Für viele Kritiker galt Almodóvars neuester Streifen als heißer Anwärter für die Goldene Palme in Cannes. Wieso dem so ist, bleibt in Anbetracht dieses zumindest in der zweiten Hälfte seiner Spielzeit doch arg klischeelastigen Streifens etwas rätselhaft, auch wenn der Film als nostalgisches Alterswerk punkten kann.

Salvador Mallo (Antonio Banderas) ist ein alternder Regisseur, der die Menschheit scheut und von einer Vielzahl an physischen und psychischen Erkrankungen, die uns in Laufe eines Pastiches von einem James-Bond-Vorspann vorgestellt werden, leidet. Während seiner Schulzeit wurde der junge Salvador zum Solisten des Kinderchors – weswegen man ihm den Geographie-Unterricht ersparte, um stattdessen seine Stimmbänder zu trainieren.

Den Nachhilfebedarf an Erdkunde lieferte ihm seine spätere Karriere als Regisseur, die ihn den Erdball bereisen ließ. Im diegetischen Präsens ist ihm sowohl die Reise- als auch die Schaffenslust vergangen – weshalb er in seiner mit Kunstwerken behangenen Wohnung herumdümpelt, bis der Plan, eine restaurierte Version seines Meisterwerkes „Sabor“ aufzuführen, ihn aus der Lethargie reißt und ihn dazu führt, seinen damaligen Hauptdarsteller und Freund Alberto (Asier Etxeandia) aufzusuchen, um mit diesem das Kriegsbeil zu begraben.

Dieser frönt seit jeher hedonistisch und selbstgefällig seiner Drogensucht – weshalb die Friedenspfeife auch Salvadors ersten Heroinkonsum besiegelt. Die Droge lindert nicht nur Salvadors Schmerzen, sondern schickt den Regisseur auch zurück in seine Kindheit: Der Rausch lässt ihn in fast synästhetischen Erinnerungssequenzen an die geliebte Mutter Jacinta (Penelope Cruz) und sein erstes homosexuelles Begehren zurückdenken.

Proustianisches Metanarrativ

Die schlaue Jacinta lässt ihren Sohn einem jungen Mann Nachhilfeunterricht geben, als Gegenleistung soll dieser das Haus anstreichen. Erotisch konnotierte Szenen, in deren Zentrum eine von Farbstrichen gesäumte Latzhose steht, wirken aber eher wie aus billigen Pornoszenarien importiert, als dass sie die Geburt einer Sehnsucht überzeugend inszenieren.

Wo der Film anfänglich noch eine etwas ironische Distanzierung zur doch sehr autobiografischen Figur des Salvador erhoffen lässt – das Duo Salvator/Alberto trägt zwar nicht viel zu einer Risikokampagne gegen harte Drogen bei, verleiht aber dank humorvoller Szenen (Höhepunkt ist die Live-Projektion des restaurierten Filmes mit folgender Q&A-Session) dem Leidensweg des alternden Salvador eine notwendige Leichtigkeit –, kippt „Dolor y Gloria“ ab der Mitte leider in ein doch etwas kitschiges Melodrama, in dem proustianische Erinnerungsmomente in ein ebenso proustianisches Metanarrativ münden, an dessen Ende die Notwendigkeit der Autofiktion steht.

Gewohnte Eckpfeiler des Almodóvar-Universums

Dabei verringert sich irgendwann die ironische Distanz zur autofiktionalen Schaffensfigur und auch das Verstricken der Erzähl- und Schaffensebenen ermüdet, weil man dies schon ad nauseam (nicht nur) bei Almodóvar gesehen hat.

Irgendwie verpufft auch die Drogenthematik zu schnell – wo das Heroin anfangs wie eine (etwas gefährlichere) Proust-Madeleine wirkt, wird die Droge irgendwann zur Metapher für die Abhängigkeit des Künstlers von seinem Werk, im letzten Teil weicht aber diese interessante Verdichtung einer Aneinanderreihung nostalgischer Reminiszenzen. Die gewohnten Eckpfeiler des Almodóvar-Universums sind alle da, vielleicht sogar im Überschuss – sowohl semantisch (die Mutter, die Leidenschaft) wie stilistisch (die knalligen Farben, die Polos) stechen die Idiosynkrasien des Regisseurs sehr deutlich hervor. Deswegen wirkt der Film stellenweise zu sehr wie ein Denkmal an sich selbst – etwas, was in Eisen gegossen wurde und daher schwerfällig daherkommt, eine Pastiche, die zu augenscheinlich mit den Versatzstücken des fiktionalen Mikrokosmos spielt.

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