OGBL und CGTP sind in ihren jeweiligen Ländern Schwergewichte, wenn es um die Rechte der Arbeiter geht. Am Montag haben die beiden Gewerkschaften aus Luxemburg und Portugal die Fortsetzung ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit einem neuen Abkommen besiegelt.

Im Konferenzraum in der dritten Etage des OGBL-Hauptquartiers in Esch sitzen 15 Minuten vor beginn der Pressekonferenz bereits die ersten Gewerkschaftler. Auf Französisch unterhalten sie sich über Essen. Die Gewerkschaftsbosse des OGBL und der portugiesischen CGTP sind noch im Nebenraum, diskutieren noch im Stehen. Sie alle tragen Hemd, Sakko, Jeans und – das macht einen Gewerkschaftsboss aus – keine Krawatte.

Als sie den Konferenzraum betreten, stellt sich das für Luxemburg so typische Sprachengewirr ein. Jemand fragt auf Portugiesisch nach Papier, um Notizen zu nehmen. Jemand wiederholt es auf Französisch.

Unter den Männern – in Anbetracht ihres Alters und ihrer Stellung eigentlich Herren – sticht einer hervor. Der ältere Herr mit schütterem weißen Haar trägt zum Sakko die passende Anzughose. Er trägt eine elegante Armbanduhr mit schwarzem Band und weißem Ziffernblatt. Er beobachtet den Raum sowie die anwesenden Gewerkschaftler und Journalisten durch eine feine, randlose Brille. Dem Gespräch um sich herum schenkt er nur wenig Beachtung.

Der Mann ist Arménio Carlos, der Generalsekretär der größten portugiesischen Gewerkschaft CGTP. Er ist in Luxemburg, um alte Bande zu erneuern – und um dem OGBL unter die Arme zu greifen. Beide Gewerkschaften verbindet nicht nur, dass sie die größten Gewerkschaften ihres jeweiligen Landes sind und sich als Teil der europäischen Gewerkschaftsbewegung für die gleichen Ziele einsetzen. Beide Gewerkschaften verbindet, fast schon langweilig, auch eine Konvention, schriftlich, formal, amtlich. Eine Konvention, die nun mit den Unterschriften von Carlos und Roeltgen erneuert wurde.

Mindestlohnerhöhung von zehn Prozent

Als Gastgeber darf Roeltgen zuerst reden. Ausnahmsweise auf Französisch. Ein Herr im Karohemd übersetzt auf Portugiesisch. Konzentriert lauscht Carlos der Übersetzung und nimmt Notizen, als Roeltgen von den portugiesischen Immigranten spricht, die auch wegen der Austeritätspolitik in ihrem Heimatland nach Luxemburg kommen, und von den zahlreichen Putzfrauen mit portugiesischen Wurzeln, die zum Mindestlohn in Luxemburg schuften. Von der Forderung des OGBL nach einer Mindestlohnerhöhung um zehn Prozent würden sie profitieren, sagt Roeltgen. Carlos notiert mit einem einfachen Kugelschreiber auf dem Papier, das offenbar gefunden wurde, nimmt seine Brille ab, reibt sich angestrengt die Augen, setzt die Brille wieder auf, notiert weiter.

Roeltgen erklärt, dass die beiden Gewerkschaften ihre Mitglieder gegenseitig anerkennen. Mitglieder, die von der einen in die andere Gewerkschaft wechseln müssen, also nicht mehr die sechsmonatige Probezeit durchmachen, bevor sie von allen Leistungen – z.B. der Bezahlung eines Anwaltes im Fall der Fälle – profitieren können.

Dann der Aufruf von Roeltgen, auch an die portugiesischen Arbeitnehmer und Rentner, sich an den Sozialwahlen im nächsten Jahr zu beteiligen, um ihre Rechte zu verteidigen. Ein Aufruf des OGBL-Präsidenten, dem sich einige Minuten später noch der portugiesische Gewerkschafts-Chef anschließen wird.

Arménio Carlos ist an der Reihe. Er beschreibt die merkwürdige Situation, in der sich Portugal befindet. Zum einen ziehen viele Portugiesen, auf der Flucht vor der Arbeitslosigkeit, ins Ausland. Auch nach Luxemburg. Auf der anderen Seite zieht es viele Menschen nach Portugal. Der Mann im Karohemd übersetzt nun von Portugiesisch ins Französische. Das elegante Portugiesisch des Gewerkschaftsführers und die weniger elegante Übersetzung in die Sprache von Victor Hugo. Carlos spricht einige Sätze – benutzt dabei die Hände – und wartet dann mit verschränkten Fingern darauf, dass sein Übersetzer ausgesprochen hat.

Carlos spricht vom Wert der Arbeit. Von der Aufwertung der Kollektivverträge. Von Arbeitsplatzsicherheit. Von der Organisation von Beruf und Privatleben. Vom Kampf gegen die Armut.

Er macht darauf aufmerksam, dass 25 Prozent der portugiesisch-stämmigen Menschen in Luxemburg armutsgefährdet sind. Zur Erinnerung: Unter den Einwohnern Luxemburg insgesamt sind laut Eurostat 21,5 Prozent von Armut und sozialer Ausgrenzung gefährdet. Der Anteil ist also in der portugiesisch-stämmigen Bevölkerung größer.

„Wir beobachten überall die gleichen Probleme. Von Seiten der Politik gibt es keinen Willen, die Probleme anzugehen. In diesem Kontext wollen unsere beiden Organisationen mit noch mehr Nachdruck bei den Regierungen – insbesondere der portugiesischen – vorgehen, um auf alle Fragen und Probleme Antworten und Lösungen zu finden“, sagt der portugiesische Gewerkschaftsführer. „Es wird Zeit, auf die Worte Taten folgen zu lassen!“, fügt er hinzu. Gefolgt vom Aufruf an die Arbeiter unter den portugiesischen Immigranten, Mitglied beim OGBL zu werden und zahlreich an den Sozialwahlen teilzunehmen, um den OGBL zu stärken.

Dann schreiten die Herren zum eigentlichen Akt. Der Pressefotograf ist bis zum Ende geblieben, um den Moment nicht zu verpassen. Die Männer unterschreiben ihr Abkommen. Aufstehen. Händeschütteln. Setzen.

 

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