René Deltgen (1909-1979) war zu seiner Glanzzeit ein Filmstar in Deutschland. Seine Nähe zu den Nazis wurde ihm nach dem Krieg zum Verhängnis. Das Kasemattentheater rollt den Fall noch einmal auf.

Der Fall René Deltgen

gelesen von Ulrich Kuhlmann
Textauswahl: Marc Limpach
Kasemattentheater,
Mittwoch, 10. Januar, 20 Uhr

Er war einer der ganz Großen des deutschen Kinos. Zwischen 1935 und 1978 wirkte der in Esch geborene Deltgen in 90 deutschen Filmen und zahlreichen Theaterstücken mit. “Die Tatsache, dass er diesen Erfolg in Deutschland hatte, stellte für die meisten Luxemburger anfangs noch kein Problem dar”, erklärt der Filmhistoriker, Deltgen-Spezialist und Direktor des “Centre national de l’audiovisuel” (CNA) Paul Lesch.

Waren die Luxemburger vor dem Krieg noch sehr stolz auf ihren Landsmann, der es im Ausland bis nach ganz oben geschafft hatte, änderte sich die Wahrnehmung jedoch abrupt während der Nazibesatzung. Für die meisten sei er ab dann einfach nur “e Preiss”, ein Kollaborateur gewesen. In seinem Artikel “René Deltgen: Luxembourgs prodigial son?”, der 2009 in dem Buch “Stellar Encounters: Stardom in Popular European Cinema”* erschien, zeigt Lesch, wie sich die Wahrnehmung des Stars änderte.

Anklage wegen Landesverrats

1946 wurde René Deltgen wegen Landesverrats zu zwei Jahren Gefängnis, 100.000 Franken Geldbuße und dem Verlust der luxemburgischen Staatsangehörigkeit verurteilt, die ihm aber 1952 wieder zuerkannt wurde. Die Haftstrafe musste er nur zum Teil absitzen. Allerdings wurde ihm der Prozess nicht wegen der nationalsozialistischen Propagandafilme gemacht, in denen er mitwirkte, wie z.B. “Achtung! Feind hört mit!” (1941) oder Anschlag auf Baku (1942), sondern wegen zwei Aufrufe an die luxemburgische Bevölkerung, sich für die nationalsozialistische Sache einzusetzen.

Marc Limpach, der die Texte für die Lesung im Kasemattentheater ausgewählt hat, meint, dass Deltgen zwar aus damaliger luxemburgischer Sicht mit Aufrufen wie Heim ins Reich einen Riesenfehler gemacht habe, doch im Vergleich mit anderen in Deutschland tätigen Schauspielern habe er sich sehr korrekt und menschlich verhalten. Für die Lesung lagen Limpach nun die Original-Prozessakten zur Verfügung. In der Produktion des Kasemattentheaters, das für das Projekt mit dem CNA zusammenarbeitete, werden keine neuen Elemente vorgetragen. Da es damals eine öffentliche Gerichtsverhandlung war, sei ja schon alles bekannt gewesen, sagt Limpach. Aber es sei insofern interessant, da man Deltgen quasi selbst reden hört. Aus erster Hand erfährt der Zuhörer, wie sich der Schauspieler damals verteidigte.

Kein Nazi

Ein Nazi sei er nicht gewesen, meint ebenfalls Paul Lesch, und erzählt von einer berühmten Anekdote: Nachdem sich der Schauspieler Joachim Gottschalk zusammen mit seiner jüdischen Frau das Leben genommen hatte, verbot Nazipropagandaminister Joseph Goebbels es der Schauspielprominenz, auf das Begräbnis zu gehen. Deltgen war einer der wenigen, die es trotzdem taten. Das habe er auch dem Untersuchungsrichter erzählt, doch im Prozess blieb es unerwähnt, sagt Limpach.

Lesch seinerseits sagt, er habe nur etwas über ihn geschrieben, weil er wusste, er sei kein “Knaschtsak” gewesen. “Als Jugendlicher machte ich ein Interview mit Evy Friedrich, dem man ja wirklich nicht vorwerfen konnte, er sei Kollaborateur oder Mitläufer gewesen. Ich sagt ihm ’der Deltgen, der war ja ein Kollaborateur‘, was er sofort verneinte. Wenn ein früherer Kommunist, der in der DDR gelebt hatte und für das Tageblatt schrieb, Deltgen verteidigte, dann könne er nicht so schlimm gewesen sein, sagte ich mir.”

Es hat lange gedauert, bis Deltgen in Luxemburg wieder auftreten konnte. Nach dem Prozess ging er zurück nach Deutschland, hierzulande war lange “persona non grata”. Erst in den 1960er Jahren traute sich der Direktor des Escher Theaters, ein Stück mit ihm aufzuführen: “Alle meine Söhne” von Arthur Miller. Damals hatte man Angst vor der Reaktion des Publikums, das aber sehr positiv reagierte. Laut Lesch bekam das Stück eine gute Kritik und es gab keinen Skandal.


Seine Filme

René Deltgen wirkte neben seinen Theaterrollen in rund 90 Spiel- und Fernsehfilmen mit wie z.B. “Dr. Crippen an Bord” (1942) oder “Hotel Adlon” (1955). Als die Hollywoodlegende Fritz Lang nach Deutschland zurückkehrte, engagierte dieser Deltgen für seine Filme “Der Tiger von Eschnapur” und “Das indische Grabmal” (beide 1959). In den 60er Jahren spielte er die Titelrolle in den Edgar-Wallace-Verfilmungen “Der Hexer” und “Neues vom Hexer”. 1978 spielte er den “Alpöhi” in der Kinderserie “Heidi”.

* Paul Lesch, “René Deltgen: Luxembourgs prodigial son?” in “Stellar Encounters: Stardom in Popular European Cinema”, John Libbey Publishing, Leicester, 2009

Uli Jung, Paul Lesch, Jean-Paul Raths, Michael Wenk: René Deltgen: Eine Schauspielerkarriere, CNA, 2002. (Das Buch ist am Mittwochabend erhältlich.)

4 Kommentare

  1. “Wat sin se, wat hun se, wat waren se am Krich?” Do sin der vill, déi 1945 elegant d’Keier kritt hun. Dovunner prfiteiren d’Nokommen haut nach. Mäis, dat sin alles respektabel Leit.

    • Mett, aus der Ferne betrachtet ist alles nur eine Frage der Distanz. Die ganze Regierung und fast alle Administrationen hatten Fersengeld gegeben und nach dem Krieg waren sie plötzliche wieder da,
      urteilten und bestraften gnadenlos all diejenigen die sich zu nahe an den Feind herangewagt hatten.
      War eben eine smartere und viel sichere Variante der Vergangenheitsbewältigung. Deltgen war ein
      guter Mensch, genauso wie Norbert Jacques. Beide waren grosse Künstler. Sie hatten das nicht verdient und man sollte sie endlich in Ruhe lassen.

      • “… aus der Ferne betrachtet ist alles nur eine Frage der Distanz. ” Lustig formuliert. “Quand c’est rugueux c’est Palisse”, hat Jacques Dutronc einmal gesungen. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass Deltgen und die Nazis Hemd und Hose waren.

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