Von Michelle Schmit

Seit Ende März wird wöchentlich in Gaza an der Grenze zu Israel protestiert. Hind ist mit dabei. Die 23-Jährige berichtet aus dem Freiluftgefängnis und riskiert ihr Leben. Ein Interview.

Tageblatt: Wie bist du dazu gekommen in Gaza als Nachrichtensprecherin zu arbeiten?
Hind: Ich bin in Gaza geboren und aufgewachsen. Anfangs habe ich als Übersetzerin für ausländische Journalisten in Gaza gearbeitet. Nach und nach habe ich dann begonnen, meine eigenen Berichte über Gaza zu schreiben. Es war immer mein Traum, einmal als Reporterin fürs Fernsehen zu arbeiten, damit ich davon berichten kann, was den Palästinensern hier tagtäglich widerfährt.

Wie ist das Leben in Gaza?
Das Leben hier ist sehr hart. Die Menschen in Gaza leben nun seit elf Jahren in einem regelrechten Freiluftgefängnis. Täglich haben sie nur drei bis vier Stunden Strom. Das Meer hier ist verschmutzt. Die Zahl der Arbeitslosen ist sehr hoch. Die Menschen leben hier in Armut und Elend.

Seit wann berichtest du von der Protestwelle?
Ich berichte bereits seit Trumps Deklaration am 6. Dezember 2017 von den Protesten in Gaza. Seit dem 30. März berichte ich vom “Great March of Return”. Jeden Freitag stehe ich sehr früh morgens auf, gehe zuerst ins Büro und fahre dann von dort bis zur Grenze, die den Gazastreifen von Israel trennt. Wir Journalisten haben dort einen gemeinsamen Treffpunkt, in welchem wir verharren, bis die Lage eskaliert. Dann gehen wir näher an die Grenze heran, um zu berichten, was vor sich geht.

Wie erlebst du die Proteste der Palästinenser vor Ort?
Tausende Menschen aller Altersgruppen kommen jeden Freitag, um zu protestieren. Männer wie Frauen und viele Jugendliche. Die Palästinenser protestieren, indem sie singen oder Fahnen und Schilder hochhalten. Vor allem die Jugendlichen fangen oft plötzlich an, Autoreifen zu verbrennen. Sie tun dies, um die Sicht der israelischen Soldaten, die sich nur einige Meter von ihnen entfernt auf der anderen Seite der Grenze befinden, zu beeinträchtigen.

Wie reagieren die israelischen Soldaten auf die Proteste?
Meist gewaltsam. Mittlerweile sind Hunderte Scharfschützen auf der anderen Seite der Grenze stationiert. Inzwischen sind bereits 123 Manifestanten gestorben, inklusive einem sechs Monate alten Baby, zwei Journalisten und zwei Rettungssanitätern. Die Soldaten schießen mit Tränengas und Sprengsatz. Jeden Freitag wird es schlimmer.

Hast du Angst?
Journalisten sind genau wie Protestierende im Visier der Soldaten. Jeden Freitag wird Tränengas auf unsere Gruppe geworfen. Am zweiten Freitag wurde ich ohnmächtig, da ich von fünf Tränengasbehälter gleichzeitig getroffen wurde. Wir sind dort, um unsere Arbeit zu machen. Die Sanitäter sind vor Ort, um Verletzten zu helfen. Unzählige Manifestanten haben bisher bereits ein Arm oder ein Bein verloren. Doch es ist egal, ob du Journalist, Sanitäter, Kind oder Zivilist bist: Solange du Palästinenser bist, wirst du ins Visier genommen.


Völkerrecht

Laut Völkerrecht dürfen Militärattacken unter keinen Umständen nicht diskriminierend sein, das heißt, die Soldaten müssen immer zwischen Kämpfern und Zivilisten unterscheiden. Letztere dürfen niemals Ziel einer Attacke sein. Trotzdem gibt es elf Wochen nach dem ersten Protest mittlerweile 13 minderjährige Tote und mehr als 7.000 Verletzte, davon erlitten 3.778 Menschen Schusswunden. Bei 43 Menschen mussten Amputationen durchgeführt werden. Dass die Konsequenzen auf der palästinensischen Seite unverhältnismäßig sind, steht außer Frage. Trotzdem machen sich viele Palästinenser weiterhin jeden Freitag auf den Weg zur Grenze und nehmen körperliche Behinderungen oder gar den Tod in Kauf, um dort die für jeden Menschen geltenden Rechte sowie das ihnen von der UN anerkannte Recht auf Rückkehr einzufordern.


Die Flüchtlinge

Seit dem 30. März 2018 finden freitags Proteste in Gaza statt. Die Bewegung wird “Great March of Return” genannt. Die palästinensischen Protestierenden wollen einerseits das Ende der elfjährigen Land-, See- und Luftblockade des Gazastreifens. Dieser von Israel und Ägypten initiierten Blockade ist es zu verdanken, dass laut UNO der Gazastreifen 2020 unbewohnbar sein wird. Andererseits fordern die Palästinenser ihr Recht auf Rückkehr ein. Der UNO zufolge wurden zwischen 1946 und 1948 ungefähr 750.000 Menschen aus Palästina vertrieben. Diese Flüchtlinge leben heute vor allem in Israel, Westjordanland, Jordanien, Libanon und dem Gazastreifen. Während des Sechstagekriegs 1967 wurden weitere 300.000 Palästinenser zu Flüchtlingen. In der UN-Resolution 194 wurde erklärt, dass den Flüchtlingen erlaubt werden sollte, in ihre Heimat zurückzukehren und ihre Besitztümer wiederzuerlangen.

2 Kommentare

  1. Warum wird in diesem Bericht nicht erwähnt, dass ein Grossteil der sog. “Manifestanten” die getötet wurden, Terroristen von Hamas. PFLP und islamischen Jihad waren? Warum wird nicht in Frage gestellt, das Kinder und Babys an “Demonstrationen” mitgenommen werden, von denen man zu 99% ausgehen kann, dass diese in Gewalt enden? Sehr einseitiger und lächerlicher Bericht.

  2. Ach Herr Strant, wenn Leute wie sie, die jedes Verbrechen von Israel gutheissen, den Hamas nicht hätten, dann müssten sie ihn erfinden! Es ist ja so einfach immer dem Hamas die Schuld zu geben. Sie finden es also normal dass 2 Millionen Menschen seit Jahrzehnten von einer Besatzungsmacht in einem Freiluftgefängnis festgehalten werden und dass, wenn sie für elementare Menschenrechte demonstrieren, sie einfach abgeschossen werden?

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