Mitte August wird die Fernhill Farm in der Nähe von Bristol für drei Tage in ein Paradies für 5.000 Post-, Math- und Noiserock-Fans umgewandelt. Besondere Merkmale des ArcTanGent-Festivals: Es gibt keine Duschen, dafür aber tolle Food-Trucks, ausgezeichnete Musik, eine tägliche Silent-Disco und Engländer, die Boris Johnson ausnahmslos für skandalös halten.  

Vor fünf Jahren feierten die Post-Rocker von 65daysofstatic den zehnjährigen Geburtstag ihres Erstlings „The Fall of Math“, eine wilde Platte irgendwo zwischen Punk, Aphex Twin und Yann Tiersen, die das Genre des Math-Rocks (für den Laien: es handelt sich dabei um instrumentale Rockmusik mit vertrackten Rhythmen) zeitgleich definierte, erneuerte und erschöpfte.

Im Rahmen dieses Geburtstages spielte das Quartett im Londoner KOKO – eine verwinkelte Konzerthalle ganz in Rotstichen und goldenen Verzierungen, als ob man David Lynch eine chinesische Oper hätte entwerfen lassen – ein einmaliges Konzert. Im Laufe eines ersten Sets wurde „The Fall Of Math“ ganz durchgespielt, nach einer kurzen Pause huldigte man dann dem damals brandneuen Meisterwerk „Wild Light“, bevor man das Publikum mit „Radio Protector“ in die Londoner Nacht entließ.

Klar durfte ich diese Show nicht verpassen. Dass niemand Zeit (und Geld) hatte, um mich zu begleiten und ich folglich alleine hinreisen würde – egal. Dass man mich als Groupie oder Spinner abstempeln würde – auch egal.

Nach dem Konzert sprach mich ein junger Engländer im Londoner „Tube“ an. Ob ich auch im KOKO gewesen sei. Das Fan-T-Shirt und die eben ergatterte Schallplatte, die ich auf den freien Sitz neben mir gelegt hatte, sowie die geografische Nähe zu 221B Baker Street hatten wohl den detektivischen Eifer des Londoners geweckt, der mir prompt von einem Festival erzählte, dessen Name allerdings im Tosen, Seufzen und Quietschen der Schienen unterging.

Mathematische Präzision

Ohne viel begriffen zu haben, nickte ich verständnisvoll, der dichte englische Akzent des Unbekannten hinderte mich daran, auch bei der zweiten Erwähnung den Namen des Festivals mitzubekommen. Zurück im „Two Sisters“-Hotel – eine recht teure Absteige, die ein legendär fades Frühstück verabreichte, gepfeffert war höchstens die Rechnung beim Auschecken – hoffte ich auf Google, um das Festival ohne Namen ausfindig zu machen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen stieß ich auf ein Festival, das nach einer mathematischen Arkusfunktion benannt ist – hier spiegelte sich bereits genau die Komplexität, aber auch die Schönheit der Präzision, welche die dort gespielte Musik ausmacht, wider.

Die erste Auflage, für die 65daysofstatic Headliner waren, hatte ich bereits verpasst. Einen aufgeregten Nachrichtenwechsel mit Familie und Freunden später war klar: Im kommenden Sommer würde ich mit meiner Schwester und meinem besten Freund nach Bristol fahren. Das Line-up (Russian Circles, This Will Destroy You, I Like Trains, God Is An Astronaut, Maybeshewill) war einfach zu verlockend, um wirtschaftliche Faktoren wichtig erscheinen zu lassen.

Dass die Hin- und Rückfahrt mit Ärmelkanalüberquerung fast zwei Tage in Anspruch nehmen würde und wir letztlich fast genauso viel Zeit im Auto wie im Zelt und vor einer Bühne verbringen würden, war uns genauso egal wie das beständig miese Wetter. Denn auf etwas ist Verlass: In England regnet es seit sechs Jahren an jedem ArcTanGent-Wochenende – als hätten sich die Wettergötter gegen das Festival verschworen.

Hindernisse

Doch weder die totale Abwesenheit von Wegbeschilderung hin zur Location und von Duschen auf dem Festivalgelände noch die lange Fahrt, teilweise auf schmalen englischen Landstraßen, weder das mit den Jahren immer unbequemer werdende Übernachten in Zelten noch der Schlamm, der auch Tage nach der Heimkehr noch an Kleidungen und Schuhen haftet und den man an den undenkbarsten Plätzen in unseren Wohnungen wiederfindet (ein bisschen wie man stets unerwartet anderen Luxemburgern im Urlaub begegnet) sollten uns davon abhalten, die Erfahrung alljährlich und mit wachsendem Team zu wiederholen.

Und jedes Jahr fiebern wir erneut den ersten Line-up-Ankündigungen entgegen, jedes Jahr beäugen wir vor Ort die Neuerungen kritisch wie die alten Festivalhasen, zu denen wir im Laufe der Zeit geworden sind. Denn das ArcTanGent ist ein liebevoll gestaltetes Festival, das von kleinen Details lebt – erwähnen wir kurz als pars pro toto die Schwingungen und Wölbungen des damaligen Hauptzeltes, das beleuchtete, meterhohe, aus Holz geschnitzte Logo, das zu Gruppenfotos einlädt, oder die von Teppichen gesäumte Lounge neben dem Stand, der ofenfrische Pizzen serviert.

Im Sog der Leidenschaft

Im Laufe der letzten sechs Jahre erlebten wir, wie Greg Puciato (der Sänger von The Dillinger Escape Plan) an der Stange der Hauptbühne hochstieg, um sich ohne Vorwarnung aus einer Höhe von vier Metern ins Publikum fallen zu lassen. Maybeshewill spielten ein Konzert mit improvisierter klassischer Orchestrierung. Zwei Bands – Pijn und Conjurer – taten sich während des Festivals zusammen und veröffentlichen dieser Tage eine gemeinsame Platte.

Mit Manuel Gagneux, Sänger der Black-Metal-Gospel-Bluesband Zeal And Ardour, ärgerten wir uns über das lethargische luxemburgische Publikum, das der Schweizer Monate davor im Vorprogramm der Prophets Of Rage ohne Erfolg zu animieren versucht hatte.

Während eines And-So-I-Watch-You-From-Afar-Konzertes tobte das Publikum augenblicklich so sehr, dass einer von uns in den Strudel der tanzenden Zuhörerschaft aufgesogen und wenige Minuten später am anderen Ende des Zeltes wieder ausgespuckt wurde. Ein betrunkener Ire erzählte uns, wie er mit Freunden aus Begeisterung für die Musik von Mutiny On The Bounty eine Band gründete, die in jenem Jahr auf der kleinen PX3-Stage spielen sollte. Apropos Mutiny On The Bounty: 2014 und 2015 bespielten die Luxemburger die beiden größten Bühnen des Festivals – und zogen scharenweise begeisterte Fans aus Großbritannien an (auch das lernten wir gleich zu Beginn des Festivals: Mutiny sind im Ausland in Fachkreisen richtig bekannt).

Cleft, Sicherheitsbeauftragte und die Silent Disco

Das ArcTanGent ist eine Gemeinschaft von Menschen, die sich umeinander kümmern und füreinander sorgen. Dieses Jahr wurde eine musikalische Hommage für den kürzlich verstorbenen Dan Wild-Beesley (von der Gruppe Cleft) gespielt. In den Auflagen davor stand eine Spende-Urne da, um Geld für die Behandlung des krebserkrankten Musikers zu sammeln. Fast jedes Mal, wenn ich beim Tresen stand, sah ich, wie jemand diskret ein paar Pfunde spendete – und jeder von uns nahm an dem Hilfe-Aufruf teil.

Das ArcTanGent hat die freundlichsten Sicherheitsbeauftragten überhaupt. Einer wollte an der Verfärbung unserer Zungen festmachen, wie viel schlechten Rotwein wir bereits getrunken hatten, bevor er uns einen Vortrag über die Vorzüge seiner übernatürlich langen Zunge, für die er bei Damen Vergleiche mit Gene Simmons erntete, hielt, ein anderer erzählte uns von seiner Französischlehrerin und von Festivalgängern, die wilde Melangen aus Côtes du Rhone und Chianti verbrachen, um so viel Wein wie möglich in die auf dem Gelände erlaubten Plastikflaschen umzuschütten.

Das ArcTanGent ist das einzige Festival, auf dem die Musik bereits um 11 Uhr morgens erklingt – und die teilweise verkaterten Festivalgänger nach einem schnellen Frühstück (die Farmbetreiber bieten von Eiern und Milch über Bacon alles aus dem Eigenbetrieb an) und einer Katzenwäsche unter einem der Trinkwasserhähne sich in aller Früh vor den Bühnen tummeln, um sich teilweise gänzlich unbekannte Bands anzuschauen – weil ein Konzert auf dem ArcTanGent schon ein Gütesiegel ist und hier die interessanteren Gruppen der Zukunft erste Erfahrungen sammeln.

Jeden Abend ab 23 Uhr – also nach 12 Stunden Musik – beginnt die Silent Disco. Das Publikum setzt Kopfhörer auf und entscheidet sich zwischen den zwei Kanälen, auf denen zwei zu DJs improvisierte Musiker mit Klassikern aus den 90ern und frühen 2000er-Jahren um die Gunst der erstaunlich wenig erschöpften Menge buhlen. Auf einem dritten Kanal laufen ausschließlich Songs der progressiven Postcore-Band The Mars Volta – und im Merch-Zelt kann man konsequenterweise ein „I only came for the Mars Volta Channel“-T-Shirt ergattern. Diese liebevolle Exzentrik durchzieht das Festival wie ein roter Faden. Hier ist man unter Fans, Nerds, Spinnern, die den nervigen Alltag in Kauf nehmen, solange es diese paar verregneten Sommertage gibt.

Liebevolle Exzentrik

Denn vor allem sahen wir in all den Jahren unvergesslich schöne Konzerte von Rolo Tomassi, Godspeed You! Black Emperor, Russian Circles, Vessels, Cult Of Luna, Zeal And Ardour, Jean Jean, Crippled Black Phoenix. Wir lernten, dass es auch im späten Kapitalismus noch utopische Enklaven gibt, die zwar durchaus auch Geld kosten, bei denen soziale Hierarchien aber fast gänzlich abgeschafft sind (eine freiwillige Barschicht verschafft einem freien Eintritt und die Bereitschaft, mit der die Festivalgänger Runden spendieren und/oder ihre Getränke teilen, ist beeindruckend). Beim ArcTanGent stehen die Musik und das genussvolle Leben im Zentrum – und man befindet sich fernab der stressigen Prinzipien der Leistungsgesellschaft. Die Rückkehr in den Alltag fällt danach ziemlich bitter aus.

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