Die Verhandlungen über einen Kollektivvertrag im Baugewerbe sind zu einem regelrechten Tarifkonflikt geworden. In einer gemeinsamen Pressekonferenz haben die Gewerkschaften OGBL und LCGB die Arbeitgeberseite beschuldigt, die Verhandlungen absichtlich hinausgezögert zu haben und dies weiterhin zu tun.

Der Baubranche geht es gut, so die Prämisse der Gewerkschaften. Die Auftragsbücher sind gefüllt, die Betriebe stellen ein, die Arbeitgeber sind optimistisch und die Arbeitnehmer können sich nicht über Langeweile beschweren. Die Krise seit 2008 hat die Branche gut durchlebt – auch wegen einer antizyklischen Investitionspolitik, erklären die Arbeitnehmervertreter.

Tarifliche und reale Löhne

Allerdings würden die Unternehmen die Arbeitnehmer daran nicht teilhaben lassen, so die Klage der Gewerkschaften. Im Rahmen der Kollektivvertragsverhandlungen fordern sie deshalb mehr Lohn. Dreimal 1,5 Prozent lautet die Forderung, mit der sie in die Verhandlungen gehen. “Die Leute verdienen diese Erhöhung, weil sie den Reichtum der Betriebe schaffen,” sagt Jean-Luc De Matteis vom OGBL.

Den Arbeitnehmern ist wichtig, dass die Gehaltserhöhungen die realen Löhne und nicht nur die tariflich festgelegten Gehälter betreffen. Die Realität sehe anders aus. Anstatt dass Arbeitnehmer eine Fortbildung machen und dann in der “Grille” aufgewertet werden, erhielten sie eine Kleinigkeit mehr in der Lohntüte und lägen damit dann nicht mehr im offiziellen Rahmen des Tarifvertrages. Deshalb seien bei einer Erhöhung der tariflichen Löhne rund 70 Prozent der Arbeitnehmern gar nicht betroffen, erklären die Gewerkschafter.

Fünf Monate vor dem Ablaufen des alten Kollektivvertrages, im Februar 2016, habe man die Arbeitgeberseite um Verhandlungen gebeten. Der alte Kollektivvertrag war im September des gleichen Jahres fällig. “D’Patronen hunn zéng Méint gebraucht, fir ze äntwerten”, so De Matteis weiter. Jetzt monierten die Arbeitgebervertreter, die Gewerkschaften stimmten sich auf die anstehenden Sozialwahlen ein. Tatsächlich aber hätten die Gewerkschaften früh genug versucht, den Dialog zu beginnen, und seien bislang mit dem Streit auch nicht an die Öffentlichkeit gegangen.

Die Version der Arbeitgeber, sie hätten eine Erhöhung der realen Löhne angeboten, weisen die Gewerkschafter zurück. Bei dem Angebot handele es sich um eine Zahlung von 100 Euro pro Jahr in den Jahren 2018, 2019 und 2020. Für die Gewerkschaften ist allerdings auch klar, dass ein neuer Kollektivvertrag retroaktiv ab 2016 wirken muss. Das Aufschieben der Verhandlungen sei eine regelrechte Strategie der Arbeitgeber. Auch dass die Baubranche gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland wettbewerbsfähig bleiben müsse (und deshalb die Löhne nicht erhöhen könne), lassen die Arbeitnehmer nicht gelten. Die Lohnstückkosten seien in Luxemburg niedriger als in den Nachbarländern.

Gewerkschaften: System der Chômage intemperie nicht antasten

Daneben lehnen die Arbeitnehmer eine “negative Flexibilisierung” der Arbeitszeiten ab. Ein solches Model könnte bedeuten, dass die Arbeitnehmer bei schlechtem Wetter nicht arbeiten und diese Stunden bei gutem Wetter nachholen, und diese dann nicht mehr als Überstunden verrechnet werden. Das aktuelle Modell mit einem “Chômage intemperie”, der ab dem dritten Tag vom Staat bezahlt wird, sei gut, so wie er ist.

“Der Konflikt ist da”, so De Matteis. Sowohl er wie auch Jean-Paul Baudot betonten am Donnerstag, dass sie immer bereit sind, sich mit den Arbeitgebern am Verhandlungstisch zu treffen.

Allerdings habe es nun binnen 20 Monaten nur vier Verhandlungsrunden gegeben. Eine davon habe sich alleine darauf beschränkt, dass die Arbeitgeberseite der Arbeitnehmerseite erklärt habe, was sie alles auf keinen Fall verlangen dürfe, so Baudot. Trotz dieser generellen Verhandlungsbereitschaft sind die Arbeitnehmer zu allem bereit und fassen
arbeitskämpferische Aktionen ins Auge. “Es ist traurig, dass es so weit kommen muss,” bedauert De Matteis. 18.000 Mitarbeiter seien betroffen, so die Gewerkschafter.

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