„Ohne Frost kein Most“ titelte das Tageblatt in seiner Ausgabe vom 20. Dezember 2018. Auf der Suche nach Winzern, die auf Eisweinproduktion aus dem Jahrgang 2018 gesetzt hatten, war man lediglich bei Henri Ruppert in Schengen fündig geworden. Er ist das Risiko eingegangen und hat Lesegut in einer Parzelle am Stock gelassen. Am Dienstagmorgen sollte seine Geduld dann endlich belohnt werden.

Von Herbert Becker

Montag, 21. Januar, 18.00 Uhr: Jérôme Lanter, im Domaine Henri Ruppert verantwortlich für Marketing, schickt mir eine Mail. Inhalt: Morgen früh gehen wir wahrscheinlich in die Eiswein-Lese. Ich telefoniere mit Henri Ruppert, der mir erklärt: „Ich rufe Sie morgen früh um 6.00 Uhr an, ob wir gehen oder nicht. Die vergangene Nacht hatte ansprechenden Frost, für heute Nacht sind ähnliche Temperaturen gemeldet.“

Ich baue mir zu Hause einen „Alarmstuhl“ wie beim Militär. Dicke Socken, warme Unterwäsche, zwei Pullover, wetterfestes Schuhwerk, Mütze, Handschuhe. Bei solchen Minusgraden, mindestens -7° Celsius zur Eiswein-Lese sind vorgeschrieben, muss man alle Eitelkeiten beiseite schieben.

Der Wecker klingelt zur Unzeit gegen 5.00 Uhr, das Telefon um Punkt 6.00 Uhr. „Es geht in den Weinberg“, vernehme ich die Stimme von Henri Ruppert. „Treffpunkt um 6.45 Uhr im Weingut.“

Jérôme Lanter nimmt mich in Empfang und bringt mich in den Weinberg. Es ist stockfinster und eisig kalt. Henri Ruppert und 20 Erntehelfer, darunter viele Winzerkollegen, sind, mit Stirnlampen ausgestattet, schon bei der Lese. „Das muss jetzt schnell gehen“, sagt der passionierte Weinmacher. „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht und ständig die Temperaturen von der Wetterstation in Schengen abgerufen. Minus 8 Grad waren es um 3.00 Uhr, gegen 5.00 Uhr zog Nebel ins Flusstal, die Temperatur ging leicht nach oben. Da habe ich die Truppe zusammengetrommelt. Wir sind hier in der Großlage ’Coteaux de Schengen‘ und befinden uns bereits auf französischem Territorium. Das Areal umfasst rund 2.000 m2, also etwa 1.000 Rebstöcke.“

Die Reben sind mit blauen Netzen eingefasst, ich hinterfrage den Grund. „Das Einnetzen hat zwei Gründe: zum einen als Schutz gegen die Vögel, zum anderen sind die Rebstiele des Rieslings sehr fragil. So fallen die Trauben in die Netze, das Lesegut landet nicht auf der Erde, wo es verfaulen würde, und das erleichtert natürlich die Ernte. In gut einer Stunde sind wir hier durch.“

8.00 Uhr: Die Ernte ist eingebracht und Jérôme Lanter feuert zur Feier des Tages zwei Leuchtraketen in den schwarzen Himmel. Wir fahren ins Weingut, rund 1.000 Kilo gefrorene Trauben finden sogleich den Weg in die bereitstehende Presse. „Die Pressung dauert jetzt gute vier Stunden“, erklärt Henri Ruppert. „Wir sind gespannt auf das Mostgewicht.“

Ein „vin de glace“ mit Namen „Blutmond“

Beim gemeinsamen Frühstück wird philosophiert und spekuliert, gegen 9.00 Uhr das Resultat verkündet: 123° Öchsle. „Für einen gehaltvollen Eiswein hätten wir 140-150° Öchsle benötigt. Aber kein Problem: Wir klassieren das Ergebnis als ’vendange tardive‘, wir hatten im Herbst schon ein Highlight eingebracht, eine Trockenbeerenauslese mit 200° Öchsle, daher ist das Ganze keineswegs eine Enttäuschung. Der Most ergibt in etwa 200 Liter Spätlese, die wir in 0,375-l-Flaschen abfüllen werden.“

Fazit: Geduld, Risikobereitschaft und Mühe waren nicht umsonst, kalte Füße und eine rote Nase gab’s gratis dazu. Aber die Luxemburger Mosel sollte nicht ohne einen echten Eiswein des Jahrgangs 2018 bleiben: Durch Zufall erfahren wir, dass die Domaine Clos des Rochers, zugehörig zu den Caves Bernard Massard, auch Lesegut am Stock belassen hat, und fahren auf kürzestem Weg nach Grevenmacher. Kellermeister Florian Michels nimmt sich Zeit und berichtet uns von einer erfolgreichen Ernte am Montagmorgen. „Wir haben unsere Rieslingtrauben im Ahner Palmberg wie auch ein paar Rebzeilen im Wormeldinger Elterberg um 5.00 Uhr bei Minus 8,5 Grad Celsius mit acht Mitarbeitern geerntet. Wir hatten die Parzelle auch eingenetzt, im Herbst noch einmal am Stock selektiert. Wir können stolze 145° Öchsle vermelden bei 7,5 g Säure. Mindestens minus 10 Grad über einen längeren Zeitraum wären optimal gewesen, das bringt einen Säuregehalt von 12-14 Gramm und spiegelt die Typizität eines Eisweins noch besser wider. Nach der Filtration verbleiben uns da noch etwa 250 Liter zur Abfüllung. Die Ernte erfolgte im Übrigen während des Naturphänomens ’Blutmond‘ (Mondfinsternis), wonach der Wein dann auch später benannt wird.“

Auch die Domaine Clos des Rochers wird erst nach erfolgreichem Ausbau des Süßweines entscheiden, ob der Wein ein echter „vin de glace“ mit der dazugehörigen Aromatik wird oder auch als „vendange tardive“ abgefüllt wird. Der geneigte Weinfreund übe sich also noch ein paar Monate in Geduld, bis er das flüssige Gold verkosten darf.

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