Vor genau einer Woche strömten über 800 Neugierige ins ehemalige Autohaus “Garage Grün” in Strassen, wo auf 1.200 Quadratmetern die nunmehr dritte Auflage der “Fuelbox” eröffnet wurde.

Von Alasdair Reinert

Das Timing für die Vernissage hätte vorzüglicher nicht ausfallen können, da sie am Donnerstag vor den Parlamentswahlen stattfand, was den riesigen Anlauf teilweise begründete, sowie – so wurde gemunkelt – auch die beachtliche Masse an Bier und Crémant.

Temporäre Ausstellungen, im Rahmen derer baufällige Grundstücke, Industriegelände oder private Wohnhäuser kurzweilig zu Kunststätten und Treffpunkt diverser Kunstsparten umfunktioniert werden, liegen voll im Trend. Man denke hierzulande an die Ausstellungen “Uecht” und “Lankelz” in Esch, das Projekt “Schwaarzt Haus” in Luxemburg-Stadt sowie die ersten beiden Auflagen der “Fuelbox” in Strassen.

Aber was verbindet denn nun ein Autohaus mit einem klassischen Mahagoni-Segelboot, einem mit 600 kg Murmeln beklebten rostigen Mercedes-Kombi, einer zum Spielautomaten umgewandelten Garagentür, einem rosafarbenen Denkmal gegen Kindesmissbrauch, groß- und kleinformatigen Eisen- und Holzskulpturen, hyperrealistischen Stillleben, zwei durstigen Bambis, abstrakten Gemälden, Graffiti und Wandkunst? Eigentlich nichts.
Doch es steckt Methode und ein gemeinsamer Ansatz hinter diesen scheinbaren Gegensätzen. Es geht nämlich um Ausdruck und zugleich das Spiegelbild einer immer dynamischer werdenden hiesigen Kunstszene, die sich von den klassischen Galerien hin zu urbaneren und dem Abriss bestimmten Stätten bewegen.

Bereitschaft über den Tellerrand zu blicken

Zugleich zeugen die Werke von der Bereitschaft der Künstler, über den Tellerrand der eingefahrenen Bahnen künstlerischer Öffentlichkeit zu blicken. So bietet sich den 58 Künstlern der “Fuelbox III” die Möglichkeit, sich von jedweden politischen und wirtschaftlichen Konventionen zu entbinden. Letztere werden in privaten Galerien sowie staatlichen Kulturhäusern von Kuratoren bestimmt, die oftmals neoliberalen, oder, um das Mudam zu bemühen, auch politischen Zwängen verpflichtet sind.

Laurent Turping, einer der vier Kuratoren der Ausstellung, entdeckte die Stätte Ende letzten Jahres und befand sie für geeignet. Fortan begann eine akribische Planung. So wurden mithilfe befreundeter Künstler 54 einheimische, aber auch aus dem nahen Ausland stammende Gastkünstler eingeladen. Diese hatten einen Monat Zeit, sich ihrer ausgesuchten Ecke des Autohauses zu widmen.

Den Organisatoren Raphael Gindt, Dani Neumann, Yvette Rischette und Laurent Turping war es zunächst wichtig, dass die ausgesuchten, vom Schaffen her verträglichen Künstler nicht einfach mit einem fertigen Werk anreisten, um danach wieder schnell abzuhauen. Vielmehr galt der kollektive Anreiz, sich enger an den Raum und den jeweilig benachbarten Künstler anzubinden.

Haushohe Wandmalereien

Verfehlen kann man die von der route d’Arlon gut sichtbaren haushohen Wandmalereien Raphael Gindts kaum. Gleiches gilt für Rafael Springers mit Murmeln besetzten und beleuchteten alten Mercedes, die massig anmutende Holzskulptur von Laurent Turping sowie Daniel Mac Lloyds komplexe Verzierung des Ex-Autohauses.

Was beim weiteren Rundgang zunächst ins Auge sticht, ist die allgemeine handwerkliche sowie ästhetische und intellektuelle Vielfalt der Werke und Installationen. Das vorher benannte Segelboot liegt tatsächlich inmitten der hinteren ehemaligen Werkstatt gestrandet, umzingelt von imposanten Malereien, Fotografien, illustrierten Filmpostern, einer surrealen Konstruktion mitsamt Videoinstallation und verstecktem Loch in der Wand, einer ellenlangen mit Skulpturen bestückten Tafel, einem organisch anmutenden, von der Decke baumelnden Strickwerk. Allesamt bilden sie einen tollen Gegenzug zum Showroom, der wiederum fast schon wie eine klassische Galerie anmutet, ohne dabei Biederkeit auszustrahlen.

Die ausgesuchten Künstler konnten sich sichtbar frei entfalten. Einzige Bedingung war es, dass sie den Ort respektvoll ohne Abriss behandelten, und es wurde allgemein dazu aufgerufen, der “Fondation Kriibskrank Kanner” jeweils ein eigens gewidmetes Werk zu spenden, die in der vorderen Galerie einen eigenen Platz bekamen. Mitgliedsgebühr sowie Preisaufschlag sind verpönt, auch dies wiederum im Gegensatz zu üblich geltenden Regeln.
Turping zimmerte zum Anlass neben seinen bekannten, mit der Motorsäge gefrästen Holzmenschen einen 25 m² großen Holztisch, der 60 Personen Platz bietet. Er fungiert als Treffpunkt der Künstler, unterstreicht zudem den Kollektivgedanken der Ausstellung, der bei anderen Events ähnlicher Art, so Turping, eher verloren geht. So können sich die Künstler einmal die Woche während des “Dîner d’artistes” über den jeweiligen Schaffensprozess und Erfahrungen austauschen. Summa summarum ein schönes Symbol für eine Ausstellung der anderen Art.

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