DENDEMANN
Da nich für!

Zauberland ist abgebrannt

Kaum jemand glaubte noch daran, doch jetzt ist es tatsächlich raus: „Da nich für!“ bietet in zwölf neuen Stücken beste traditionelle Handwerkskunst aus geschliffenen Reimen und komplexen Rhythmen, souveränen Samples und beeindruckenden Features. Was Dendemann anpackt, hat Hand und Fuß, Herz und Hirn. Sein Album überzeugt in Form und Inhalt, von Anfang bis Ende, mit Beobachtungsgabe, Sprachakrobatik, Selbstironie – eklatantere Ausfälle sind nicht zu entdecken. Konventionen interessieren nicht, der Blick geht weit über den Tellerrand hinaus. Ein unabhängiger Geist ist am Werk, der zwar Szenegrößen wie Casper, Jan Delay oder Trettmann als Gäste lädt, aber ebenso Stars anderer Genres und Zeiten wie Hildegard Knef, Heinz Erhardt oder René Descartes zum überraschenden Auftritt verhilft.

Seine kratzig-heisere Stimme liefert emotionale Zustandsbeschreibungen einer verwirrten Gesellschaft. „Müde“ wehrt sich mit Doubletime-Rap-Einlagen gegen Extremisten jeder Art: Faschisten, Sexisten, Populisten, Lobbyisten, Pazifisten. „Menschine“ beklagt die Selbstausbeutung als Mensch-Maschine, wenn nicht mehr übrig bleibt vom Leben als Arbeit; am Ende bleiben nur noch konfuse Atari-Sounds und verstörendes Scratchen. Bei „Zauberland“ mit Rio-Reiser-Vocal-Sample ändert sich der Kontext, die eigentlich sehr private Dimension bekommt nun eine politische, statt zerstörter Liebe (wie bei Reiser) geht es um zerstörte Heimat und die Flucht aus dieser.

Dendemann, zusammen mit DJ Rabauke als Duo Eins Zwo vor zwei Dekaden mal ziemlich hip und zuletzt als TV-Bandleader in Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ engagiert, scheut kein Thema, er will mit der Realität konfrontieren, aber nicht, um dabei bloß zu provozieren. Seine Kunst setzt auf Nuancen und Details, hat dennoch eine klare Haltung. Berührungsängste mit Pop, Rock, Punk, Jazz, Chanson, Easy Listening, Dub oder Dancehall gibt es auf dem dritten Solowerk des rappenden Dichters aus Deutschland sowieso keine.

Oliver Seifert

WERTUNG: 8/10
ANSPIELTIPPS: Ich dende, also bin ich, Keine Parolen, Zauberland, Littbarski

 

MONO
Nowhere, Now Here

Stagnierende Schönheit

Seit Jahren loten Mono die Gratwanderung zwischen Kitsch und Schönheit aus. Auf der neuen Platte will man den Bandsound mit neuen Elementen wie Synthies und Gesang bereichern. Das gelingt leider nur zum Teil – „Nowhere, Now Here“ ist konventionell schön, bereichert aber weder die Diskografie der Band noch revolutioniert die Platte das Genre.
Monos Auffassung von Postrock ist eigentlich sehr altbacken – da wo Explosions In The Sky seit kurzem daran arbeiten, die herkömmlichen Songstrukturen aufzubrechen, findet man auch auf dem neuen Mono-Album wieder lange Songs, die sich viel Zeit lassen, um sich nach und nach zu einer krachigen, emotional mitreißenden Klangmauer aufzutürmen. So ist das titelgebende „Nowhere, Now Here“ eine schwelgerische Nummer für all diejenigen, deren Verständnis von emotionaler Intensität sich musikalisch durch langsamen Aufbau und gesättigte Gitarren definiert. Nach dem ruhigen Opener „God Bless“ lotet das krachig-schöne „After You Comes The Flood“ die härtere Seite der Band aus, was ihnen auf dieser Platte gut zu Gesicht steht – meist sind es die zarteren Tracks, im Laufe derer man sich etwas langweilt („Parting“). Hieran kann auch der Gesang auf „Breathe“ nicht viel ändern. All diejenigen, die Mono mit dieser Platte entdecken sollten, werden sich an der kaum bestreitbaren Schönheit der Platte ergötzen – für den Mono-Kenner ist es aber diese konventionelle Schönheit, die etwas stört, da „Nowhere, Now Here“ genau die Erwartungen, die sich bei der Ankündigung einer neuen Mono-Platte auftun, befriedigt – und diesen Erwartungsrahmen fast nie sprengt.

Die paar Gesangseinlagen und das elektronische Wabern auf einigen Songs (der Schluss von „Sorrow“) funktionieren durchaus, es wirkt aber, als hätte man diese neuartigen Elemente mit einer zu großen Vorsicht einbauen wollen und wäre nachher trotzdem lieber auf Nummer sicher gegangen. So bleiben hauptsächlich einige grandiose Tracks („Meet Us Where The Night Ends“), die sich (zu) nahtlos in das Gesamtwerk der Band einfügen. Denn auch Stagnation in der Schönheit bleibt künstlerische Stagnation.

Jeff Schinker

WERTUNG: 7/10
ANSPIELTIPPS: Meet Us Where The Night Ends, After You Comes The Flood, Nowhere, Now Here

STEVE MASON
About The light

Außerhalb seiner Komfortzone

Auf einigen britischen Radiosendern laufen seit Wochen verschiedene Songs des neuen Steve-Mason-Albums „About The Light“ rauf und runter. Es scheint, als würde dem früheren The-Beta-Band-Frontmann (1996-2004) endlich die Ehre zuteil, die ihm seit Jahren zusteht. Nachdem er erst noch unter dem Namen King Biscuit Time Solomaterial veröffentlicht hatte, macht er dies seit 2009 unter seinem bürgerlichen Namen. Und was ihm mit seinen ersten Soloalben „Boys Outside“ (2010), „Monkey Minds In The Devil’s Time“ (2013) und „Meet The Humans“ (2016) nicht gelang, könnte jetzt doch endlich eintreten.

Denn eins ist klar: Mason ist ein brillanter Songschreiber, der Stadionrock mit Folk und Melancholie und Nostalgie mit Spielfreude verschmelzen kann. Nachdem der Schotte seit dem Aus der Beta Band den Entstehungsprozess seiner Songs zumeist alleine begleitet hatte, integrierte er diesmal seine Liveband ins Songschreiben. Ein Jahr lang arbeiteten sie an zwölf Stücken. Dann kam The Smiths/Morrissey/Blur-Produzent Stephen Street ins Spiel, dessen Arbeit Mason seit vielen Jahren bewundert.

Street war von Masons Ideen sehr angetan. Denn dieser hatte den Wunsch, im Studio Gospelsängerinnen und Bläser einzusetzen, was den Kompositionen eine gewisse Grandesse verlieh. Aus all diesen Zutaten und der Tatsache, dass Mason für „About The Light“ ganz bewusst seine Komfortzone verlassen hatte, entstand ein Ausnahmealbum, zu dessen Höhepunkten „No Clue“, „Stars Around My Heart“ und der Ohrwurm „Walking Away From Love“ zählen. Aber das sind nur drei von zwölf ausgezeichneten Songs, deren Stimmung von jubilierend bis nostalgisch reicht. Es gibt so viele schöne Momente und Melodien auf dieser Platte, weshalb deren Songs nicht nur im britischen Radio rauf und runter laufen.

Kai Florian Becker

WERTUNG: 9/10
ANSPIELTIPPS: America Is Your Boyfriend, No Clue, About The Light, Stars Around My Heart, Walking Away From Love

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here