Luxemburg will den Bildungssektor digital fit machen. Dazu gehören auch Tablet-Klassen, die es bisher meistens auf den unteren Klassen des Lyzeums gibt. Das soll sich bald ändern.

“Wir streben die Vollausstattung der Sekundarschulen mit Tablets an”, sagt Luc Weis vom Service de Coordination de la Recherche et de l‘Innovation pédagogiques et technologiques (Script) des Luxemburger Bildungsministeriums. “Aktuell kaufen wir zwischen 5.000 und 5.500 Tablets pro Jahr ein. Das sind etwas mehr als die Gesamtzahl der Schüler die landesweit eine 7e-Klasse beginnen. So werden wir es in nur wenigen Jahren schaffen, dass alle Schüler ein Tablet haben.” Das lässt sich der Staat 2,5 Millionen Euro im Jahr kosten, zuzüglich der Instandhaltung der schon gekauften Hardware.

Aber auch die Eltern sollen ihren Teil der Kosten tragen. “Wir nutzen ein Leasing-Modell. Die Eltern zahlen während 4 Jahren pro Jahr 50 Euro, den Rest übernimmt der Staat.” Die Vollausstattung wird aber nur für die Lyzeen angestrebt. Die Infrastruktur der Grundschulen bleibt in den Händen der Gemeinden. “Zudem sind wir skeptisch, dass eine eins zu eins Ausstattung in den grundschulen pädagogisch sinnvoll ist”, gibt Weis zu.

Alle Schulbücher in digitaler Form

Das Ministerium hat sich bei der Anschaffung der Tablets für iPads entschieden. “Sie haben am ehesten unseren Anforderungen entsprochen. Sollten sich diese verändern oder ein anderes Modell sich als effektiver erweisen, sind wir bereit das zu ändern”, sagt Weis. Die Tablets sollen die Schulbücher ersetzen. Fast 100 Prozent der Schulbücher soll es künftig in einer digitalen Version geben. “Nur die typischen Lesebücher werden den Schulen noch erhalten bleiben.”

Die Anpassung der Schulmaterialien übernimmt ebenfalls der Script. Entweder kaufen sie Schulmaterial im Ausland, was sie für Luxemburg anpassen, beauftragen Verlagshäuser mit der Ausarbeitung von Schulbüchern oder erstellen sie selbst. “Wir schaffen pro Jahr etwa 15 bis 20 Projekte, aber die Nachfrage ist weithaus höher.” Die Erarbeitung der Schulbücher als PDF mit Mehrwert – wie integrierten Videos oder Animationen – gibt der Behörde zusätzlich die Chance die Bücher für Luxemburg zu adaptieren. “Früher musste man auf Material aus dem Ausland zurückgreifen, da gab es viel weniger Möglichkeiten.”

Individuelle Anpassung an die Bedürfnisse der Schüler

Nach Meinung von Weis bieten die Tablet-Klassen mit ihren neuen Unterrichtsmodellen die Möglichkeit auf die zunehmende Heterogenität der Schüler einzugehen. “Die Lehrer können sich stärker auf die Individualität der Schüler konzentrieren und sie dort fördern, wo Hilfe gebraucht wird.” Außerdem fördern die Tablets und die digitalen Unterrichtsmaterialien die Inklusion: “Die Technik erlaubt es, auf die Bedürfnisse der Schüler einzugehen . Als Beispiel: Erkennt ein Schüler eine Abbildung schlecht, weil er z.B. farbenblind ist, kann man mit wenigen Klicks die Farbe verändern.”

Die Art des Unterrichts muss an die neue Technik angepasst werden. “Wir dürfen die ipads nicht sinnfrei einsetzen. Ein schlechter Unterricht wird durch das iPad nicht zu einem guten. Aber ein guter Unterricht kann zu einem noch besseren werden.” Die Tablets sollen kein “gadget” sein, sondern die Pädagogie steht im Mittelpunkt.

Technische Sperren gegen Missbrauch

Im Escher Lyzeum Guillaume Kroll hat man gute Erfahrungen mit den Tablet-Klassen gemacht. “Es gibt viele positive Reaktion von Eltern. Wir haben tatsächlich mehr Zulauf auf den iPad-Klassen, als auf den normalen Klassen”, freut sich Direktor Patrick Straus. “Wenn aber auf einmal die schulischen Leistungen nicht mehr stimmen, ist für die Eltern schnell das iPad Schuld”, sagt Straus. Die Schule versucht in solchen Fällen gegenzusteuern, erst durch Gespräche und im Extremfall auch über technische Sperren. “In dem Moment können sie auch zu Hause auf dem Tablet nur die Apps benutzen, die sie in der Schule brauchen. Spiele, Soziale Medien und private Apps werden dann blockiert.” Allerdings ist der Direktor skeptisch, wie sinnvoll eine solche Sperre ist. “Am Ende versuchen die Schüler doch irgendeinen Weg zu finden, die Sperre zu umgehen. Und die helfen nicht, den Schüler dazu zu motivieren vernünftig mit der Technik, umzugehen.”

In seiner Schule ist eine Gruppe von Lehrern für die Betreuung der iPad-Klassen zuständig. Die Verantwortliche ist Tessy Spanier, selbst Deutschlehrerin und Klassenlehrerin einer 7e-Klasse. Ihre Kollegen in der Entwicklungsgruppe kommen aus den unterschiedlichsten Fächern: “Von Biologie bis Englisch haben wir fast alle wichtigen Fächer vertreten”, sagt der Schuldirektor stolz.

“Das iPad eröffnet uns Möglichkeiten im Unterricht, die vorher einfach nicht gegeben waren”, sagt Spanier. Sie und ihre Kollegen sind vom iPad-Projekt begeistert, auch wenn bei einigen im Vorfeld leichte Skepsis herrschte. “Es ist aber überhaupt nicht schlimm, wenn die Schüler mal mehr wissen als wir. Sie sind sehr hilfsbereit. Außerdem baut es Selbstvertrauen auf, wenn sie einem Lehrer zeigen können, was sie wissen.”

Die Schüler aus Spaniers 7e-Klasse sind von ihren Tablets ganz begeistert. Sie gehen wie selbstverständlich mit der neuen Technik um, haben in Windeseile die Apps geöffnet, die sie in ihrer Schulstunde nutzen. “Ganz besonders toll sind die kreativen Apps”, schwärmen die Schüler. Nicht so begeistert sind sie von den Ordnungstools. “Es ist am Anfang schwer, den Überblick zu behalten.”

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5 Kommentare

  1. Mir scheint, anstatt dass alles einfacher wird, wird es nur noch komplizierter. Kopfrechnen und Vokabellernen sind nicht mehr angesagt, sind out. Eine Garantie für die allgemeine Verblödung. Keine Frage, dass die Digitalisierung von grossem Nutzen ist und vieles erleichtert, aber wir dürfen uns nicht abhängig von ihr machen und unseren Verstand nicht mehr einsetzen.

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