Vor einem Jahr holte sich Sören Nissen gleich bei seiner ersten Teilnahme an der Cyclocross-Meisterschaft überraschend den Titel. Der gebürtige Däne hat in seiner langen Laufbahn schon viel erlebt, erst spät seine Spezialdisziplin entdeckt. Das Tageblatt hat sich im Vorfeld der Landesmeisterschaften mit dem 34-jährigen Allrounder über seine bisherige Karriere, seine Chancen auf die Titelverteidigung und seine Zukunftspläne unterhalten.

Von Mario Nothum

Tageblatt: Können Sie kurz schildern, wie es Sie nach Luxemburg verschlagen hat?
Ich komme aus dem dänischen Ort Aabenraa, gleich gegenüber von Flensburg. Ich hab zunächst Fußball gespielt und bin zusätzlich geschwommen. Das Radfahren hab ich erst mit 15 angefangen. Im Alter von 21 Jahren wollte ich dann probieren, wie weit mich mein Talent im Radsport bringen würde. Ich hab mich informiert und kam durch Lars Bak mit Gab Gatti in Kontakt. 2006 und 2007 bin ich für Differdingen gefahren.

STECKBRIEF: Sören Nissen

Geboren am 14. Dezember 1984, 34 Jahre
Geburtsort: Aabenraa (DK)
Nationalität: doppelte Staatsbürgerschaft (Däne und Luxemburger)
Größte sportliche Erfolge:
2006: 1. Platz 3. Etappe Slowakei-Rundfahrt (UCI 2.1)
2007: 1. Platz GP Demy-Cars, Petingen (Straße)
2008: 4. Platz Gesamtwertung Giro di Calabria (UCI 2.1)
2010: 1. Platz Silkeborg, Dänemark (MTB)
2012: 2. Platz Roc-Laissagais-Laissac, Frankreich (MTB); 3. Platz Meisterschaft, Dänemark (MTB)
2013: 2. Platz Alpine-Cup, Italien (MTB)
2015: 1. Platz Roc d’Ardennes, Belgien (MTB); 1. Platz La Roche-en-Ardenne (MTB); 2. Platz Crocodile Trophy, Australien (MTB); 2. Platz Landesmeisterschaft, Dänemark (Cyclocross)
2016: 1. Platz Roc d’Ardennes
2017: Gold Spiele der kleinen Nationen (MTB)
2018: 1. Platz Meisterschaft Cyclocross, Luxemburg; 1. Platz Meisterschaft Mountainbike (Cross Country und Marathon)


Wie ging es danach weiter?

Durch meine guten Resultate bekam ich anschließend einen Vertrag bei der italienischen Mannschaft Amore&Vita. Dazu eine kleine Anekdote: Dieses Team wird vom Vatikan gesponsert. Auf jedem unserer Räder wurde vorne auf den Rahmen mit Schnellkleber ein kleines silbernes Kreuz angebracht. Unser damaliger Sportdirektor Ivano Fanini sagte: ‘Ohne dieses Jesuskreuz fahren wir kein Rennen.’ Gleich im ersten Rennen, dem Giro di Calabria, belegte ich Platz vier in der Gesamtwertung, 16″ hinter Gesamtsieger Daniele Pietropolli. Zweiter wurde damals Steve Cummings. Das war ein super Resultat und ich war überzeugt, mein Traum könnte wahr werden: mit dem Radsport meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Leider hatte ich anschließend über ein Jahr mit Knie- und Rückenproblemen zu kämpfen. 2009 fasste ich den Entschluss, aufzuhören, bin zurück nach Dänemark gegangen und habe dort meine Ausbildung abgeschlossen.

Und der Radsport?
Ich hab dann das Radfahren nur noch als Hobby betrieben und bin für Stenca Trading, die Mannschaft von Michael Rasmussen, gefahren. Hätte ich 2006 gewusst, wie meine Karriere verlaufen würde, hätte ich sicherlich gleich mit dem Mountainbike begonnen.

Wann haben Sie diese Disziplin für sich entdeckt?
Gegen Ende meiner Ausbildung, im Jahr 2011, war ich mit meinem früheren Teamkollegen Miguel Martinez in Kontakt. Der hatte im Jahr 2000 in Sydney olympisches Gold im Mountainbike geholt. Er hat mir von dem speziellen Ambiente in der „Mountainbike-Community“ erzählt, so dass ich Ende 2011 eingestiegen bin. Wegen Martinez bekam ich einen guten Kontrakt beim italienischen Team Elettroveneta-Corratec.

Zu welchem Zeitpunkt kam das Cyclocross-Rad ins Spiel?
Das war auch im Winter 2011/2012. Ich bin zu der Zeit in Luxemburg Cyclocross gefahren, um fit zu bleiben, und hab damals in Kopstal auch gleich ein Rennen gewinnen können.

Sie haben seit dem 1. Januar 2018 auch die luxemburgische Nationalität und wurden bei Ihrer ersten Teilnahme Cyclocross-Meister. Hätten Sie gedacht, dass es auf Anhieb klappen würde?
In Kayl hatte ich mir schon Chancen ausgerechnet. Ich hatte mir die Strecke im Detail angeschaut und war auf den technischen Passagen so schnell wie Vincent (Dias dos Santos) und Gusty (Bausch). Zudem erreiche ich, wegen des Ausdauertrainings auf dem Mountainbike, die höchsten Watt-Werte von allen.

Nach Ihrem Titel waren von verschiedenen Seiten unschöne Bemerkungen zu hören. Inwieweit hat Sie das berührt und wie sind Sie damit umgegangen?
Ich war mir im Vorfeld bewusst: ‘Du bist hier das neue Schulkind. Wenn mit Steinen geworfen wird, musst du gescheit sein und nicht mit Granaten zurückwerfen’. Ich probiere immer respektvoll mit den Leuten umzugehen. Das erwarte ich auch von den anderen. Aber leider ist das nicht immer der Fall.

Am Sonntag in Brouch gehen Sie ein weiteres Mal als Außenseiter ins Rennen. Glauben Sie an eine neuerliche Überraschung?
Die Chance besteht sicherlich, ist aber nicht so groß wie letztes Jahr. Obwohl ich eigentlich noch etwas besser drauf bin als 2018, wie mein siebter Platz in Petingen gezeigt hat.

Welchen Eindruck haben Sie von der Strecke, die ja neben den technischen Passagen auch einige Abschnitte aufweist, wo die „Kraftmeier“ wie Sie im Vorteil sind?
Die Strecke ist völlig anders. Gab es im Vorjahr 15 Kurven, so sind es jetzt gefühlte 60-70, überall nur Flatterband. Das ist eine Strecke für den Lokalmatador.

Ist Vincent Dias dos Santos, nach seiner Demonstration letzten Sonntag auf dem „Holleschbierg“, für Sie der absolute Favorit?
Vincent hat sicherlich die besten Aussichten auf den Titel. Er hätte es endlich auch verdient, nach so vielen Jahren, in denen er immer über die gesamte Saison hinweg der dominierende Fahrer war.

Wie haben Sie Ihren ersten Auftritt beim Cyclocross-Weltcup in Namur erlebt und wie sieht aus, was die Teilnahme an der Weltmeisterschaft Anfang Februar in Dänemark anbelangt?
Es war toll, diesen Weltcup mitzuerleben. Vom 23. bis zum 27. Januar steht schon das erste Mountainbike-Rennen in Lanzarote auf dem Programm. Ich wäre danach natürlich super gerne bei der WM in Bogense dabei.

Was sind Ihre nächsten Ziele? Haben Sie sich schon Gedanken über die Zeit nach der aktiven Karriere gemacht?
Momentan läuft es richtig gut und ich werde sicherlich noch, ähnlich wie meine Kollegen, bis zum Alter von 40 Jahren weiterfahren. Nächstes Jahr werde ich auch wieder Cross fahren, aber erst später in die Saison einsteigen, da ich nicht wieder zehn Monate ununterbrochen auf dem Rad sitzen will. Dem Radsport werde ich auf jeden Fall treu bleiben. Ich habe mittlerweile meine eigene Gesellschaft gegründet, u.a. um verschiedene Sponsoren-Events zu organisieren.

Sie machen immer einen sehr entspannten Eindruck. Ist diese Lockerheit Ihr Erfolgsrezept?
Im Winter fahre ich Cross ohne Druck. Der soziale Faktor steht dann für mich im Mittelpunkt. Deswegen gehe ich das Ganze locker an. Im Sommer hingegen hab ich sozusagen die Pistole am Kopf und muss Resultate liefern. Das ist mir 2018 mit 14 internationalen Siegen gelungen.

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