Ni Xia Lian hat am Mittwoch im Tischtennis-Wettbewerb Bronze geholt, ihr Ticket für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio gelöst und die erste Luxemburger Medaille bei den European Games erspielt. Es war ein Erfolg für die Familie. 

Aus Minsk berichtet unser Redakteur Dan Elvinger

Es ist sechs Uhr morgens in Minsk. Trotz Schlaftablette findet Ni Xia Lian wieder mal keine Bettruhe. Seit der Geburt ihrer beiden Kinder (27 und 16) ist die Tischtennis-Spielerin es gewohnt, mit wenig Schlaf auszukommen. Daran kann auch Ehemann und Trainer Tommy Danielsson nichts ändern.

„Ich liege neben ihr, bewege mich nicht und versuche, nicht zu atmen. Aber auch das hilft nicht“, sagt der gebürtige Schwede. Bereits um 8.00 Uhr ist sie im „Olympic Tennis Centre“ von Minsk. Zwei Stunden vor ihrem Halbfinalspiel gegen die Portugiesin Yu Fu.

Die morgendliche Session läuft nicht nach Plan. Ni hat Probleme mit der Konzentration. Immer wieder kosten vermeidbare Fehler wichtige Punkte. „Ich bin mental nicht auf der Höhe. Die Gegnerin war zu schnell für mich. Mein Stil wurde zum Problem und das muss ich akzeptieren“, sagt die Luxemburgerin nach der 2:4-Niederlage.

Doch der Tag ist noch lange nicht vorbei. Der wichtigste Moment kommt erst noch. Ni kann sich mit einem Sieg im Spiel um Bronze die Olympiaqualifikation sichern. Beim Blick auf das zweite Halbfinale zwischen der Monegassin Yang Xiaoxin und der deutschen Abwehrspezialistin Han Ying wird sie nervös und verlässt die Halle. „Ich habe mich dazu gezwungen, etwas zu essen, obwohl ich keinen Appetit hatte. Zwei Stück Brote habe ich aber runtergekriegt, denn ich brauchte ja Energie“, sagt Ni.

Negative Bilanz

Die Tischtennis-Spielerin kehrt ins Athletendorf zurück und stellt dort fest, dass die Monegassin die Partie verloren hat und im Spiel um Platz drei gegen sie antreten wird. Eine denkbar schlechte Gegnerin. Bis Mittwoch gab es zwei Duelle. Ni hatte nie eine Chance (1:4 und 0:4). „Wir haben uns gesagt: Vielleicht klappt es beim dritten Mal“, sagt Tommy Danielsson. „Sie ist so schnell, sicher und aggressiv“, resümiert Ni die Fähigkeiten ihrer Gegnerin.

Als es dann so weit ist, spielt die Luxemburgerin ihre gesamte Routine aus. Yang Xiaoxin kann zwar in den ersten vier Sätzen mithalten, bekommt aber immer wieder von der 55-Jährigen die Grenzen aufgezeigt. Am Ende fährt diese einen fast schon lockeren 4:2-Erfolg ein und wird von den vielen anderen Luxemburger Sportlern, die in der Halle sind, gefeiert.

Ni selbst ist außer Rand und Band, freut sich so, als hätte sie gerade ihr erstes Turnier gewonnen. „Es ist der wohl aufregendste Moment in meiner Karriere. Ich bin so glücklich und stolz, dass es geklappt hat. Ich werde in den nächsten Monaten mehr Zeit für meine 88-jährige Mutter und meine Kinder haben. Ich habe auch für sie gewonnen“, sagt sie.

Die Luxemburgerin muss jetzt nicht mehr durch die schwierige Olympiaqualifikation. Sie hat ihr Ticket in der Tasche und kann sich bis Tokio 2020 auf die Familie, ihre Technik und ausschließlich auf große Turniere konzentrieren. Die ständigen Reisen zu Turnieren rund um die Welt können nun eingeschränkt werden.

Noch nie so glücklich 

„Sie war Weltmeisterin, Europameisterin und hat die ETTU-Top-16 dreimal gewonnen, aber ich habe Xia Lian noch nie so glücklich gesehen wie heute. Olympia 2020 war der große Traum und sie hat es geschafft, das Unmögliche möglich zu machen“, sagt ein überglücklicher Danielsson. Als Ni von einer deutschen Journalistin gefragt wird, was ihr Erfolgsgeheimnis sei, antwortet sie überraschend patriotisch: „Ich wohne in dem besten Land, in dem mich jeder unterstützt. Vom Großherzog über die Regierung bis hin zu meinem Verband. Außerdem habe ich zwei tolle Kinder, die ihrer Mami nie Sorgen bereiten.“

Trotz der Jubelarien bleibt nicht viel Zeit zum Feiern. Bereits am Donnerstag um 10.00 Uhr tritt Ni im Mannschaftswettbewerb mit ihren Kolleginnen Sarah de Nutte und Danielle Konsbruck gegen die Ukraine an.

Ehemann Tommy Danielsson muss sich auch deshalb keine großen Gedanken um eine passende Belohnung für seine erfolgreiche Frau machen: „Ich könnte sie zum Essen einladen, aber sie isst eh nur zwei Stücke Brot und trinkt einen Schluck Wasser. Das wird immer günstig für mich.“

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