Tiny house, Yurt, XXL-WG: Wo ein Ökodorf entsteht, da gibt es viele Lebensweisen. Seit den 60er Jahren hat sich weltweit ein Netzwerk aus sogenannten „Ecovillages“ entwickelt, das nun ebenfalls in Luxemburg erste Wurzeln schlägt. Die Idee vom umweltfreundlichen Leben in der Gemeinschaft beschäftigt derzeit insbesondere die nationale Transition-Bewegung. Mark Chapman, Herbert Hofer und Valentino Nardelle erklären, warum ein Umdenken in Bezug auf das Thema Wohnen nicht nur der Natur zugutekommen würde.

Von Laura Tomassini

Irgendwie scheint Luxemburg ein Nachzügler zu sein, betrachtet man die lange Liste von bereits existierenden Initiativen auf der Webseite des Global Ecovillage Network (GEN). Insgesamt 198 sogenannte Ökodörfer existieren mittlerweile weltweit, darunter auch welche in Argentinien, Kanada, Frankreich und Schweden – und das sind nur die offiziell bekannten, wohlgemerkt. Schon in den 60er Jahren begannen die ersten Pioniere, ihre Idee in die Praxis umzusetzen. Das Prinzip: eine Gemeinschaft zu gründen, die sich so weit wie möglich selbst versorgt und vor allem nachhaltig ist, auf allen Ebenen. Zu den vier Hauptpfeilern dieser Lebensphilosophie gehören das Soziale, das Kulturelle, das Wirtschaftliche sowie das Ökologische. Der Name ist dabei Programm, denn im Griechischen gilt das Wort „Oikos“ – also Öko – als zusammenfassender Begriff für Zuhause, Familie und Wirtschaftsgemeinschaft.

Auch im Großherzogtum hat die alternative Wohnweise Interesse geweckt. Auf Initiative des CELL („Centre for Ecological Learning Luxembourg“, Website) hin wurden in den vergangenen Monaten bereits sieben Infoveranstaltungen organisiert, die das Prinzip der Ökodörfer hierzulande vorstellen sollen. Die Erwartungen der Transition-Leute, die das CELL leiten, wurden dabei von Anfang an übertroffen. Mehr als 200 Zuhörer erschienen zu den ersten Konferenzen, allein am vergangenen Freitag waren es rund 60. Angetrieben wird die nationale Bewegung mittlerweile von drei Männern. Mark Chapman ist 24, Energie-Ingenieur und vehementer Vertreter des wirtschaftlichen Umdenkens. Herbert Hofer ist 52, Architekt und überzeugt von den gesellschaftlichen Vorteilen des ökologischen Bauens. Valentino Nardelle ist 30, Betreuer für Jugendliche mit geistiger oder körperlicher Behinderung und der „Humane“ im Bunde.

Veränderungsdrang

Kennengelernt hat sich das Trio bei einer der Konferenzen von CELL, seither verfolgt es gemeinsam dasselbe Ziel. Doch schon vor dem Wissen um Ecovillages war bei allen ein gewisser Drang zur Veränderung vorhanden. „Ich habe mich schon im Studium mit dem umweltfreundlichen Bauen beschäftigt und diesen Gedanken auch später in meinen Projekten umgesetzt. Vor anderthalb Jahren habe ich beschlossen, mich noch intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen“, erklärt Herbert. Besonders Thematiken wie Permakultur – also das Nachahmen von Funktionsweisen aus der Natur in der Landwirtschaft – und Bodenrecht beschäftigen den Deutschen aktuell sehr.

Mark Chapman, Herbert Hofer und Valentino Nardelle wollen in einer ersten Phase die Bürger für das Konzept „Ökodorf“ sensibilisieren

Auch Valentino setzt sich aktiv mit „neuem Wohnen“ auseinander. Vor vier Jahren entwickelte er ein starkes Interesse an der Verbindung zwischen Mensch und Natur und daran, wie sich diese am besten in den Alltag integrieren lässt: „Ich habe lange Zeit im Freien getanzt, dies aber meist alleine. Durch meine Arbeit hatte ich allerdings schon immer einen Hang zum Kontakte-Knüpfen mit anderen Menschen und wollte daher eine Gemeinschaft gründen.“ Lektüre über Ökodörfer in den USA und Europa konnte den jungen Luxemburger vom Konzept überzeugen – vor allem die Idee der „tiny houses“, also Minihäuser, gefällt ihm sehr.

Praktischer sieht Mark das Ganze. Sechs Jahre Erfahrung mit der Konstruktion sich selbstversorgender Häuser in Ungarn, ein Studium mit Schwerpunkt Energietechnik, die Arbeit als Energieberater für Großunternehmen – auf all das kann der 24-Jährige zurückgreifen, um seine Theorien zu stützen. Dabei sieht er die Technik allerdings nur als Mittel zum Zweck. So brauche es ein Umdenken, um wirklich nachhaltig zu leben: „Das Grundprinzip eines Ecovillage ist ja, den Einfluss, den wir Menschen auf die Umwelt haben, so gering wie möglich zu halten. Sei es durch geteilte Wohnbereiche, geringere Flächen zum Heizen oder ökologisches Baumaterial“, so Mark. Ein ganzheitliches Konzept also, bei dem allerdings auch das Zwischenmenschliche nicht vergessen werden darf: „Das wichtigste Wort ist Gemeinschaft. Die kleinste Form davon ist die WG. Man teilt sich die Aufgaben – und wenn es gut läuft, dann lebt jeder, also die Menschen um einen herum und man selbst, mit weniger Stress und verringert dabei auch noch die Auswirkungen auf die Umwelt.“

Mit der alternativen Lebensweise soll also nicht nur die Natur geschont werden, sondern auch der Mensch. „Bodenrecht ist in Europa eines der heißesten Eisen überhaupt. Dafür lässt sich Südamerika gut studieren, mit den wenigen Großgrundbesitzern, denen die gesamte Wohnfläche gehört. In Europa tendieren wir auch dazu, diese Richtung einzuschlagen, sodass junge Leute nicht mehr zu dem kommen, was früher mal möglich war“, meint Herbert.

Grundsätzlich ist der Architekt der Ansicht, dass Menschen im Kern dazu neigen, sich gegenseitig unterstützen zu wollen, diese Haltung heutzutage allerdings in unserer Gesellschaft nicht mehr kultiviert wird. Für ihn ist ein Ökodorf deshalb ein Ort der Möglichkeiten: „Nicht nur baulich gesehen. Jeder Mensch hat seine ganz eigenen Qualitäten und die sollen auch eingebracht werden, um die Gemeinschaft voranzutreiben und gemeinsam zu wachsen.“

Ort der Möglichkeiten

Auch Mark hat eine konkrete Vision von einem luxemburgischen Ökodorf: „Für mich wäre das idealerweise ein Ort, der schon existiert. Teils renoviert, teils neu gebaut. Vor allem aber mit viel Diversität.“ Gemeinschaftsgarten und -räume, „tiny houses“ für Einzelpersonen, große Wohngemeinschaften für geselligere Menschen, Wohnwagen und Zelte für die ganz Minimalistischen. Halt für jeden das, was er braucht. Bislang steht das Projekt noch in der Anfangsphase, jetzt muss erst mal die Bevölkerung in Bezug auf das Thema „Ökodorf“ sensibilisiert werden. An die Politik hat das Trio dennoch eine Bitte, wie Herbert verrät: „Beim ‚Äerdschëff‘ in Redingen gab es ja so einige Probleme – und wir hoffen, dass sich die Wege im Falle eines Ecovillage-Baus erleichtern werden. Der Staat arbeitet ja derzeit am Gesetz für Wohnbaugenossenschaften, aber es wäre wünschenswert, dass Luxemburg einfach für alle Möglichkeiten offen wäre.“

Zum Schluss bringt Herbert die Diskussion um Nachhaltigkeit, wirtschaftliches Umdenken und Ökodörfer noch mal auf den Punkt: „Ein wichtiger Aspekt beim Thema Wohnraum ist ja die Frage nach dem Platz. Wie viel Raum brauche ich eigentlich? Ich bin fest davon überzeugt, dass wir hier genug Wohnfläche haben, diese nur schlecht verteilt ist. Bei einem Ökodorf wäre das anders.“ Ein Gedanke, der sich auch hierzulande langsam, aber sicher verbreitet.

Ob Luxemburg in den nächsten fünf Jahren ein eigenes Ecovillage besitzen wird, steht derzeit noch in den Sternen. Doch der erste Grundstein ist zumindest in den Köpfen der Bürger bereits gelegt.

 

Die Ökodörfer Europas

1987 kaufte die Organisation Økosamfundet Dyssekilde ein Bauernhaus mit umliegenden Feldern im dänischen Dorf Torup. Die Idee war, eine kleine Gemeinschaft basierend auf alternativen, umweltfreundlichen Lebensweisen zu bilden. Heute bewohnen etwa 200 Menschen die sechs Gemeinschaftshäuser von Torup. Die Gebäude haben alle unterschiedliche Stile und sind aus nachhaltigen, größtenteils recycelten Materialen gebaut. Im Herzen des Ökodorfes steht das Common House mit sogenannten „shared spaces“, in denen Aktivitäten wie Kochen, Waschen oder Meditieren in der Gruppe getätigt werden. Daneben kümmern sich designierte Gruppen um die unterschiedlichen Aufgaben des Gemeinschaftslebens, wie etwa biologische Landwirtschaft, Kunst oder Handwerk.  www.dyssekilde.dk

Die schottische Findhorn Foundation gehört zu den Gründungsmitgliedern vom GEN. 1957 kam das Paar Peter und Eileen Caddy mit ihrer Bekannten Dorothy Maclean nach Forres, um dort das „Cluny Hill“-Hotel zu leiten. Nach ihrer Entlassung einige Jahre später zogen die drei mitsamt der Söhne der Caddys in einen nahe gelegenen Wohnwagenpark. Aus Geldmangel fing Peter an, eigenes Gemüse anzubauen. Nach und nach gesellten sich weitere Familien dazu – es entstand eine kleine Gemeinschaft. 1975 kaufte die drei Jahre zuvor gegründete Findhorn Foundation das alte Hotel auf und begann die Errichtung eines offiziellen Ökodorfs. Heute zählen rund 400 Menschen aus über 40 Ländern zu den Bewohnern der Gemeinschaft im Nordosten von Schottland.  www.ecovillagefindhorn.com

Die Idee zum „Sieben Linden Ecovillage“ entstand bereits 1989, knappe vier Jahre später kauften die Initiatoren ein Projektzentrum etwa 25 Kilometer vom späteren Ökodorf entfernt. Im Juni 1997 zogen die ersten 15 Pioniere in die neue Wohnwagensiedlung. Rund 22 Hektar umfasst das Gebiet nahe dem deutschen Ort Poppau, das heute insgesamt elf Mehrfamilien-Wohnhäuser sowie zahlreiche Trailer beherbergt. Die Bewohnerzahl von Sieben Linden liegt aktuell bei 140, finanziert wird das Leben in der Gemeinschaft durch Jobs inner- oder außerhalb des Dorfes. Gemeinschaftsgarten, Waldvorschule, Holzbauten mit Stroh- und Lehmisolation – all das soll den Gedanken hinter der Ökodorf-Initiative widerspiegeln und die Verbindung zwischen Mensch und Umwelt stärken.  www.siebenlinden.org

8 Kommentare

  1. “Ökodörfer” mit Zelten, Jurten und “Tiny-houses” als “strategischer Gegenzug zur nationalen Wohnkrise”? Im Ernst jetzt? Was kommt als nächstes? Gratisverteilung von Rollschuhen um die ewigen Staus zu beenden?

      • Wieso sollte ich irgend etwas vorschlagen, wenn jemand mit der Schnapsidee daher kommt, die Probleme der Welt zu lösen, indem man künftig tausenden? hunderttausenden? Millionen? Menschen eine Lebensweise irgendwo Steinzeit, Burning-Man-Festival und Kommune-1 auferlegt, und das dann allen Ernstes in einer Tageszeitung als “strategischer Gegenzug zur nationalen Wohnkrise” bezeichnet wird?

  2. Diese Rundzelte da auf dem Foto sehen aber irgendwie nicht so aus, als ob man damit Heizkosten einsparen könnte – im Gegenteil.
    Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

  3. Leben in Utopia. Aber träumen ist erlaubt. Wenn schon einmal jeder Haushalt aktiv Mülltrennung betreiben würde, wären wir einen grossen Schritt weiter. Bewusst mit Energie haushalten, wäre ein weiterer Schritt aus der Konsumgesellschaft heraus Richtung umweltbewusste Gemeinschaft. Dazu bedarf es nicht unbedingt und notgedrungen ökologischer Zeltdörfer. Man muss nicht alles auf die Spitze treiben und von einem Extrem ins andere fallen! Oder doch etwa zurück in die Steinzeit? 🙂

  4. Da hat man aber keine schöne Sicht aus diesen Rundhütten.Hat den Vorteil,man sieht den Nachbarn nicht.
    Und wenn’s mal drei Wochen geregnet hat wird’s schlammig. Also zurück auf die Bäume? Dann geht mal vor.
    Diese Hysterie ist außer Kontrolle geraten.

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