„On m’a enlevé ma pastille jaune“, so beschwerte sich ein aufgebrachter, angetrunkener Journalist in der Schlange zur Ken-Loach-Projizierung. Die verschiedenen Akkreditierungen, die es auf dem Festival gibt, können schon für Verwirrung sorgen. Rosa mit gelbem Punkt bedeutet absolute Priorität – die Kollegin vom Wort besitzt eine solche, das Tageblatt muss sich mit rosa (zweite Klasse, sozusagen) begnügen.

Im Gegensatz zur Zugfahrt aber ist es in Cannes komplexer und noch hierarchischer – es bleibt hier beileibe nicht bei einer Zweiklassengesellschaft. Der freie Mitarbeiter vom Land besitzt eine blaue Akkreditierung, kann also erst ins Kino, wenn sich die rosa-gelben und rosafarbenen Badges bereits auf den roten, relativ bequemen Kinosesseln installiert haben. Eine Kollegin vom 100,7 kann sich meist am frühen Morgen bereits Filme anschauen, die den schriftlichen Medien erst am Nachmittag zugänglich sind.

All dies bedeutet im Klartext, dass der Journalist mit der besten Akkreditierung Zeit gewinnt: Er kann noch an Artikeln werkeln oder ein Bier trinken, während der weniger gut akkreditierte Schreiberling bereits Schlange stehen muss, weil mit der Farbänderung und Degradierung auch die Chancen sinken, noch einen Platz zu ergattern. Und dies in einem Lande, das mit Werten wie „Liberté, Égalité, Fraternité“ prahlt. Brüderlichkeit gibt es nur unter Gleichprivilegierten – und wie Orwell es bereits schrieb, sind auch in Cannes manche gleicher als andere.

Die verschiedenen Farben, Pässe, Akkreditierungen erinnern den Neuling in Cannes mitunter an „Les douze travaux d’Astérix“, wo eine der zwölf zu bestehenden Prüfungen auch darin bestand, sich in einem überadministrierten Papierlabyrinth zurechtzufinden. Bei den parallelen Auswahlen wie beispielsweise der „Quinzaine des réalisateurs“, zu der ein Journalist mit Akkreditierung Zugang hat, sind diese Hierarchien wieder mehr oder weniger abgeschafft. Hier herrscht in der Warteschlange keine Segregation, sondern eine bunte Farbmischung.

Da riskiert man dann allerdings auch manchmal, nicht reinzukommen – so geschehen bei der luxemburgischen Koproduktion „The Orphanage“, wo nach 40 Minuten Schlangestehen viele Journalisten einen Abgang machen durften – es schien auf einmal auf dem roten Teppich (rote Teppiche gibt es in Cannes wie Sand am Meer) sehr schnell voranzugehen – nur wurde die Menschenschlange dann am Ende des Trichters wieder nach draußen umgeleitet. Nach „Le daim“ von Quentin Dupieux hörte ich eine hörbar genervte Journalistin angewidert ins Telefon schreien, bei der „Quinzaine“ würde man mit rosafarbener Akkreditierung neben den Blauen und Gelben stehen müssen. Angesichts einer solchen Klassenkonditionierung fand ich es auf einmal dann doch ganz o.k., beim „Orphanage“ draußen geblieben zu sein.

1 Kommentar

  1. Ah fi! des pastilles roses à pois jaune contraintes de côtoyer de médiocres pastilles roses et de besogneuses pastilles bleues. Voilà où nous ont menés la nuit du 4 août, les déclarations enflammées de Noailles et d’Aiguillon, les privilégiés qui renoncent à leurs privilèges (rions…)

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