Unser Kulturredakteur Jeff Schinker ist gerade auf dem Filmfestival in Cannes unterwegs. In seinem Logbuch berichtet er über die Kleinigkeiten am Rande. Im ersten Eintrag geht es um den öffentlichen Transport. 

Luxemburger, die nach Südfrankreich reisen, fühlen sich in Cannes oft wie zu Hause. Neben der Mischung aus Kleinstadt-Feeling, teuren Markenläden und gesellschaftlichen Extravaganzen für Neureiche liegt eine der Hauptparallelen in der Ineffizienz und Provinzialität des öffentlichen Verkehrs.

Während ich diese Zeilen in den Rechner tippe, erklingt passenderweise eine Stimme, die Cannes als außergewöhnliche Endstation des Zuges, der nach Grasse weiterfahren sollte, proklamiert – ein Zugunfall sei schuld. Am Tag davor gab es einen Lastwagenunfall, der die Linie lahmlegte und mir den Transport vom Flughafen nach Juan-les-Pins, wo ich während des Festivals wohne, erschwerte – ein Menschenhaufen, aufeinandergepfercht wie Massentierhaltungsvieh auf dem Weg zum Schlachthaus, reagierte verständlicherweise aggressiv auf meinen 23 Kilo schweren Koffer, für den kaum Platz mehr ist.

Einige nette Menschen halfen mir dann doch, einen winzigen Raum freizumachen – und unterhielten sich Minuten später über die verheerenden Konsequenzen eines möglichen Attentats auf den überfüllten Zug. Die Anschläge auf Nizza schweben in der sauerstoffarmen Luft. Als ich am selben Abend nach Jarmuschs Zombie-Apokalypse zum Bahnhof laufe, erfahre ich, dass die letzten Züge auch während des Festivals vor 10 Uhr abfahren.

Dasselbe liest man an den Tafeln des Bussteige ab: Den öffentlichen Verkehr interessiert das Festival nicht, beziehungsweise soll man während des Festivals doch eines der überteuerten Hotels vor Ort buchen – dabei ist Juan-les-Pins mit dem Zug, falls er denn fährt, in zehn Minuten zu erreichen. Drei junge Franzosen erklären jedem, der verloren herumsteht, dass ein Nachtbus um 23.30 Uhr fährt.

Ich verbringe die 45 Minuten Wartezeit mit Lektüre und einem nach feuchter Pappe schmeckenden Stella Artois, stelle bei meiner Rückkehr fest, dass die Tafel des Nachtbusses fußnotet, dieser fahre nur am Wochenende. Die jungen Franzosen entschuldigen sich für die Fehlinformation bei einer Gruppe angelsächsischer Festivalgänger, die sich wie ein aufgeschreckter Vogelschwarm verstreut. Für 16 Euro teile ich ein Uber-Taxi mit den drei jungen Menschen. Ein Taxifahrer berechnet 35 Euro für die 12-minütige Fahrt – auch das ist sehr luxemburgisch.

Die drei Studenten haben den Abend auf dem “Cinéma de la Plage” verbracht, wo man sich auch ohne Einladung oder Badge Klassiker ansehen kann – eine junge Französin hat einen der “Trois jours à Cannes”-Pässe gewonnen, die Freunde sind neugierige Begleiter.
Aus der Not entsteht eine dieser Begegnungen, die so ephemer wie in einem Roman von Patrick Modiano sind. “Involuntarily Connecting People” wäre wohl ein möglicher Werbespruch für die SNCF.

1 Kommentar

  1. Cannes, St.Tropez und alle die anderen sogenannten Nobelorte sind wirklich nur für Neureiche die gesehen werden wollen oder so wie die Primitiven GEISSENS dann auch noch eine eigene Fernseh Show bekommen, mir tun die Kinder leid die wie im Circus vorgeführt werden.
    Es gibt so viele schöne kleine Orte an der Cote d´Azur wo richtig toll Urlaub machen kann ohne von solchen Menschen belästigt zu werden schließlich will man sich erholen und kein remmi demmi a la Ballermann haben.
    Und wozu muß ein Kultur Redakteur vom Tageblatt dahin das interessiert in Esch/Alzette eh keinen da die meisten hier so wie so Kulturbanausen sind.

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here