Frauenrechte, Jugendarbeitslosigkeit, Flüchtlingspolitik, Klimawandel und umweltfreundliche Landwirtschaft waren die fünf Themen, über die am Mittwoch im Robert-Schuman-Gebäude heiß diskutiert wurde. 85 Schüler aus sieben Lyzeen in Luxemburg hatten sich angemeldet, um an dem dreitägigen Programm teilzunehmen.

“Die Schüler wurden in den Komitees wild durchgemischt. Das fördert die Interaktion zwischen den Schulen und ermöglicht neue Freundschaften”, erklärt Cynthia Orlando, eine der vier MEP-Lehrer des “Lycée Aline Mayrisch” (LAML). Kennengelernt haben sich die Gruppenmitglieder erst am Montag: “Die fünf ‘Committee Presidents’, die alle schon Erfahrung mit MEP sammeln konnten, haben sich lustige Kennenlernspiele ausgedacht, um aus Fremden ein Team zu machen”, erzählt Orlando.

Das hat scheinbar innerhalb kürzester Zeit super funktioniert. Nachdem die Komitees ihre Themen den ganzen Montag und Dienstag ausgearbeitet hatten, kämpften sie am Mittwoch gemeinsam für deren Durchsetzung. Bei den Debatten hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Und das auf hoch professionellem Niveau: Geredet wurde erst, nachdem einer der beiden Präsidenten, Grégory Lutgen (17) oder Anne Scheuer (18), den jungen Europapolitikern das Wort erteilt hatte. Dabei scheuten die Jugendlichen sich nicht, die Texte der anderen auseinanderzupflücken und intensiv zu hinterfragen.

Mikrofon an, Frage, Anregung oder Kritik formell vortragen, Mikrofon wieder aus. Nachdem jedes EU-Land, dessen Zugehörigkeit den Jugendlichen willkürlich zugeteilt wurde, seine Meinung zur vorgetragenen Resolution geäußert hatte und alle Fragen beantwortet schienen, wurde dafür oder dagegen gestimmt. Am Mittwoch wurden vier von fünf Resolutionen angenommen. Diese werden dem EU-Parlament vorgelegt, sodass die Arbeit der Jugendlichen mit etwas Glück sogar Früchte tragen wird.

Anne und Grégory haben ihren Status als “Presidents” bei dieser Ausgabe des “MEP Luxembourg” nicht von ungefähr. Beide haben bereits Erfahrung in dem Bereich, und das nicht nur auf nationalem Niveau.

“Für Anne und mich hat das Ganze vor drei Jahren mit unserem ersten Mini-MEP in unserer Schule (LAML) angefangen” erzählt der 17-jährige Grégory dem Tageblatt.

Karriere machen

“Darauf hat sich sozusagen eine ganze Karriere aufgebaut. Das fing auf nationaler Ebene an, später bekamen wir die Chance, an Western MEP und nationalen MEP in anderen Ländern teilzunehmen. In Berlin konnten wir zum Beispiel beim Modell-Parlament im Bundestag als ‘Guest Delegate’ mitmachen. Wer dort überzeugt, kann an internationalen MEP teilnehmen. Anne und ich waren noch in Kopenhagen und das Jahr danach war ich als ‘Committee President’ in Helsinki.”

Beim MEP kann also richtig Karriere gemacht werden: Wer als “Delegate” überzeugt, wird “Committee President” und leitet den Ausschuss. Wird er weiterempfohlen, kann er nationaler Präsident werden.

Dieses höchste Karriereziel haben Anne und Grégory erreicht. Für sie ist es auch das letzte MEP. Ob sie später einmal in die echte Politik wollen, wissen sie noch nicht: “Das hier macht mir super viel Spaß, aber ich würde jetzt nicht sagen, dass ich aus Leidenschaft Politikerin werde. Ich muss einfach schauen, was die Zukunft bringt”, sagt Anne. Grégory weiß schon eher, in welche Richtung er gehen will: “Diplomatie, internationale Beziehungen und Europapolitik finde ich superinteressant. Botschafter zu sein, wäre schon cool.”
Wo die Reise von Anne und Grégory aufhört, beginnt die von Fiona erst. Sie hat in diesem Jahr zum ersten Mal an einem MEP teilgenommen und Blut geleckt: “Es war superinteressant. Vor allem auch zu sehen, wie viel man erreichen kann. Wieso die Entscheidungen im echten EU-Parlament immer so lange dauern und wieso es wichtig ist, dass jeder seine Meinung zu einem Thema äußern kann. Dass es einen Austausch zwischen den verschiedenen Meinungen gibt. Man kommt nur durch Kompromisse und als Einheit voran”, schildert die 18-Jährige ihre Erfahrungen.

Das MEP hat sie aber auch aus ihrer Komfortzone gelockt: “Es kann ganz schön schwer sein, zu akzeptieren, dass die eigene Idee vielleicht mal nicht so gut ist und anderen nicht gefällt. Dann muss man sich zurücknehmen. Oder auch wenn die gemeinsam erarbeitete Resolution nicht durchkommt oder an Punkten kritisiert wird, die man selbst gut findet. Das ist es aber auch, was einen weiterbringt”, findet sie. Am Anfang sei es auch schwer, aufzustehen und seine eigene Meinung vor so vielen Menschen preiszugeben, die vielleicht eine ganz andere Ansicht haben.

Es war Odite Linden, die das “Model European Parliament” vor vier Jahren nach Luxemburg brachte: “Das Projekt hat sich seit der ersten Ausgabe unglaublich weiterentwickelt. Am Anfang machten 35 Schüler mit. Sie diskutierten drei Themen im Festsaal des LAML. Das war wirklich auf ganz kleinem Niveau. Nach und nach nahmen wir etwas weiter aus und fragten auch Schüler aus dem ‘Kolléisch’. Da war es auch noch eine relativ kleine Gruppe. Dann kamen wir ins Forum, wo bereits an die 50 Schüler mitmachten, und in diesem Jahr sind wir schon 85. Mit fünf Themen aus sieben Schulen”, erzählt die Englischlehrerin stolz. Daran, dass die Jugendlichen sich auch im nächsten Jahr wieder auf ein MEP freuen können, hat sie keine Zweifel. Das Interesse sei groß und das aktuelle Team topmotiviert.

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