Luxemburg braucht “unterschiedliche Schulen für unterschiedliche Schüler”. Das sagte Bildungsminister Claude Meisch (DP) anlässlich einer Pressekonferenz zum Schulbeginn. Besonders zwei Elemente machen diesen Schulanfang zu einem außergewöhnlichen Ereignis. Zum einen die Reform des Sekundarunterrichts. Zum anderen die Einführung des neuen Faches “Vie et societé” auch in der Grundschule, nachdem das Fach bereits im letzten Jahr den Religionsunterricht und den laizistischen Moraluntericht in den Gymnasien abgelöst hatte.

Meischs Schulpolitik sieht eine starke Selbstständigkeit der einzelnen Schulen und der Lehrkräfte vor. Die Bildungsanstalten sollen ihre Programme in großen Teilen selbst gestalten können, so dass sich in Luxemburg eine reiche Auswahl an Bildungsangeboten entwickelt, aus denen Eltern und Schüler auswählen können sollen. Immer wieder betont der liberale Politiker öffentlich, dass er großes Vertrauen in die Lehrkräfte hat und dass Schule nicht durch die Politik von oben herab gestaltet werden kann. Vielmehr solle Schule “von unten” her wachsen. Wichtig für Meisch ist es, so jedenfalls der Minister, dass die Reform nicht mit der Verabschiedung des Gesetzestextes aufhört. Oft genug würden Reformen nach dem Legislaturprozess nicht weiter begleitet, nur damit später festgestellt wird, dass die erwünschten Maßnahmen nicht umgesetzt worden sind. Ein Problem, das in den Verwaltungswissenschaften gut bekannt ist.

Internationales Interesse

Immer wieder spricht der Minister von einer Start-up-Mentalität (nicht nur im wirtschaftlichen Sinne), die den Schülern vermittelt werden solle. Eng damit verbunden ist wohl auch der verstärkte Gebrauch von – inzwischen gar nicht mehr so moderner – Informationstechnologie. In einigen Klassen werden die Schüler dafür mit Tablet-Computern ausgerüstet. Zwar werden die Klassen pauschal als “iPad-Klassen” bezeichnet, jedoch gilt auch hier, dass die Lehrer Gestaltungsfreiraum haben und die Technologie nicht festgelegt ist. Ebenso könne auf Windows, Linux oder andere Open Source Softwares zurückgegriffen werden.

Dass die Schulen nun autonomer werden und ihr eigenes Angebot entwickeln sollen, versetzt sie gewissermaßen in eine Konkurrenzsituation. Das soll aber nicht dazu führen, dass die Schulen versuchen, sich gegenseitig Lehrer abzuwerben. Vielmehr solle das breite Programm es jedem Schüler ermöglichen, genau die Schule zu finden, die zu ihm passt. So sei es auch nicht erwünscht, dass Schulen damit werben, dass jeder Schüler ein Tablet erhält. Diese Technologie werde sowieso nur gefördert, wenn die Schulen nachweisen können, dass die Geräte zu pädagogischen Zwecken gebraucht werden, erklärt Meisch. In Zukunft soll es ein Internetportal geben, in dem über das Angebot der Schulen informiert wird. Das Problem: Oft würden Eltern sich noch an ihre Schulzeit erinnern und nicht wissen, dass sich in den letzten Jahren viel verändert habe.

Stichwort Eltern. In Zukunft wolle man daran arbeiten, dass Eltern und Lehrer eine richtige Bildungsgemeinschaft bilden. Dazu gehört laut Meisch auch, dass Eltern nicht passive Nutzer des Bildungssystems für ihre Kinder sind, sondern ihre Rechte gestärkt werden, so dass sie zum Beispiel Informationen einfordern können oder mitreden dürfen. Dass Eltern und Lehrpersonal gegeneinander arbeiten würden, sei kein Fortschritt.

Lehrergewerkschaft befürchtet “Chaos”

Mit den vielen Projekten, die in Schulen umgesetzt würden, gehöre Luxemburg zu den innovativsten Ländern der Welt und sei in vielen Bereichen Vorreiter, so der Bildungsminister. “Dies auch, weil wir hier in Luxemburg ganz besondere Herausforderungen haben, auf die wir reagieren müssen”, so Meisch. Das internationale Interesse sei groß. In der Tat hatte sogar der Deutschlandfunk über die Einführung des neuen “Werteunterrichts” in den luxemburgischen Gymnasien im letzten Jahr berichtet. Aber auch Vertreter anderer Staaten interessieren sich für die Reformen, wie der Minister zu berichten weiß. Allerdings blickt nicht jeder so zufrieden auf den Schulbeginn wie Meisch. Kritik gab es von Seiten einer Gewerkschaft.

In einer Pressemitteilung schreibt der SEW/OGBL, “Chaos” beim Schulanfang sei vorprogrammiert. Viele Kinder liefen Gefahr, zum Schulbeginn keinen Lehrer oder keine Lehrerin zu haben. Klassen müssten zusammengelegt, Nachhilfen annulliert und Integrationskurse für Kinder von Asylberwerbern abgesagt werden. All dies, um “zu verstecken”, dass es nicht genügend Lehrer gibt, so der SEW/OGBL. Die Gewerkschaft spricht von einer “nie da gewesenen” und “desaströsen” Situation. Die vom SEW/OGBL gezeichnete Situation sei vorhersehbar gewesen. Der Minister habe sich jedoch geweigert, mit dem SEW/OGBL zu verhandeln, und habe es vorgezogen, lediglich mit der Staatsbeamtengewerkschaft CGFP zu sprechen, moniert die Organisation. Dass zum Schulbeginn viele Lehrkräfte fehlten, kann der Minister nicht bestätigen.

Nicht genug Informatiklehrer

Die Behauptung, in einer Region des Landes fehlten 28 Lehrer, sei schlicht nicht wahr. Die Zahl sei obsolet. Inzwischen seien Lösungen gefunden worden, so dass nur noch ein Lehrer fehlt, so Meisch. Der Minister war sich gestern Morgen dann auch sicher, dass rechtzeitig zum heutigen Schulbeginn auch dieses Problem gelöst sei. Ob es zu dem prophezeiten Chaos kommen wird, bleibt abzuwarten. Meisch gab allerdings zu, dass es oft nicht einfach sei, das passende Personal zu finden, um Stellen zu besetzen. Es sei eine Herausforderung, “kompetentes Personal mit spezifischen Qualifikationen zu rekrutieren”, so der Minister für Bildung.

Derzeit werde überall aufgestockt, zum Beispiel, um gewährleisten zu können, dass Schüler mit besonderen Bedürfnissen überall im Land kompetent betreut werden können. “Dabei stoßen wir manchmal an unsere Grenzen”, so Meisch. “Ich bräuchte 17 Informatiklehrer, um in allen Schulen den Bedürfnissen gerecht zu werden. Beim letzten Einstellungsverfahren habe ich nur zwei gefunden”, sagt der Minister.

Einen massiven Lehrermangel, wie ihn die deutschen Bundesländer kennen, gebe es in Luxemburg jedoch bei weitem nicht. Schule sei – Meisch zitiert den britischen Autor Sir Ken Robinson – keine industrielle Manufaktur, die immer gleiche Produkte herstelle, sondern funktioniere wie ein Bauernhof, auf dem für unterschiedliche Saaten das jeweils richtige Umfeld erzeugt werde, damit es gedeihen könne.

6 Kommentare

  1. Was heisst” unterschiedliche Schulen für unterschiedliche Schüler”, heißt das Schulen für eine sogenannte Elite und schulen für den vulgum pecus…? Klassen bezogenen Ausbildung durch unterstreichen der sogenannten Klassenunterschiede, ..unterschiedliche Saaten für das jeweils richtige Umfeld ..nun ja Einbildung ist ja auch eine Bildung Herr Meisch, sagte unser alter Herr Lehrer…

    • So sehe ich das auch, der Fundament der präziseren Selektion von Schülern wurde ja schon vor ein Paar Jahren gegossen, letztes Jahr gefestigt und nun wird es ausgebaut. Meiner subjektiven Meinung nach, hatten wir schon lange nicht mehr einen so schlechten Bildungsminister wie Meisch. Tut mir leid, aber solche Praxen sollten eigentlich der Vergangenheit angehören und sich nicht wiederholen.

  2. Wenn es Mangel an Lehrer in Luxemburg gibt, sollte man eventuell den Zugang für eine ausländische Lehrerschaft vereinfachen. Es gibt sicherlich Lehrer aus Frankreich, Belgien oder Deutschland, die schnell Ihre Kompetenzen (insb. ab 7 Klasse) hierzulande einsetzen könnten. Im Sekundarstufe sollte Luxembourg nicht weiter die Rekrutierung auf die Mehrsprachigkeit der Lehrer fokusieren…. sondern auf ihre FACHKOMPETENZ in der Unterrichtssprache (z.B. Mathe auf französisch & Französisch mit franz. oder belg. Lehrern / Deutsch mit deutschen, usw…).

  3. ich masse mir nicht an zu beurteilen wie man das bildungsystem umbauen oder verbessern kann. aber es müsste doch möglich sein dieses “problem” überparteilich zu behandeln. indem man das einem gremium von experten (vum terrain) überlassen sollte. es kann nicht sein dass nach jeder wahl irgendein ahnungsloser minister alles umkrempelt und bei der nächsten wahl das umgekrempelte wieder umgekrempelt wird.

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