Rund 14 Millionen Kilometer fahren die hauptstädtischen Busse pro Jahr. Die zahlreichen Baustellen machen den Fahrern das Leben schwer. Die Koordinationsstelle des Busdienstes versucht, etwas Ordnung in das Verkehrschaos zu bringen. Ein Ortsbesuch in Hollerich.

„Fahrer 721*, bitte melden Sie bitte. Wo ist das Problem?“ Schon mehrere Male hat der Koordinator versucht, Kontakt aufzunehmen. Doch der angesprochene Fahrer, der mittlerweile fast eine halbe Stunde Verspätung aufweist, antwortet nicht. Auf den Bildschirmen vor ihnen sehen die Koordinatoren des Busnetzes, wo sich jeder Bus aufhält und gleichzeitig, wo er sich laut Fahrplan befinden sollte. Je nach Zeitunterschied zu der Sollzeit verändert die Ikone, die den Bus repräsentiert, die Farbe. Eine weitere Tafel zeigt die Linien mit den größten Verspätungen an, was den Koordinatoren ermöglicht, entsprechend zu reagieren. Jedes Stadtviertel, aber auch jede Linie kann separat angezeigt werden. Eine der Aufgaben der Koordinatoren besteht darin, zu vermeiden, dass es zu Pulkbildungen kommt. Kommt ein Bus zu sehr in Verzug, wird er unter Umständen aus dem „Karussell“ genommen und an anderer Stelle wieder eingesetzt.

So kann es vorkommen, dass Busbenutzer gebeten werden, an einer Haltestelle auszusteigen und auf den nächsten Bus zu warten. Sind sie dem Fahrplan voraus, werden Fahrer auch schon mal gebeten, an Haltestellen etwas länger zu warten. „Zu früh darf ein Bus auch nicht kommen. Es kann nicht sein, dass man pünktlich aus dem Haus geht und seinen Bus trotzdem verpasst“, sagt Lex Bentner, Chef des Busdienstes von Luxemburg-Stadt. Es kommt darauf an, den Takt so weit wie möglich einzuhalten. Die Koordinatoren passen das Fahrzeitprofil den verschiedenen Tageszeiten an. Flexibel sind auch die sogenannten Wendezeiten, Zeitreserven, die den Fahrern am Anfang bzw. Ende einer Tour zur Verfügung stehen, um Verspätungen aufzuholen oder mal zur Toilette zu gehen.

Ein Drittel „sous-traitance“

Der Fahrer, der in diesem Moment nicht antwortet, sei der eines Privatunternehmens, erklärt Bentner. Nicht dass, die Busse der Stadt Luxemburg keine Verspätung hätten (mit dem Problem kämpfen Busbenutzer in der Hauptstadt jeden Tag). Es könne aber sein, dass der besagte Fahrer keine der drei landesüblichen Sprachen so beherrsche, wie er eigentlich soll, sagt Bentner. Das sollte normalerweise nicht der Fall sein, komme aber manchmal vor. Etwa ein Drittel der Fahrten werden von Privatunternehmen durchgeführt. Nach einer Weile meldet sich der Fahrer und erklärt das Problem. Meistens sind es unvorhergesehene Baustellen oder Unfälle, erklärt Bentner.

In der Koordinationsstelle überwachen in der Regel drei bis vier Personen den Busverkehr auf dem Gebiet der Hauptstadt; daneben behalten sie auch die sogenannten „lignes coordonnées“ im Auge, die Linien, die Ortschaften im Speckgürtel der Stadt anfahren. Ein integriertes Kontrollsystem von allen Buslinien des Landes, mit den Bussen aus dem Süden (TICE) und Regionalbussen (RGTR) gibt es allerdings noch nicht.

Im Kontrollraum machen die Koordinatoren in der Regel ihre Arbeit ruhig und gelassen. Doch das sei nicht immer der Fall. Am 4. November, als die Fahrpläne umgestellt wurden, sei die Hölle los gewesen, sagt einer der Beamten. Die Lage in der avenue de la Gare habe sich zwar beruhigt, was aber nicht bedeutet, dass alles glattläuft. Immer noch würden Autos durch die „al Avenue“ fahren und den Verkehr behindern.

1,5 Unfälle am Tag

Das Organisationszentrum der hauptstädtischen Busse befindet sich in der Hollericher rue de Bouillon, gegenüber dem Park&Ride; der Kontrollraum, wo alle Fäden zusammenlaufen, ist gleich neben den Aufenthaltsräumen der Fahrer untergebracht. Dort stehen auch permanent 3-5 Reservefahrer bereit. Im Durchschnitt gebe es 1,5 Unfälle pro Tag, sagt Bentner. Das höre sich nach viel an, allerdings werde jede kleinste Schramme als Unfall gewertet, und von jedem Vorfall muss ein Unfallprotokoll erstellt werden.

379 Fahrer arbeiten bei den hauptstädtischen Bussen, 10 Prozent von ihnen sind Angestellte. Es werde immer schwieriger, Busfahrer zu finden, erzählt Bentner. Hinzu komme auch, dass der „Verbeamtungsvorgang“ langwierig sei. Man habe deshalb beschlossen, auch auf Angestellte zurückzugreifen. Ziel sei es aber, auch diese Fahrer mit der Zeit zu verbeamten.

Neben den Fahrern gibt es noch 21 Kontrolleure, ein Beruf, der sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert hat. Fahrkartenkontrollen stellen nur noch 10 Prozent ihrer Arbeit dar, und im März kommenden Jahres, wenn der öffentliche Transport gratis sein wird, fällt diese Aufgabe komplett weg. Heutzutage sind sie vor allem mit Organisations- und Koordinierungsaufgaben betraut. Die Kontrolleurslaufbahn steht jedem Fahrer mit 15 Jahren Berufserfahrung offen. Der Hauptkontrolleur sitzt im Kontrollraum und überwacht u.a. die Dienstzeiten der Fahrer und die Dienstzeitenwechsel, die die Fahrer je nach Bedarf unter sich aushandeln. Es werde aber kontrolliert, dass ein Fahrer nicht auf zu viele Ruhetage verzichtet.

Ruhe bewahren

Ruhepausen sind bei Busfahrern ein wichtiges Thema. Auch wenn es noch keine abgedunkelten „Antistressräume“ mit Hintergrundmusik gibt (es sei aber schon daran gedacht worden, sagt Lex Bentner), so stehen an einige Orten, wie z.B. an der Ecke rue Philippe II/rue de la Poste, den Fahrern Ruheräume zur Verfügung. Und die sind auch nötig. Jeder Autofahrer weiß, wie leicht man im Stau die Nerven verliert. Busfahrer ertragen diesen Stress acht Stunden am Tag.

Neben dem Verkehr und genervten Kunden machen auch noch Sicherheitsfragen den Fahrern zu schaffen. Tätliche Übergriffe auf Busfahrer sind keine Seltenheit. Eine (theoretische) Möglichkeit wäre, alle Busse mit Kameras auszustatten, doch das sei aus Datenschutzgründen schwierig bis gar nicht möglich, klagt Bentner. Zurzeit seien nur Gelenkbusse mit Kameras ausgestattet, um die hintere Tür zu überwachen. Für Notfälle gebe es in den Bussen Notknöpfe: Wird einer vom Fahrer betätigt, werden in der Zentrale die Gespräche im Wagen aufgezeichnet, und ein Kontrolleur begibt sich vor Ort, um nach dem Rechten zu sehen.

Verspätungen und Pannen wird es immer geben, daran lässt sich nur begrenzt etwas ändern. Was sich aber verbessern lasse, sei die Information, die dem Kunden gegeben wird, und das werde die Priorität im kommenden Jahr sein, erklärt Lex Bentner. So soll es nicht nur wie bis dato in einigen Bussen Anzeigetafeln geben, sondern auch Audioinformationen. Des Weiteren sollen sich Busbenutzer ab Ende kommenden Jahres über eine neue App informieren können.

* Tatsächliche Nummer wurde geändert.

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