Onlineforen anheizen, komplexe Zusammenhänge simplifizieren und die Opferrolle ausleben: Die Rede ist von Luxemburgs Möchtegern-Populisten. Man erinnere sich an die Wee2050/ADR-Angstmacherei zurück: Die luxemburgische Sprache ist in Gefahr, bald darf man nur noch auf Französisch träumen. Genau diese Fraktion wird sich beim Lesen des Berichts „Travail et cohésion sociale“ bestätigt fühlen: Das Französische ist hierzulande die am meisten verwendete Sprache am Arbeitsplatz. Befasst man sich jedoch mit den detaillierten Forschungsergebnissen der Statistiker, zeigt sich ein viel komplexeres Bild der Sprachsituation.

Diese Komplexität lehnen aber all jene ab, die einfache Lösungen für angeblich einfache Probleme haben. Es ist bequem, zu behaupten: „Es wird überall nur noch Französisch geredet.“ Komplizierter wird es hingegen, wenn man unsere Gesellschaft in feine Kategorien unterteilt und sich mit sozioökonomischen Faktoren beschäftigt. So heißt es sehr deutlich im Bericht: „L’usage des langues dépend dans une large mesure du secteur économique dans lequel on travaille ainsi que du niveau d’éducation dont on dispose et du type d’occupation que l’on exerce.“

Da wird dem Populisten schwindelig. Wie soll man daraus bitte eine griffige Formel ableiten, um Ressentiments gegen Fremde zu schüren? Dem gemeinen Populisten wird wahrscheinlich noch unwohler, wenn er nuancieren muss, dass das Luxemburgische weiterhin die dominante Sprache in den öffentlichen Verwaltungen und im Bildungswesen ist. Und was auch nicht so ganz in das Schwarz-Weiß-Bild unseres Populisten passen will: Deutsch wird gemäß Bericht sehr stark im Gesundheitswesen, im öffentlichen Dienst, in der Industrie und im Handel verwendet. Demnach spielen Variablen wie Nationalität, die Branche und das Bildungsniveau mit Blick auf die Sprachverwendung eine zentrale Rolle.

Aber auch hier gibt es schlechte Nachrichten: Innerhalb dieser einzelnen Variablen gibt es sehr große Unterschiede. Klartext: Es ist schlicht und ergreifend falsch, zu sagen, „die Luxemburger erleben dieses und jenes“. Denn „die“ Luxemburger gibt es nicht. Luxemburgs Einwohner erleben eine jeweils unterschiedliche Sprachsituation.
Die Wissenschaftsleugner sollten deshalb am besten ab hier abschalten. Für alle anderen lohnt sich der Blick auf die sogenannten „Cluster“ der Statistiker. Sie unterteilen Luxemburg in zehn Sprachgruppen, die der Realität näher kommen als das übliche undifferenzierte rechte Gejammere.

Das schönste Beispiel des Berichts befasst sich mit portugiesischen Mitbürgern. Das traditionelle Bild sei der immigrierte Portugiese, der nur eine oder zwei Sprachen im Bauwesen verwende. Luxemburg habe sich jedoch gewandelt: Es gebe auch eine Gruppe, die mehrheitlich von portugiesischen Bürgern gebildet werde und mehr als vier Sprachen in gut bezahlten Jobs verwende. Beide gehören zu diesem Land – aber wen interessieren schon mühsam zusammengestellte Statistiken?

20 Kommentare

  1. “… der immigrierte Portugiese, der nur eine oder zwei Sprachen im Bauwesen verwende. Luxemburg habe sich jedoch gewandelt: Es gebe auch eine Gruppe, die mehrheitlich von portugiesischen Bürgern gebildet werde und mehr als vier Sprachen in gut bezahlten Jobs verwende.”

    Natürlich. Die Letzteren sind die Kinder der Ersteren.

    • ” Die Letzteren sind die Kinder der Ersteren” ( logisch ), sind aber hier zur Schule gegangen, haben die Mittelschule oder das Gymnasium besucht, sind im Besitz eines Schulabschlusses und können oder wollen nicht Luxemburgisch reden.

        • Ich auch und das ist begrüssenswert. Habe allerdings auch andere Erfahrungen gemacht und bin mir durchaus bewusst, dass Luxemburgisch keine einfache Sprache lies Mundart ist. Das bezieht sich übrigens nicht nur auf unsere portugiesischen Mitbürger, die meisten hier ansässigen Ausländer haben ihre, durchaus nachvollziehbaren, Schwierigkeiten mit unserem moselfränkischen Dialekt. Bin mir durchaus bewusst, dass Luxemburg nicht der Nabel der Welt ist. Mein obiger Kommentar ist keine Kritik, es ist eine persönliche Feststellung, ” qui n’engage que moi “.

  2. Richteg ass dat et emmer méi Sproochbarrieren an der Populatioun gëtt an daat net zu engem homogenen Zesummenliewen bäidréit.
    Enfin geet et och net duer fir Sprochen ze benotzen, mee et gëtt erwaart d’Sprooch ze kënnen.
    Vocabulaire an Grammatik sollt schon iwwert daat erausgoen waat een am Alldag benotzt.

  3. Esou vill zum Populismus, en Artikel denn zurecht d’Komplexitéit vum Problem obrifft an mat engem Doudschllag-Argument obhällt…. Nunje.
    Eng vun den Kärfroen ass dach ob mir desst MUSSEN hinhuelen oder waat kann een maachen fir dass eiser Sprooch mei Wert geschenkt gett?
    Beispill: Mir hun en akuten Mangtum am Gesondheetssektor un Personal, dess Leit sinn nun wirklech net ongebild mee hieren Fokus leit net ob den Sproochen (verständlech). Ass et dann elo normal dass een als Patient muss ob eng adequat Behandelung verzichten well een selwer keen Medizinstudium an Frankreich gemaacht huet? (Hei ass esouwuehl den “Lëtzeboier” ewei “den Portugies” gemengt fir am Senn vum Artikel ze bleiwen…)
    Och hei fennt een dess Komplexitéit nees erem, mee esou laang eis Politik weider schleifft an leiwer Gaardenheisercher baut geschitt do nix! Eng seriö Debatt gett net gefeiert, net an der Politik an och net an den Medien…. Leider! Do kann d’Statistik nach esou gudd gemaacht sinn.

    • Di ass gutt, Gaardenhaiser hu nawell och Prioritéit. 😉
      Wat d’Sproochensituatioun am Gesondheetssecteur ugeet, do sinn d’Problemer haaptsächlech hausgemaacht, well do gouf d’Situatioun verschloof su ähnlech wi bei den Infrastrukturen am Land. Et wëllt ee wuessen, mee da muss een och d’Moyenne zur Verfügung stellen. Geschitt dat net, da leeft een der Entwécklung no, ob dat am Gesondheetssecteur, Transport, oder Logement ass, wou och ëmmer.

  4. In Luxemburg wird nun mal in erster Linie Französisch gesprochen. Und das wird sich auch nicht so schnell ändern, denn die 44% Nichtluxemburger, die hier wohnen und arbeiten, haben möglicherweise Anderes zu tun, als unseren Dialekt zu lernen. Integration funktioniert auch in anderen Sprachen, wie die letzten 40 Jahre gezeigt haben. Wir brauchen die Nichtluxemburger, um unsere Wirtschaft am Laufen zu halten. Wenn Luxemburgisch eine Bedingung wäre, um hier wohnen zu dürfen, wäre es mit dem Zuzug und dem Wohlstand wohl vorbei. Also lasst uns wie schon immer die anderen willkommen heißen, und ihnen einfach raten, eine von den 3 Staatssprachen zu sprechen.

    • Ist das so schlimm? Vielleicht mag er gerne Pudding. Ich heiße auch nicht Leila, nur hier. Ich mag Eric Clapton und sein “Leyla”, deshalb. Wer schreibt hier schon unter seinem richtigen Namen? Hier gibt es mehrere Muller und Jangen, sind vielleicht auch nicht echt.

  5. Better was the Title ” True Lies ”
    Spaß beiseite, ich bin der Auffassung das Menschen die in ein Ausland gehen um dort zu arbeiten sollten sich zumindest die Mühe machen die Basis der jeweiligen Landessprache zu lernen, wenn ich ins Ausland fahre Arbeits – oder Urlaubsmäßig und mich nicht anstrenge sondern nur Luxemburgisch rede bekomme ich 1. keinen Job und 2. habe ich Probleme bei alltäglichen Dingen wie einkaufen, Essen bestellen oder anderes, wenn fremde hierhin kommen weil man gutes Geld verdient dann sollen sie sich auch anpassen, basta.
    Zu den Menschen die hier schon vierzig Jahre oder länger wohnen ( Portugiesen, Italiener usw. ) kann ich nur sagen das sie sich mit der Weigerung unsere Sprache zu sprechen nicht sehr beliebt machen, deren Kinder die hier geboren wurden sind ja auch Multilingual und ich finde es traurig das diese Kinder als Dolmetscher für ihre Eltern einspringen müssen.
    Was noch mehr nervt ist wenn ich in ein Geschäft gehe und etwas kaufen will zu dem ich eine Frage habe ist die erste Reaktion des/r Verkäufer/in ” En France ” s.v.p. kommt in deren Wortschatz auch nicht vor, das empfinde ich auch als Respektlos.

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