Als Xavier Bettel etwas später als erwartet um kurz nach 16 Uhr mit Boris Johnson zur Pressekonferenz aus dem Staatsministerium kommt, branden sofort wieder die kritischen Sprechchöre auf (“Shame on you!”), mit denen der britische Premierminister bereits in Luxemburg begrüßt wurde.

Die Rufe verstummen jedoch sofort, als Bettel ans Rednerpult tritt – allein: Obgleich ein zweites Pult bereitsteht, ist Johnson offenbar weder gewillt, sich den Fragen der Journalisten noch der überwiegend kritischen Menschenmasse zu stellen – und ebenso wenig der Standpauke, die Bettels Statement prinzipiell darstellen wird.

“Danke, dass Sie zuhören”, eröffnet Bettel seine Ausführungen in die respektvolle Stille, die schlagartig wieder herrscht. Er denke, dass Demonstrieren ein hohes Gut in der Demokratie sei – aber auch der Austausch und die Bereitschaft, miteinander zu sprechen.

Dass Bettel nicht zufrieden ist mit dem hinter ihm liegenden Treffen, ist schnell klar: “Man kann nicht die Zukunft als Geisel nehmen für zukünftigen politischen Gewinn”, tadelt er den jetzt abwesenden britischen Kollegen, wofür die Demonstranten sofort wieder kurz in Applaus und Rufe ausbrechen.

Eine Verlängerung des Brexit-Verfahrens werde es auch nur geben, wenn es dafür eine neue Sachlage gebe – und nicht um ihrer selbst willen, macht Bettel klar.

“Ungewöhnlicher” Vorgang

Ein Kommentator des britischen Guardian hat die Presskonferenz als eher ungewöhnlich empfunden. Unter dem gegebenen Umstand der vielen lautstarken Anti-Brexit-Demonstranten sei es üblich, “neu zu planen”, also etwa die Pressekonferenz nach Innen zu verlegen.
Mit dem Festhalten am ursprünglichen Plan und seiner Rede neben dem zweiten, leeren Rednerpult habe der Luxemburger Premierminister den Kollegen von der Insel vorgeführt. “Die Menschen fragen sich oft, was die EU-Chefs über Johnson sagen oder denken. Nun, jetzt wissen wir es”, schreibt der Guardian-Autor.

Die Menschen wünschten sich auch gar keine Verlängerung der Übergangsphase, antwortet Bettel auf die entsprechende Nachfrage eines Journalisten. Damit würden nur die Unsicherheit und Zukunftsängste verlängert. Die Menschen wollten aber endlich Sicherheit und Gewissheit, wie es weitergeht. Die derzeitige Situation sei “ein Albtraum”.

Der Tag habe für ihn nichts Neues gebracht – vor allem nichts Substanzielles: “Ich höre viel, aber ich lese nichts”, beschwert sich Bettel – er sei aber “nicht bereit, über bloße Ideen zu sprechen”, sondern wolle etwas Schriftliches auf den Tisch haben.

Auf die Frage, warum denn auch von der Luxemburger Seite nichts Entsprechendes vorbereitet wurde, wehrt sich Bettel. Er erinnerte daran, dass Theresa May die Rückzugsvereinbarung akzeptiert habe. Dass diese es nicht durch das britische Parlament geschafft habe, sei erst einmal ein ureigenes Problem der Briten: “Die EU kann jetzt nicht als böser Bube dastehen!”, empörte sich Bettel. Weder er noch die Kommission oder die anderen 24 EU-Leader seien verantwortlich für das “Chaos, in dem wir jetzt stecken”, rief er schon fast mehr in die Mikrofone, als dass er es sprach und beendete die Fragerunde, indem er wieder von dem Rednerpult ins Staatsministerium schritt – begleitet vom Applaus und den zustimmenden Rufen der versammelten Demonstranten.

Das Fernbleiben von Boris Johnson hat schnell für allerlei Häme gesorgt: „Meine Lieblingsepisode von The Incredible Hulk ist die, in der eine kleine Gruppe von Leuten zu laut geschrien hat – also ist er weggerannt“, twitterte etwa der Journalist Michael Deacon. Johnson hatte sich beziehungsweise Großbritannien vor kurzem mit dem Superhelden verglichen, der durch Wut und Adrenalin zum Monster wird.

Boris Johnson hat die kurzfristige Absage der gemeinsamen Pressekonferenz derweil mit dem Protestlärm begründet. “Ich glaube, unsere Standpunkte wären da möglicherweise untergegangen”, sagte Johnson nach einem Treffen mit Bettel zu Reportern vor der britischen Botschaft in Luxemburg.

Johnson war schon bei seiner Ankunft von Demonstranten ausgebuht worden.

Trotzdem zeigte sich Johnson weiter zuversichtlich, dass noch ein Abkommen über den EU-Austritt zustande kommen kann. Es brauche dafür aber Bewegung von der EU, sagte er unter anderem der BBC. Ansonsten wolle er auch ohne Deal am 31. Oktober austreten, so Johnson.

Dieser Artikel enthält Material von DPA und AFP.

 

26 Kommentare

  1. Tja. Da kann wohl einer mit Protest nichts anfangen. Ist ihm nicht autokratisch genug. Protest gehört abgeschafft. Wie das House of Commons in die Pause geschickt. Verstummt. Verschoben. Demokratie still und leise und heimlich aufs Eis gelegt. Massakriert. Alle Macht den Oligarchen.

  2. Lautstarke Proteste? Ja, das haben Regierungschefs ja noch nie erlebt, oder? Dazu muss man erst nach Luxemburg kommen, und dann hat man ja die gute Ausrede, nicht Rede und Antwort stehen zu müssen. Wie definiert man Feigling?

    • Ja, zu Hause wurde der arme Kerl auch ausgebuht bei seinen Auftritten. Demnach buckeln, Schwanz einziehen und sich in die britische Botschaft verkriechen für einen grossmäuligen Auftritt vor der genehmen Presse, und ohne Buhrufe, die so schlecht fürs Image sind.

  3. Bravo an unseren Premier.
    Er hat zumindest bewiesen,dass er eine richtige Vorstellung von Demokratie hat und der Riese Goliath(Hulk)
    zieht sich wieder auf seine einsame Insel zurück,nachdem ihm der kleine David wieder einen Stein an den Kopf geschleudert hat. Die EU hat sich genug bewegt BoJo.Bewegung scheint ja keine englische Tugend zu sein,daher das Unwort “konservativ”. Das hat einen Nachgeschmack,nach Stillstand und Endstadium. So good bye BoJo….

  4. BoJo wollte es drinnen haben um dem Gejohle draussen zu entgehen. Deshalb hat Bettel die Situation gerettet und trotzdem das Rednerpult benutzt. Hätte er das nicht getan würden die Medien sich jetzt über die luxemburger Organisation beschweren, und das weltweit. So bleibt BoJo der blamierte.

  5. Och wann den BoJo do bliewen wir, wir dat nie eppes gin. Dat Gebrells hätt trotz Microen een normalt schwetzen net zougeloss. Souguer den Här Bettel wir mol net zu Wourt komm. Déi Pressekonferenz hätt missen am Gebei ofgehal gin. Een Fehler von der Lëtzebuerger Regierung well et jo schon am viraus kloer war dat et sou wert kommen. Trotzdem, een Bravo in Demonstranten.

  6. Vielleicht hat Xavier Bettel seinen Wählern aus dem Herzen gesprochen. Ob sein Auftritt staatsmännisch war ist Ansichtssache- eine Empfehlung für Luxemburg als Austragungsort von internationalen Konferenzen oder Verhandlungen war er nicht. In Paris, Brüssel oder Genf wäre das anders abgelaufen. Im Widerspruch zu der ganzen Brexit-Diskussion und den pessimistischen Voraussagen scheint mir dagegen folgende Nachricht zu stehen die den Spott doch sehr relativiert: Der Finanzplatz London hat seit April 2016, seit dem Brexit-Votum, seine Position noch weiter ausgebaut und monopolisiert jetzt 43% des weltweiten Devisen- und Derivategeschäftes (und sogar 86% der in Euro ausgegebenen Derivate), gefolgt von der Wall Street mit 18%. Vor dem Brexit Votum waren es nur 37%… Dagegen hat Paris, als grösster in diesem Bereich tätiger EU_Finanzplatz, nur einen zwergenhaften Anteil von 2% am globalen Kuchen …

  7. Unser Premier hat richtig gehandelt und Bojo dieser Feigling wolle ja nicht reden vor den Buhrufern ( seine eigenen Landsleute übrigens, keine Luxemburger…uns ist er schxxx egal)…also was einzelne Presse Stimmen sagen ist unwichtig, die BBC hat korrekt kommentiert un nicht anstößiges an der ganzen Geschichte gefunden…hier in London hat man gelacht über diese unsinnige Reise, das war alles!.

  8. humilier publiquement un des partenaires les plus importants de notre place financière… really extraordinary strategy.
    je ne vois pas en quoi cet affront peut contribuer à des sentiments plus positifs vis-à-vis l’Union Européene à l’autre coté de la Manche. mais la manque totale de courtoisie de hier, je crains qu’on va le payer un jour, les anglais n’oublieront jamais.

  9. ich würde bettel & asselborn anraten nicht so grossmäulig aufzutreten. wir waren immer froh wenn england auf unserer seite war (bankenplatz, steuern,..). und… wenn die eu sich auf kosten luxemburgs mit england einigen könnte/kann, würden/werden unsere europäischen freunde das tun.

    • Wo bitte ist UK im Bankenplatz auf unserer Seite? Die versuchen doch möglichst viele Kunden auf Bermuda, die Kanalinseln und die Isle of Man zu ziehen. Steuerparadies vom Allerfeinsten. Brexit ist ein Geschäft für die Superreichen, die ihre Milliarden vor den EU-Schnüfflern retten wollen,

      So hat zB ein gewisser Jacob Rees-Mogg bereits grosse Beträge in Dublin geparkt.

      • ich habe ja nicht behauptet dass der brexit ein mehrwert für den normalen briten darstellt (????) nur war es in der Vergangenheit aber manchmal so dass Lux & GB sich in steuerfragen, bankenplatz (gemeinsame interessen) näherstanden als Lux -> D oder die grande nation. unsere direkten nachbarn wollten unseren finanzplatz schon immer in die tonne treten. Jacob Rees-Mogg: zu bankgeheimnisszeiten wurde auch so mancher belgische politiker in luxemburg-stadt gesichtet.

  10. Die etwa 25 bis 30 Demonstranten, die länger die Europahymne sangen als Buh-Rufe ausstießen und im übrigen den Union Jack neben der Europaflagge wehen liessen, hätten Boris Johnson zugehört, trotz allem und nachdem sie stundenlang gewartet hatten, bevor er auftauchte. Aber für ihn war die Gelegenheit wohl zu günstig, sich so zu verhalten, wie er es tat. Dem Staatsminister sei aller Beifall gegönnt.

  11. Bettel wollte Boris vorführen, das ist wirklich ein richtiger harter Hund.
    Brüllen und nicht zuhören findet die PC- Integristen immer nur richtig wenns den Richtigen trifft. Die Briten sind gespalten in zwei Hälften.

  12. Den Här Bettel huet neischt falsch gemeet. Et waren Landsleit vum Här Brexitbojo do, an et wier een Minimum un Heiflechkeet gewiecht; dei Menschen ze begreissen an op hier berechtegt Suergen an ze goen.
    Waat deen ganzen Brexit Krimi ugeet, laaft fort leif Insulaner, waat mei seier… waat besser!
    Deen ganzen Theater brengt kengem EU Land nach eppes.
    Europa kann ouni dei komesch Insel iwerliewen, dei waren dach zu kengem Zeitpunkt wierklech Partner.

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