutet. Leider werden friedliche Kundgebungen fast immer von Schlägern und Chaoten begleitet,nicht nur in Frankreich. Schade drum,aber gewußt. Ein Wirtschaftssystem welches auf Konsum aufgebaut ist,sollte auch die Möglichkeit zum Konsum bieten,sonst geht die Rechnung nicht auf.

  2. Ohne Gewerkschaften ist das Chaos perfekt und es herrscht reine Anarchie. Mit wem wollen der fürstliche Präsident und seine Regierung Gespräche führen und verhandeln ? Sie laufen ins Leere. Und die Gelbwesten sind ein unkontrollierter, desorganisierter Haufen ohne Kopf und Führung, sich selbst überlassen und von randalierenden, gewalttätigen Trittbrettfahrern unterwandert. Letztere schaden der Bewegung nur und betreiben das Spiel der Rechtsextremisten. Eine zufriedenstellende Lösung rückt immer mehr in die Ferne und ist somit kaum in Sicht. Marine Le Pen und Co reiben sich die Hände.

  3. Wunderbarer Kommentar. Einfach treffend. Es ist eine Schande, dass ich einen solchen nicht in der deutschen Presse lesen kann! P.S. und an die Gelbwesten: Merde, Merde, Merde!!!

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here