Kürzere Arbeitszeiten bei vollem Lohnausgleich fordert die Arbeitnehmerkammer („Chambre des salariés“ – CSL) in dieser „schnelllebigen Zeit, in der viel gearbeitet wird“. Ihre Forderungen werden gestützt von den Resultaten einer Befragung, die im Rahmen des „Quality of Work Index“ durchgeführt wurde. Seit 2012 berechnen die CSL und die Uni Luxemburg jährlich diesen Index zur Qualität der Arbeitsbedingungen und zum Wohlbefinden der Beschäftigten. In diesem Jahr lautet das Thema „Arbeitszeit ist Lebenszeit“.

Insgesamt ist der Index zur Qualität der Arbeitsbedingungen gegenüber 2018 um ein Prozent gestiegen und liegt 2019 bei 55,4 Prozent. Seit 2014 ist der Prozentsatz relativ stabil geblieben. Trotzdem sind mehrere bedenkliche Entwicklungen zu beobachten. Eine große Mehrheit der Beschäftigten (68,7%) beklagt sich über die mentale Belastung auf dem Arbeitsplatz. Dieser Wert war in den vergangenen Jahren leicht gesunken, steigt seit 2018 aber wieder an. Eine Zunahme ist auch bei der emotionalen Anforderung zu beobachten, die seit 2016 um 4,4 Prozentpunkte auf 53,1 Prozent gestiegen ist. Dieser Wert liegt bei  Frauen deutlich höher als bei Männern. Ein signifikanter Rückgang ist vor allem bei der körperlichen Belastung und bei der Unfallgefahr zu verzeichnen, was CSL-Arbeitspsychologe David Büchel auf den Rückgang der Industrie und die Ausweitung des Dienstleistungsbereichs in Luxemburg zurückführt.

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Luxemburg braucht starke Gewerkschaften

Weiter fällt auf, dass immer weniger Beschäftigte das Gefühl haben, sich an Entscheidungsprozessen am Arbeitsplatz beteiligen zu können. Dieser Wert ist seit 2014 von 46,9 auf 41,2 Prozentpunkte gesunken. Auch der Anteil der Arbeitnehmer, die an Weiterbildungen teilnehmen, ist in den vergangenen fünf Jahren um 6,2 Prozentpunkte auf nun 48,3 Prozent zurückgegangen. Einen Anstieg gab es lediglich bei der Sicherheit. 73,6 Prozent der Befragten fühlen sich an ihrem Arbeitsplatz vor Unfällen geschützt. Insgesamt ist die Zufriedenheit am Arbeitsplatz gegenüber 2018 leicht gestiegen. Gegenüber 2014 ist sie aber leicht rückläufig. Gleiches gilt für  Motivation und  Wohlbefinden, die erst seit 2016 analysiert werden.

Deutlich zugenommen haben die Konflikte zwischen Arbeits- und Privatleben (ein Plus von 27 Prozent gegenüber 2014) sowie das Burn-out-Risiko (um 18 Prozent seit 2014). Laut David Büchel ist das ein Indiz dafür, dass die Stresssymptome auf der Arbeit sich häufen.

Unbezahlte Überstunden

Aus der Studie geht hervor, dass die wöchentliche Arbeitszeit zunimmt. Immer mehr Frauen arbeiten Vollzeit. Die effektive Arbeitszeit liegt durchschnittlich zwei (bei den Frauen) bis drei Stunden (bei den Männern) über der vertraglich geregelten. Überstunden machen vor allen die Arbeitnehmer, die ihre Arbeitszeiten selbst festlegen können. In der Gruppe der Beschäftigten, die bis zu zehn Überstunden pro Woche machen, sind die Männer deutlich überrepräsentiert. Betroffen sind nicht nur Geschäftsführer und leitende Angestellte, sondern auch Maschinen- und Anlageführer. Nach Wirtschaftsbereichen werden Überstunden besonders häufig in wissenschaftlichen, technischen und administrativen Berufen, im Groß- und Einzelhandel, im Transport und im Hotel- und Gaststättengewerbe sowie im Finanz- und Versicherungssektor geleistet. Fast ein Drittel der Befragten wird für seine Überstunden weder mit zusätzlichem Lohn noch mit Freizeit entschädigt. Nur die wenigsten Beschäftigten leisten die Überstunden aber aus Liebe zur Arbeit (13%) oder um etwas mehr Geld zu verdienen (4%). Hauptgründe sind, dass sie die ihnen auferlegten Aufgaben nicht in der regulären Arbeitszeit schaffen (46%) oder der Arbeitgeber ihnen die Überstunden vorschreibt (13%).

Bedenklich sei auch, dass 40 Prozent der Befragten fast immer (7%), häufig (11%) oder manchmal (22%) ihre Pausen verkürzen oder ganz auf sie verzichten müssen, sagte Büchel.
Immer öfter müssen Beschäftigte während ihrer Freizeit für die Arbeit erreichbar sein. 32 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass sie außerhalb der Arbeitsstunden Anrufe auf ihr Firmentelefon oder E-Mails beantworten müssten. Davon betroffen zeigten sich vor allem Führungskräfte und leitende Angestellte (60%), Händler und Verkäufer (40%) sowie Intellektuelle und Wissenschaftler (40%).

Beruf und Privatleben unvereinbar

43 Prozent aller Befragten sind der Meinung, dass sie manchmal, oft oder fast ständig Probleme damit haben, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Dieser Anteil ist seit 2014 beständig gestiegen. Vor fünf Jahren gaben lediglich 30 Prozent der Beschäftigten an, Probleme mit der Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben zu haben. Hoch ist der Anteil vor allem bei den Frauen, von denen die Hälfte unzufrieden mit der aktuellen Work-Life-Balance ist (bei den Männern sind es „nur“ 38%).

Immerhin mehr als die Hälfte (57%) ist noch mit ihrer vertraglich vereinbarten Arbeitsdauer zufrieden. Allerdings wünscht sich mehr als ein Drittel der Befragten (35%) eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit. Unter den Vollzeitbeschäftigten würden die Männer durchschnittlich gerne zwei Stunden weniger arbeiten, bei den Frauen sind es fünf Stunden. In dieser Gruppe wünschen sich 53 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer kürzere Arbeitswochen. Bei den Teilzeitangestellten sind 67 Prozent der Frauen mit ihrer Arbeitszeit zufrieden, während 40 Prozent der Männer gerne etwas länger arbeiten würden.

Laut CSL-Arbeitspsychologe David Büchel häufen sich in Luxemburg die Stresssymptome am Arbeitsplatz

Vor allem finanzielle Gründe spielen eine Rolle, wenn Beschäftigte mehr arbeiten, als sie gerne möchten. Für 37 Prozent der Frauen und 22 Prozent der Männer gibt das Geld den Ausschlag. 29 Prozent der Männer arbeiten länger, weil sie zu viel zu tun haben. Daraus schließt die Arbeitnehmerkammer, dass Kaufkraft und berufliche Überbelastung die Hauptprobleme sind.

Aus der wissenschaftlichen Untersuchung zieht die CSL mehrere Schlussfolgerungen. Erstens verliere  die Teilzeitarbeit in Luxemburg, im Gegensatz zu anderen EU-Ländern, zunehmend an Bedeutung, insbesondere bei den Frauen. Zweitens erhöhe der zeitliche Druck, um Beruf und Privatleben zu vereinbaren, das Risiko von Unfällen sowohl am Arbeitsplatz als auch im Verkehr. Drittens dürften flexiblere Arbeitszeiten nicht dazu benutzt werden, um Personalmangel zu kompensieren. Die Steigerung der Produktivität dürfe nicht zulasten der Gesundheit der Beschäftigten gehen. Viertens müssten die Pausen der Arbeitnehmer respektiert werden, fordert die CSL. Kurze, aber häufige Pausen würden die Müdigkeit merklich reduzieren.
Wenn man die langen Anfahrtswege berücksichtigt, könne die Telearbeit zur Reduzierung von Stress beitragen, stellt die CSL weiter fest. Allerdings müssten die Arbeitnehmer vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung durch ein klares Recht auf Abschalten geschützt werden.

Neue und effizientere Arbeitsmodelle

„Erschreckend“ nannte CSL-Präsidentin Nora Back die Ergebnisse der Untersuchung. Die Studie zeige, dass die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben immer weiter verschwinden. Die schnelle Digitalisierung stelle die Arbeitswelt vor neue Herausforderungen. Die Arbeitszeiten würden immer weniger reglementiert, die Arbeitnehmer müssten immer häufiger rund um die Uhr online verfügbar sein. Überstunden, die ohne Bezahlung oder Urlaubsausgleich geleistet werden, seien gesetzeswidrig, betonte Nora Back, die strengere Kontrollen der Gewerbeaufsicht forderte.

Um das Wohlbefinden der Arbeitnehmer zu verbessern, forderte sie kürzere Arbeitszeiten bei vollem Lohnausgleich. Dazu würden neue und effizientere Arbeitsmodelle gebraucht, die im Rahmen von Kollektivverträgen und berufsübergreifenden Abkommen geregelt werden müssten. Auch eine Anpassung des Arbeitsrechts sei notwendig. Umso wichtiger sei es, dass die Verhandlungen zwischen Patronat, Gewerkschaften und Regierung im Rahmen des “Comité permanent du travail et de l’emploi” (CPTE) weitergeführt würden, betonte Nora Back.

Zur Berechnung des „Quality of Work Index“ wurden 1.495 Arbeitnehmer zwischen 16 und 64 Jahren aus Luxemburg (57%) und der Grenzregion (43%) befragt. Um ihre Einschätzung zu ihren eigenen Arbeitsbedingungen abzugeben, mussten sie einen von der Uni Luxemburg erstellten Fragebogen mit 150 Fragen beantworten.

24 Kommentare

  1. Wenn wir in unserer globalisierten Welt aber wirtschaftlich überleben wollen, sind wir aber in schlechter Ausgangsposition, wenn Billiglohnländer hier etwas anbieten. Es wird zur weltweiten Verarmung kommen, da kann uns eine 36 Stundenwoche oder noch weniger wöchentliche Arbeitszeit nicht retten. Frage mich hier: Bin ich der Einzige der so denkt???

  2. Wat e Quatsch. Nach nie huet de Mensch manner geschaft wei hautzedags.
    Hei zu Letzebuerg :
    11 gesetzlech Feierdeeg, a min. 25 Deeg Congé (de Gros huet der mei).
    365 – 104 (weekender) – 25 (Congé) -11(feierdeeg) = 225 Deeg. Dat sen 4,3 Deeg an der Woch. Dat misst een jo awer pakke.

  3. Ech wär dafir dass mer de Wee op d’Arbescht bezuelt kréien. De Wee op d’Arbescht (egal op Auto, Bus oder Zuch) ass eppes wat keen gär mescht awer gemaach muss ginn fir d’Arbescht. Also soll de Staat oder de Patron dat bezuelen. 😉

  4. Madame Nora Back,
    daat geet net duer.
    Den Staat soll jedfirengem einfach 1 Millioun Euro pro Joer als Budget gin.
    Dann giff der emool gesinn waat den Handel hei giff opbléien.
    Firwaat kommen déi eigentlech net op déi Idee?
    Bescht Gréiss

  5. Selten méi eppes %/&!*?? gelies. Firwat net guer net schaffen mat engem gudde Gehalt an als Prim den Transport uewen drop? A selbstverständlech och nach Vakanzegeld.
    Resultat: Vill manner Stress an absolut vereinbar mam Privatliewen. 🙂

  6. Stellt Iech vir, d’Welt giff méi lues dréien.
    Dir gifft vléicht eng Stonn méi laang schaffen awer matt manner Stress, Roserei an Drock.
    Wir daat dann mool ze envisagéieren?

    • Grad an der Finanzwelt missten do awer da vill Computeren ofgeschaaft ginn, well déi den Zäitdrock opbauen. An d’Aktionnariat misst ofgeschaaft ginn (wat ech nëmmen ënnerstëtze géif), well déi hir Sue wëlle gesinn. Dividende sinn eng Plo fir d’Mënschheet.

  7. Also ich bin der Meinung, man sollte die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich halbieren. Der Arbeitgeber soll eben zusehen wie er das macht. Der verdient doch sowieso viel zu viel. Den luxemburger Betrieben geht es schließlich sehr gut! In der Arbeitszeit sollte der Arbeitnehmer 15% seiner Zeit auf Schulungen verbringen, damit dem Arbeitgeber auch qualifiziertes Personal zur Verfügung steht. Die Indextranche sollte auf jährlich 5% erhöht werden. Und wer das jetzt unrealistisch findet: Wir erleben zur Zeit einen starken Linksruck. Meine Forderungen passen absolut ins Zeitgeschehen. Lasst uns dafür demonstrieren! Jeden Montag! Selbstverständlich bei vollem Lohnausgleich! Beim demonstrieren kann man sich schließlich nicht erholen.

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