Mit Sicherheit ein stimmungsvoller, aber auch nostalgischer Auftakt in die Herbstsaison: Catherine Ringer startet ihre 2019er Tournee, mit der sie ihres vor zwölf Jahren verstorbenen Partners Fred Chichin gedenkt, vor ausverkaufter Hütte im Club der Rockhal.

Von Gil Max

Marcia Moretto, die argentinische Tänzerin und Choreografin, lebte in Paris und unterrichtete Tanz im Vorort Sartrouville. Zu ihren Schülerinnen gehörte Catherine Ringer. Als die junge Argentinierin 1981 im Alter von 32 Jahren an Krebs starb, hatte Ringer kurz zuvor mit Gitarrist Frédéric Chichin das Avantgarde-Pop-Duo Les Rita Mitsouko gegründet. Der Bandname setzte sich zusammen aus Anspielungen auf die glamouröse Schauspielerin Rita Hayworth und das Parfum Mitsouko (japanisch für „mystisch“), war aber auch eine Referenz an das SparksKultalbum „Kimono My House“.

Die Hommage „Marcia Baïla“ (Marcia tanzt), die Ringer zum Gedenken an ihre Tanzpartnerin und Freundin zu Papier brachte, wurde 1984, wie auch der Rest des Debütalbums „Rita Mitsouko“, in den Studios von Conny Plank in der Gegend von Köln aufgenommen.

Plank hatte in den Siebzigerjahren nahezu alle großen Krautrock-Bands produziert (Kraftwerk, Neu!, Grobschnitt usw.), wandte sich in den Achtzigern jedoch der New-Wave-Musik und dem Post-Punk zu (Ultravox, Eurythmics, Killing Joke). Er trug maßgeblich zum Sound und zur Selbstfindung dieses durchgeknallten Duos bei, welches sich das Komponieren und Einspielen der eigenen Songs stets teilte: Beide beherrschten alle möglichen Instrumente oder versuchten sich als Autodidakten zumindest daran.

Auf Conny Plank folgt Tony Visconti

Mit diesem ersten Album und vor allem der ausgekoppelten Single schafften Ringer und Chichin auf Anhieb den kommerziellen Durchbruch. „Marcia Baïla“ wurde zu einem der größten Hits des Jahres 1985 und ist erstaunlich gut gealtert, sodass der Song (nicht nur auf 80’s-Partys) immer noch ein Tanzflächen-Kracher ist. Le Monde berichtete damals in einem Beitrag überschwänglich, Ringer habe die Energie der Revolte im Tanz von Moretto sichtbar gemacht, als sie in einem Satinkleid von Jean Paul Gaultier den Song auf der Bühne der Opera Garnier performte.

Les Rita Mitsouko standen im Showbusiness nun alle Türen offen und für das Nachfolgealbum konnten sie sich erneut die Dienste eines Kultproduzenten sichern, nämlich Tony Visconti. „Notre rêve“, so Ringer später, „c’était de faire un disque aussi fin que ‘Ziggy Stardust’.“

Na ja, dazu hat es dann doch nicht ganz gereicht, aber der Italo-Amerikaner hinter musikalischen Großtaten wie T. Rex’ „Electric Warrior“ oder Bowies „Heroes“ versah die neuen Stücke der schrägen Franzosen mit einem unglaublich tighten Sound, in dem Glam-, New-Wave-, Funk- und Pop-Elemente wie selbstverständlich miteinander verschmolzen und machte „The No Comprendo“ zum wohl besten Album der Mitsoukos; vielleicht sogar zu einem Meisterwerk mit den Evergreens „C’est comme ça“, „Andy“ und „Les histoires d’A“.
„Histoires de cul“

Zwischenzeitlich musste Ringer, nachdem bekannt geworden war, dass sie vor ihrer Zeit als Tänzerin und Musikerin ihr Geld als Darstellerin in Pornofilmen verdient hatte, inmitten der Live-Sendung „Mon Zénith à moi“ den Provokationen Serge Gainsbourgs standhalten („Vous êtes une pute.“).

Erstaunlich abgeklärt konterte die damals 27-Jährige („Je trouve que vous êtes un vieux dégueulasse.“) und bot „Gainsbarre“, der damals die Stimmung in jeder Fernsehshow, in der er auftrat, konsequent vergiftete, tapfer die Stirn.

Les Rita Mitsouko nahmen noch fünf weitere Studioalben auf: Auf allen finden sich große Momente der Popkunst, doch sie reichten nicht mehr ganz an die Klasse ihrer beiden Erstlingswerke heran. Das letzte heißt „Variéty“ und wurde im Jahr 2007 eingespielt, kurz bevor Fred Chichin, der 27 Jahre lang auch Ringers Lebenspartner und der Vater dreier gemeinsamer Kinder war, an einer Krebserkrankung verstarb. Die Sängerin machte unter eigenem Namen weiter und nahm in der Folgezeit zwei durchaus interessante Soloalben auf, die mehr in Richtung Chanson gingen.

Heute Abend wird sich die 61-Jährige jedoch ausschließlich dem Repertoire der Rita Mitsouko widmen. Mit welchen Musikern und welchen Arrangements das erfolgen wird, weiß kaum jemand so genau. Ebenso wenig ist bekannt, ob sie Seide im Gepäck haben wird. Lassen wir uns doch einfach überraschen!

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