Die subkulturell gefärbten Bezeichnungen “DK City” (Diekirch), “Beverly Wiltz” (Wiltz) und Ettelbrooklyn (Ettelbrück) haben seit mehr als zehn Jahren eine eher humoristische Tradition unter jungen Menschen im Norden des Landes. Nun findet sich einer dieser Wortwitze im Titel eines Festes wieder, das nicht nur deswegen als vielversprechend gelten darf. Wir haben mit dem Programm-Chef des “Ettelbrooklyn Street Fest”, Luka Heindrichs, gesprochen.

Der Independent-Film “Smoke” (1995), aus der Feder des Schriftstellers Paul Auster, umgesetzt von Regisseur Wayne Wang, spielt in Brooklyn. Im Tabakladen von Auggie (Harvey Keitel) treffen unterschiedlichste Ethnien, Charaktere und Lebensgeschichten aufeinander. Langsam, aber sicher werden grundverschiedene Erzählstrange miteinander verwoben und es entstehen neue Geschichten.

Trotz dieser romantisierten Sicht können Parallelen zwischen dem bekannten Großstadtviertel in den Vereinigten Staaten und Ettelbrück gezogen werden. Nicht zuletzt auch, weil sich das lokale Storytelling im Ösling im Wandel befindet.

Häufig ist in Medien das Verhältnis zwischen Interviewtem und Interviewer nicht klar ersichtlich. In diesem Fall handelt es sich bei Luka Heindrichs auch um einen der Hauptveranstalter des “Food for your Senses”- Festivals. In diesem Rahmen haben er und die Autorin des Textes letztes Jahr zusammengearbeitet.

Mit jeder Menge Mut im Gepäck wird versucht, sich zu mausern, quasi neu zu definieren und aus einem angeblich negativen Image etwas Positives zu ziehen. Die vorhandene bunte Vielfalt an Menschen soll nicht trennen, sondern einen und Neues entstehen lassen. Wie Brooklyn möchte auch sein luxemburgisches Pendant “Ettelbrooklyn” zu einer Art “Melting Pot” werden und wagt daher eine kulturelle Offensive, der es weder an Humor noch an Kreativität fehlt. In Wahlkampfzeiten, die zumindest in Luxemburg verstärkt von Sprachdebatten gezeichnet sind, stellt sich die Frage, wie eine gemeinsame kulturelle Sprache bei Events gefunden werden kann. Luka Heindrichs ist für die unterschiedlichen Programmpunkte, die sich über den Samstag erstrecken, zuständig. Der erfahrene Veranstaltungsplaner betont, dass man in Ettelbrück mit dem neuen Input nicht alleingelassen wird: “Man braucht vielleicht gewissermaßen einen Dolmetscher, aber dieser ist in diesem Fall der Künstler selbst.” Seiner Auffassung nach sind die zahlreich im Programm vertretenen Straßenkünstler quasi prädestiniert dafür, da sie nicht von der hohen Kanzel predigen, sondern mittendrin agieren und ihre Zuschauer direkt auf der Straße an die Hand nehmen und faszinieren.

Statt sich in einer Halle jenseits des örtlichen Treibens zu verbarrikadieren, wurden vier verschiedene Spots im Zentrum gewählt, und zwar nicht ohne Grund, so Heinrichs: “Hier in Ettelbrück ist die ‘Groussgaass’ relativ kompakt. Durch die nah aneinander liegenden Etappen entstehen so gleich mehrere Begegnungsorte. Die Besucher können also nicht nur auf verschiedene Acts, sondern auch mehrfach auf andere Neugierige stoßen, neue Kontakte knüpfen und das Erlebte besprechen.”

Schafe, Stunts und Superhelden

Zu spannenden Begegnungen kam es bereits vor dem eigentlichen Datum, denn damit die Veranstaltung gelingen kann, mussten sich lange im Voraus Mitarbeiter der Gemeinde, des City Tourist Office, der Institutionen sowie weitere lokale Akteure zusammentun. Es wehe ein frischer Wind, meint Luka Heindrichs, der dankbar für das Know-how der Menschen vor Ort ist: “Es mischen viele junge Leute mit, die sehr motiviert sind. Es ist schön, wenn das sich dann auch in etwas Konkretes übersetzt. Nicht wenige unter den Mitorganisatoren blühen richtig auf mit der ihnen anvertrauten Verantwortung.”

Dass im Norden des Landes nichts los sei, hält er schlicht und ergreifend für unzutreffend: “Menschen denken, was sie wollen, bis sie endlich das Gegenteil bemerken.” Es stehe jedem frei, am Samstag reinzuschnuppern und sich selbst davon zu überzeugen, dass sehr wohl etwas passiere. “Beim Norden handelt es sich um ein großes Einzugsgebiet. In und um Ettelbrück leben mehrere Tausend Menschen. Wenn wenigstens ein Prozent davon auf das Fest kommt, dann haben wir schon ’ne Party”, fügt er lachend hinzu.

Das Publikum erwarte eine breite Palette an Kunst-Arten, die kleine Kinder ebenso zu begeistern wisse wie die im Schlepptau befindlichen Großeltern. Auch größere Geschwister und Eltern könnten aus der Reserve gelockt werden. Dementsprechend trifft man neben Poetry Slams, Workshops (u.a. von der “Alliance Artistic”) und DJ Sets (Freshfingaz DJ Crew) beispielsweise auch unter dem Titel “Hero of mechanical creatures” auf aus Fahrrädern konstruierte Kreaturen, die samt ihren verrückten Hirten durch die Straßen wandern.

Ebenso wird sich klären, inwiefern gezeichnete Portraits von Straßenkünstlern (in diesem Fall Mischa Bernauer) sich von konventionellen unterscheiden können, wenn diese einen ausgeprägten Hang zu Superhelden haben. Bei “Springtime” hängt die Liebe zweier Akrobaten nicht am seidenen Faden, sondern am Gummiband, das ihre Beziehung in schwindelerregende Höhen katapultiert. Dort befinden sie sich dann auf Augenhöhe mit dem “Luce”-Projekt, bei dem die Akrobaten zeigen, wie explosiv Licht und Helium zumindest im übertragenen Sinne sein können. Das musikalische i-Tüpfelchen wird von lokalen (Filiband) wie auch internationalen (The Milkshakes, Fanfare Couche-tard und viele mehr) geliefert.

Im zuvor genannten Film “Smoke” macht Auggie während eines längeren Zeitraums jeden Tag ein Foto vom gleichen Ort. Über die Jahre hat er so die Veränderung des Stadtbildes festgehalten. Wer es ihm von nun an gleichtut, wird eventuell zu einem ähnlichen Ergebnis gelangen.

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