Gut vier Jahre an der Spitze Griechenlands – und noch immer trägt der Ministerpräsident keine Krawatten: Der ehemalige Kommunist Alexis Tsipras mag in den Augen früherer Weggefährten ihre Sache verraten haben, für kleine Gesten des Widerstands ist der 44-Jährige aber weiter zu haben.

Auch wenn er nach der vorgezogenen Parlamentswahl am Sonntag (7. Juli) sein Amt verlieren dürfte, seine Regierungszeit gilt schon jetzt als historisch. Als Tsipras’ linksgerichtete Syriza-Partei Ende Januar 2015 als deutlicher Sieger aus den Parlamentswahlen hervorgeht, ist der charismatische Ingenieur das Schreckgespenst der Börse: Weltweit gehen Kurse auf Talfahrt, weil sich Tspiras’ Wahlkampf gegen die Bedingungen des Rettungspakets für das hochverschuldete Mittelmeerland gerichtet hatte.

Bewunderer von Che Guevara

Politik und Wirtschaft machen sich auf einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro gefasst, mit unabsehbaren Folgen. Tsipras’ forsches Auftreten irritiert die Kreditgeber. Der Mann, der seinem Sohn als Hommage an den linken Revolutionär Che Guevara den Vornamen Orfeas Ernesto gab, erscheint ohne Krawatte, aber mit allerlei Forderungen zu den Krisengipfeln. Die Geldgeber hatten mehr Demut erwartet. Doch der damals 40-Jährige erzielt einen Kompromiss mit der in weiten Teilen Griechenlands verhassten Troika, die Geld gegen Sparmaßnahmen und Reformen verspricht.

Bei erneuten Wahlen im September 2015 sichert sich Tsipras eine Mehrheit für sein Vorhaben, die harten Auflagen durch steuerfinanzierte Erleichterungen für die Schwächsten in der Gesellschaft abzufedern. Dennoch braucht Tsipras in den folgenden Jahren einen langen Atem, immer wieder wird das Land von Streiks lahmgelegt.

Doch der Plan gelingt: Die Wirtschaft wächst stärker als erwartet. Das Land kann im August 2018 den Euro-Rettungsschirm verlassen. Die Arbeitslosigkeit fällt unter Tsipras von 26 auf 18 Prozent.

Politik aus Überzeugung heraus

Zugleich führt Tsipras, der als erster Regierungschef Griechenlands keinen religiösen Amtseid leistete, einen beständigen Kampf mit der einflussreichen griechisch-orthodoxen Kirche. Tsipras will die engen Beziehungen zwischen Staat und Kirche entflechten. Der bekennende Atheist lebt mit der Mutter seiner zwei Kinder, der Ingenieurin Betty Baziana, ohne Trauschein zusammen. Seine Regierung stärkt gleichgeschlechtliche Partnerschaften und die Rechte von Transgender-Menschen.

Dass Tspiras noch immer aus Überzeugung heraus Politik macht, zeigt er bei der Beilegung des Namensstreits mit Mazedonien. Der Nachbarstaat benennt sich nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen in Nordmazedonien um.

Vielen nationalistischen Griechen genügt das nicht: Sie verknüpfen auch mit diesem Namen mögliche Gebietsansprüche des Nachbarstaats. Bei der Europawahl strafen sie Syriza ab. Als Konsequenz lässt Tsipras die Parlamentswahlen um drei Monate vorziehen. Auch wenn das Regierungsamt in Athen nun wohl verloren sein dürfte – Tsipras und dem nordmazedonischen Ministerpräsidenten Zoran Zaev winkt der Friedensnobelpreis 2019.

1 Kommentar

  1. “keinen religiösen Amtseid leistete, ” – Weil Religion mit Politik nichts zu tun haben sollte. Bravo. Politiker mit festem Rückgrat-es gibt sie also noch.

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