75.405. Das ist so was wie der Highscore von Luxemburgs notorisch verstopftem Pendlerrohr A3. So viele Fahrzeuge drängelten sich im Jahr 2018 durchschnittlich an einem Werktag am Verkehrszähler bei Bettemburg vorbei. In der Stoßzeit zwischen 15 und 16 Uhr sind es 4.900 Autos und Lkws, rund anderthalb Karren pro Sekunde. Viel fahren ist da nicht mehr. Stattdessen liegt auf der A3 eine zehn Kilometer lange Masse blecherner Qualm-Maschinen, in denen jeweils ein zornentbranntes Menschlein sitzt, das in diesem Moment eigentlich viel lieber bei seiner Familie wäre – oder wenigstens im Büro.

Luxemburgs Regierung möchte die A3 dreispurig ausbauen. Geht es nach dem Konzept des grünen Verkehrsministers François Bausch, dann kommt die zusätzliche Spur aber nicht dem Individualverkehr zugute. Stattdessen sollen darauf Busse und Fahrgemeinschaften an der Autoschlange vorbeidüsen. Die Message: Wer alleine mit seinem Wagen im Stau steht, hat es nicht besser verdient. Das ist gar nicht so verkehrt. Denn immerhin wird damit ein deutliches Bild von der Beschränktheit unserer Gewohnheiten gezeichnet: das des einsamen Fahrers, der mit seinem mit fünf Sitzen ausgestatteten Straßenkreuzer die Spur blockiert.

Das Problem ist also gelöst? Oh, nein. Das Bruttoinlandsprodukt Luxemburgs hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht. Die Zahl der Arbeitnehmer und der Grenzgänger verdoppelt. Und es geht weiter. Das Chaos, das deshalb mittlerweile jeden Tag zur Rushhour über das Land hereinbricht, hat gewaltige Ausmaße und Konsequenzen. Und daran werden weder kostenloser Nahverkehr noch breitere Autobahn viel ändern.

Die Politiker haben die Implikationen des immensen Wachstums unterschätzt – aber sie sind beileibe nicht die einzigen Schuldigen in diesem Spiel. Ein großer Teil von Unternehmen, Behörden und auch Arbeitnehmern scheint noch immer nicht kapiert zu haben, dass wir uns im Informationszeitalter befinden. Zwölfjährige schicken Selfies um den Globus, Omas suchen Plätzchenrezepte im Netz und Onkel Peter kauft sich online sein neues Snowboard. Wir alle verbringen Stunden unserer Freizeit mit Social Media, Videostreams und Onlinegames.

Wieso soll diese Technologie denn bitte nicht auch in der Arbeitswelt funktionieren? Das Konzept des Homeoffice gibt es seit Jahrzehnten. Es könnte der Staukiller Nummer eins sein, weil die Menschen dazu Straßen und Gleise erst gar nicht nutzen müssen. Trotzdem wird diese Chance nur sporadisch genutzt.

Der Grund dafür liegt bei uns allen: bei Kollegen, die die Nase rümpfen, weil die junge Mutter zu Hause arbeitet, um bei ihren Kindern zu sein. Bei Chefs, die Angst haben, ihre Mitarbeiter würden ohne permanente Kontrolle im Netz herumsurfen, anstatt zu arbeiten. Und bei der Politik, die es auch in fast 30 Jahren europäischen Binnenmarkts nicht geschafft hat, dass Arbeitnehmer permanent von Thionville, Trier und Arlon aus für Luxemburger Firmen arbeiten, ohne dass ihr Arbeitsplatz wegen der höheren Steuern dort für sie an Attraktivität verliert.

19 Kommentare

  1. Soll heißen: Eine Mutter (oder Vater) der schnell mit seinem Kind ins Hospital fahren muss,oder auch nur Besorgungen machen muss,sollte sich tunlichst eine Fahrgemeinschaft suchen oder den Bus nehmen.Auch wäre dann das Einkaufen ,Sport,Hobby etc.nach der Arbeit ausgeschlossen.Erst mit dem Bus oder der Fahrgemeinschaft nach Hause und dann wieder ins Auto und zurück?! Wenn alles so einfach wäre.Luxemburg hat ein Platzproblem.2700Km2 für eine Million Menschen(2050),davon zwei Drittel im Süden des Landes. Das wird eng.

    • Kann Ihnen nur zustimmen @ Jacques Zeyen. Das ist die Realität. So sieht sie aus. Die Planer resp. die unverantwortlichen Verantwortlichen scheinen aber auf beiden Augen blind zu sein. Es geht mit Karacho voll in die Mauer! Für die geplanten 1 Moi Einwohner, müssten wir die Oberfläche unseres Landes verdoppeln. Vielleicht sind ja unsere Nachbarstaaten bereit, uns für teueres Geld zusätzliches Bauland abzutreten?

  2. Wohl sind alle Argumente des Herrn SENZIG richtig, doch die wichtigtuerische heutige Politik ist auf die Steuern aufgebaut, die uns der tägliche Autostau einbringt. Auch hat noch keiner der grossen politischen Helden und Hellseher uns gesagt, wie der Staatshaushalt aussehen wird, oder muss, wenn bis alle Autos Elektrisch fahren werden. Die Reichen wollen nur wenig Steuern zahlen, denn sie halten sich für so nützlich für die Wirtschaft, und Briefkastenfirmen schenkt unser Finanzminister mit breitem Lächeln noch 300 Millionen an Steuern. Dann muss man wohl die Bezieher des Mindestlohnes noch höher besteuern. Welch ein akademischer Schwachsinn, das Gefasel über die Steuerreform, wo keiner mehr Steuern zahlen soll als bisher.

    • “Auch hat noch keiner der grossen politischen Helden und Hellseher uns gesagt, wie der Staatshaushalt aussehen wird, oder muss, wenn bis alle Autos Elektrisch fahren werden. ”

      Dann bekommen wir den Autoelektrizitätsstrom, der hat eine andere Farbe, so kann die Steuerfahndung ganz einfach Missetäter entlarven.

  3. Man kann zuzüglich auch sagen dass viele Arbeitsplätze unnötigerweise im Luxemburg-Stadtbereich angesiedelt sind, viele Firmen könnten auch ihre Büros z.B. in Grenznäh, Autobahnnähe, anlegen, dann müssten die Pendler nicht über überfüllte Autobahnen bis Luxemburg Stadt kommen am Morgen und am Abend wird nach Hause donnern…..Homeoffice geht leider aus steuerlicher Hinsicht nicht wie es ja unsere belgischen Pendler erleben, deren elende Steuerverwaltung versucht denen ja immer nach zu weisen dass sie zu viele Tage Arbeitstage in Belgien verbracht haben um sie dort zur Kasse zu bieten…

  4. Der Heizungstechniker , der meine Wärmepumpe ersetzen sollte, stand 50 Minuten im Stau. Kommt total genervt und gestresst bei mir an und steht unter Druck die Reparatur so schnell wie möglich zu erledigen. Mir wird die Herfahrt verrechnet.

  5. “Stattdessen liegt auf der A3 eine zehn Kilometer lange Masse blecherner Qualm-Maschinen, in denen jeweils ein zornentbranntes Menschlein sitzt, ”

    Ich liebe es, mit140km/h mit dem Zug an diesen zornentbrannten Menschlein vorbei zu rasen.

    • Wat e ..%”*ç.. Geschwätz. Net jidverdreen kan, wéi Dir, ouni Problem mam Ö.T. fueren. Z.B. Et wunnt een um Bridel a schafft zu Mënsbech. Kënn Der w.e.g. mat ärer onendlecher Iwerhieflechkeet soen wéi dat geet a wivill Zéit muss ageplangt gin. Merci fir är Cooperatioun!

      • Natürlich fahr ich mit dem TGV.
        Als Eisenbahner fahr ich gratis (nur die 4€ Reservation muss ich zahlen)
        Das ist praktisch, morgens im TGV die Zeitung lesen, nach 2 Stunden 5 Minuten in Paris, Plat du Jour, dann ein bisschen einkaufen und am späten Nachmittag wieder nach Hause.
        Ohne Stau.

    • Ich auch.
      Es müssen alle Control-Freaks sein, die glauben im Auto immer selber entscheiden zu können ob, wie, wann, wohin sie fahren und komplett übersehen, dass sie im Stau nichts von all dem tun.

  6. Da muss der öffentliche Verkehr mit allem Drum und Dran aber noch viel attraktiver und effizienter gestaltet werden, um das Verkehrschaos auf unseren Strassen in den Griff zu bekommen! Hoffnungsloses Unterfangen.

    • “Da muss der öffentliche Verkehr mit allem Drum und Dran aber noch viel attraktiver und effizienter gestaltet werden,”

      Wieso denn? Wenn der Autoverkehr immer unattraktiver, ineffizienter und langsamer wird, dann ist der Effekt doch der Gleiche.

  7. Die Arbeit wird in dem Land versteuert wo sie geleistet wird. wenn die Grenzgänger Homeoffice machen, müssen sie ihre Steuern in D, F oder B zahlen. Das ist weder von ihnen noch von luxemburger Staat gewollt.

  8. HomeOffice ist oft nicht machbar, weil dadurch die Vertraulichkeit nicht mehr gewährleistet ist. Schließlich würden dann luxemburgische Dokumente im Ausland bearbeitet werden. Dadurch würden plötzlich französische, belgische und deutsche Gesetze gelten und nicht mehr die luxemburgischen.

    Aber wieso keine HomeOffice-Hubs an den Grenzen einrichten, auf luxemburgischer Seite? Es gibt diese großen Flächen an den Autobahnen, die früher von der “Douane” benutzt wurden.

    Seit Juni gibt es ein S-Hub bei Yutz in der französischen Grenzregion. Wieso machen wir es den Franzosen nicht nach?

  9. Wir befinden uns im Jahr 2012 nach Christus. Laut LW vom 15.03. : Präsident Sarkozy hatte es zwar vollmundig als “nationale Prioriät” angekündigt, doch noch muss das geplante Großprojekt “EcoCité” einige administrative Hürden nehmen. Bei Esch-Belval soll auf französischer Seite ein modernes, ökologisch geprägtes Wohn- und Geschäftsviertel entstehen … Dass die Grenzgänger endlich in ihren eigenen Ländern ihr täglich Brot verdienen können scheint noch weit entfernt zu sein.

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