Ein Land hält inne. Unvorbereitet traf es die Luxemburger nicht. Die Leere bleibt trotzdem. Mit Großherzog Jean hat Luxemburg nicht nur ein äußerst beliebtes Staatsoberhaupt verloren. Sein Tod nach einem langen und erfüllten Leben erinnert vor allem auch daran, dass die Zeit, für die er stand, vorübergegangen ist.

Großherzog Jean wird als liebenswerter, zuvorkommender Mensch in Erinnerung bleiben, dessen freundliche Art nie in den Verdacht kam, aufgesetzt zu sein. Im Gegenteil, er schien sich in seiner Rolle des diskreten, bescheidenen Monarchen, mit ihren nicht unbedeutenden Privilegien, aber auch ihren nicht verhandelbaren Pflichten, wohlzufühlen. Ohne Kontroversen stand er dem Land während 36 Jahren, von 1964 bis 2000, vor. Dann zog er sich, nicht zu früh, nicht zu spät, ohne falsches Pathos von seinem Amt zurück – als personifiziertes Pflichtgefühl, getreu der auf „Jang de Blannen“ zurückgehenden Losung der großherzoglichen Familie: „Ich dien.“

In parlamentarischen Demokratien stehen gekrönte Häupter im Idealfall weniger für ihre eigenen Taten als für die Epoche, in der sie in Amt und Würden waren. Großherzog Jean verkörperte so den Übergang Luxemburgs von einer Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft, von einem wohlhabenden Land zu einem der reichsten in der Welt.

Zu dieser Zeit gehörte jedoch auch die Stahlkrise der 1970er und 1980er Jahre, deren tiefen Einschnitte zu schnell vergessen werden. Er stand somit auch für eine Gesellschaft, die bei allen Differenzen zu außergewöhnlicher Solidarität fähig war. Und hinterlässt somit die Frage, ob dies auch heute noch möglich wäre. Es fällt schwer, daran zu glauben.

Die Wertschätzung, die dem fünften Staatsoberhaupt aus der Nassau-Weilburg-Dynastie entgegengebracht wurde, hatte nichtsdestotrotz auch viel mit seinem Einsatz als Soldat zu tun. Dabei ging es weniger um seine Präsenz unter den alliierten Truppen, die am 10. September 1944 die Stadt Luxemburg befreit haben. Dies war, im Gegenteil, eine der wenigen Gelegenheiten, als dem Leutnant „John Luxembourg“ ein Sonderstatus zuerkannt worden war. Nur wenige Tage später wurde das zukünftige Staatsoberhaupt bereits wieder an die Front nach Arnheim beordert.

Noch Jahrzehnte später suchte man seinen charakteristischen Schnurrbart unter der Bärenfellmütze der Irish Guards, wenn der Ehrengeneral hoch zu Ross in der ersten Reihe hinter Queen Elisabeth II in London am „Trooping the Colour“ teilnahm. Und ganz Luxemburg genoss mit ihm die besondere Ehrerweisung, die er von Staats- und Regierungschefs bei den Gedenkfeiern zum D-Day erhielt, er, der nur fünf Tage später, am 11. Juni 1944, Fuß auf die noch immer umkämpften Strände der Normandie gesetzt hatte.

Wie seine Mutter zehrte Jean als Monarch von seinen ganz persönlichen Verdiensten im Zweiten Weltkrieg. Selbst so mancher eingefleischter Republikaner zollte zumindest der Person, wenn nicht dem ererbten Amt, Respekt. Auf seine bescheidene Art hat Großherzog Jean große Fußstapfen hinterlassen. Hundert Jahre nach dem Referendum von 1919, das die Staatsform der Monarchie bestätigte, fällt es schwer, sich vorzustellen, wie sie erneut vollständig gefüllt werden könnten.

1 Kommentar

  1. Bin zwar kein Monarchist, kann Ihnen, Herr Siweck, aber nur zustimmen. Mit Grossherzog Jean, einem zurückhaltenden und pflichtbewusstem Staatsoberhaupt, geht eine Epoche zu Ende auf die wir Älteren mit einer gewissen Nostalgie und Dankbarkeit zurückblicken. Er hat den Bogen zwischen der Nachkriegszeit und einem neuen Zeitalter gespannt.

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