Noch Anfang Juni hatte die Natur ihre gewaltige Kraft eindrucksvoll bewiesen, als in und um Greiveldingen sinnflutartige Zustände herrschten. Nur zwei Wochen später ist davon wenig zu sehen. In den Weinbergen rund um das malerische Dorf hat die Natur das nächste Kapitel im Jahreszyklus aufgeschlagen und lässt die Knospen der Weinreben erblühen und wachsen. aisy Schengen machte sich auf den (Wander-)Weg dorthin.

Wou d’Rief laanscht d’Musel dofteg bléit …“, lautet eine Zeile der Luxemburger Nationalhymne – und in der Weinbauregion entlang des Grenzflusses im frühen Sommer ist dies auch Programm. Denn während eines ganz kurzen Zeitfensters kann man tatsächlich den Reben beim Erblühen zusehen. „Für mich ist die Blütezeit die wichtigste Etappe in einem jeden Weinzyklus: Ohne Blüte gäbe es keine Trauben und keinen Wein“, erklärt uns in ihrer Einführung Marie-Thérèse Sibenaler, unsere Wanderführerin an diesem Sommertag. Sibenaler gehört zum Wanderführer-Team des „Office régional du tourisme Miselerland“ und verfügt über einen enormen Wissensschatz, den sie gerne mit den Besuchern ihrer Touren teilt.

„In Luxemburg wird die Traubenblüte wenig geschätzt. Anders als in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz findet bei uns kein Fest anlässlich der ‚Bléi‘ statt“, erklärt Sibenaler und berichtet von einem einzigen Artikel aus dem fernen 1935, in dem es um eine Feier zu Ehren der Traubenblüte in Grevenmacher geht.

Ausgangspunkt der heutigen Wanderung „La vigne en fleur“ ist die Kirche in Greiveldingen. Punkt 15 Uhr bei bestem Wanderwetter geht es los, eine bunte Gruppe aus Einheimischen und Luxemburg-Besucherinnen aus Schweden und Frankreich wird zunächst mit Hintergrundwissen über die klimatischen Entwicklungen versorgt. Im Vergleich zu den Jahren zuvor sorgte das Wetter in den ersten fünf Monaten dieses Jahres für einen Turbostart im Weinberg.

Turbostart im Weinberg

Bis eine verheerende Überschwemmung nicht nur im Dorfzentrum für Verwüstung sorgte. Auch manche Weinreben mussten neu angesetzt werden, da die Wassermassen Teile der Anbauflächen in Mitleidenschaft gezogen hatten.

Nach zwei Wochen ist bei unserem Besuch dort allerdings wenig davon zu sehen. Nur Flächen mit jungen Pflanzen und Schlammspuren hie und da erinnern an die dramatischen Ereignisse, die sich in und um Greiveldingen abgespielt haben.

Römer tranken Weinschorle

Nach einem kurzen Aufstieg vorbei an grasenden Mutterkühen und ihren Kälbchen geht es kurz bergauf durch ein Waldstück. Oben angekommen, gerät die angrenzende Landstraße samt Motorenlärm in den Hintergrund, als sich das Moselpanorama vor einem präsentiert.
Während unserer Wanderung begegnen wir leider keiner einzigen Rebenblüte.

Üblicherweise erblüht der Weinberg um den 20. Juni, in „diesem Jahr ist alles viel früher passiert“, so Marie-Thérèse Sibenaler. Die Tendenz des „beschleunigten“ Wachstums habe sich in den letzten Jahren immer deutlicher bemerkbar gemacht. Die Folge: die Weinlese finde auch früher als üblich statt. Möglicherweise ist dies auch in diesem Herbst der Fall, schätzt die Wanderführerin.

Zeit zum Sinnieren bleibt nicht allzu viel. Auf unserem Weg lernen wir, dass die Rebe zur Gruppe der „Lianengewächse“ gehört und sich mittels „Kremperlëck“ (dünnen Ranken) am vorgegebenen Gerüst „festhält“. Außerdem biete Luxemburgs geografische Lage ideale klimatische Voraussetzungen für Weinbau.

Vor rund 6.600 Jahren brachten römische Legionäre die Weintradition in unsere Breitengraden. Den gewonnenen Rebensaft tranken sie nicht pur, sondern stets mit Wasser verdünnt, im Verhältnis zwei zu eins.

Grenzenlos wandern

Wann: 7. Oktober,
8.30-10.30 Uhr
Ausgangsort: Europamuseum Schengen
Kosten: 7 Euro pro Person (Kinder bis 12 Jahre frei)
Keine geführte Wanderung, jeder Teilnehmer folgt der Beschilderung vor Ort.
Entlang der Route gibt es drei Stationen, an denen lokale Spezialitäten verkostet werden können.
Anmeldung erwünscht.
Weitere Infos:
Tel.: 26 74 78 74
info@visitmoselle.lu
www.visitmoselle.lu

Von Elbling bis Crémant

Ihr önologisches Know-how bekamen die Römer von den Griechen, als sie die Oberhand über das damalige Europa gewannen, berichtet Sibenaler. „Als Sieger bewiesen sie Weitsicht und löschten die Kultur des Besiegten nicht völlig aus, sondern setzten die bewährte Tradition des Weinbaus fort.“

Nach dem Ausflug in die Geschichte steht unser nächster Halt im Weinberg ganz im Zeichen der heimischen Rebsorten. Marie-Thérèse Sibenaler zeigt Bilder von den Blättern und Trauben und lässt uns erraten, welche Sorte wir gerade vor uns sehen. Gleichzeitig erklärt sie, dass der Elbling bis um 1900 fast im gesamten Mosel-Gebiet den Ton angab, heute jedoch in den Hintergrund geraten ist. Der Rivaner, erzählt sie weiter, sei ein sehr fruchtiger Wein, der gerne auf „flachem Boden“ gedeihe. Der Riesling hingegen liebe Steillagen, daher auch die großen Blätter, welche die Sonneneinstrahlung optimal aufnehmen.

Mit viel Fachwissen ausgestattet und beseelt von der wunderschönen Natur rund um die Greiveldinger „Diefer“ geht es flotten Schrittes in Richtung Dorfzentrum, wo wir edle Moseltropfen und eine kleine Vesper genießen.

Marie-Thérèse Sibenaler lässt es sich nicht nehmen, uns weiter mit interessanten Fakten zu versorgen. So spricht sie vom Siegeszug der Luxemburger Crémants, der Anfang der 80er Jahre begann und bis heute andauert. Zu den beliebtesten Sorten Luxemburgs gehört eindeutig der „Brut“, der „trocken“ ausgebaute Schaumwein. „Traditionell sind darin Auxerrois-Trauben für das Fruchtige, Pinot-blanc-Trauben für die Frische und die Riesling-Anteile für die leichte Säure in dieser Cuvée-Art vereint.“

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