Ab sofort nehmen wir (fast) alles wortwörtlich und sezieren Texte aus unterschiedlichen Musikrichtungen auseinander. Beim ersten Beitrag der Serie “A la lettre” wird luxemburgischer Rap unter die Lupe genommen.

Obwohl er sich immer größerer Beliebtheit erfreut, gilt er doch bei manchen Verfechtern der Hochkultur als verpönt. Und dabei ist Rap, also eine Art Sprachgesang, eigentlich das Genre par excellence, wenn es um Sprache und Text, also den Inhalt, geht. Obwohl das “Beatmaking” eine wichtige Rolle spielt (auf die in diesem Artikel leider nicht eingegangen werden kann), tritt das Musikalische eher in den Hintergrund und Aussagen, sogenannte “Messages”, treten an die äußerste Frontlinie.

Wie Dan Courte, der unter dem Künstlernamen “LeDé Milestone” als Rapper aktiv ist, in der aktuellen forum-Ausgabe über Literatur folgerichtig statuiert, ist Rap eigentlich eine Art alternative Literaturform, die wie andere Literaturformen auch Abgründe, aber ebenso genüssliche Höhenflüge bereithält. Eine nähere Betrachtung hat das Genre allemal verdient, bevor es vorschnell abgeurteilt wird.

Stets wird gejammert, Luxemburg berste vor Reichtum fast auseinander, aber wie ist es um den Wortschatz der hiesigen Rapper (und Rapperinnen?) bestellt? Lässt sich hier eine gewisse Armut ablesen oder schlendern doch viele verkannte Poeten durch die großherzoglichen Gassen? Was beschäftigt die potenziellen Wortakrobaten und welche Rolle spielt ein gewisses Fair Play? Dies sind Fragen, die wir anhand einer Auswahl an Texten zu beantworten versuchen. (Es wird hier keineswegs der Anspruch einer allumfassenden Analyse erhoben, denn die Hip-Hop-Projekte in Luxemburg sind mittlerweile so zahlreich, dass man ihnen eigentlich eine ganze Ausgabe widmen müsste. Dies ist nur der Anfang.)

Drei Generationen Hip Hop

An dieser Stelle wird sich auf derzeit aktive Künstler beschränkt, wobei im Hinterkopf behalten werden muss, dass auch Luxemburg schon auf eine längere Geschichte in Bezug auf diese Subkultur zurückschauen kann. In seinem Dokumentarfilm “Hamilius” aus dem Jahre 2010 befasst sich Alain Tshinza beispielsweise mit gleich drei Generationen des luxemburgischen Hip Hop, also jenen der 80er, 90er und 2000er. Hier stehen die vier großen Disziplinen aus dieser Szene, also Tanz, Graffiti, DJing und eben Rap, im Mittelpunkt.

Letzerer kann nicht losgelöst vom kulturellen und sozialen Kontext betrachtet werden, in dem er entsteht. Durch die Rahmenbedingungen bilden sich je nach Land und Sprache Spezifitäten heraus. Gerade weil nicht nur Luxemburg, sondern auch das Luxemburgische bestimmte Alleinstellungsmerkmale haben, hält die einzigartige Situation Überraschungen, aber auch Hindernisse bereit, wenn man wirklich anfangen möchte, mit Wörtern zu jonglieren.

Rap kann in mehrere Subkategorien unterteilt werden. Eine der wohl bekanntesten ist der sogenannte “Gangsta-Rap”, der, wenn es um luxemburgisch-sprachigen Hip-Hop geht, vor allem von Bandana zweckentfremdet wird. Der junge Belvaler vermittelt eine gewisse Fixierung auf in plumpe Worte gefasste Genitalien und Drogen. Zudem hat er sich wohl Autogeräusch-Imitationen verschrieben. Manche Ergüsse scheinen einem defekten Phrasendrescher entnommen. Das Mitglied der doch eher als Spaßverein anmutenden “Young Mafia” sorgte 2015 für Furore, als beim Videodreh für den Track “Squad”, für den scheinbar unbedingt Luxuskarossen und Plastikwaffen vonnöten waren, die Polizei gerufen wurde. Leider wurde Bandana mehr Aufmerksamkeit (vor allem von den Medien) zuteil als wahrscheinlich allen anderen Künstlern in diesem Bereich zusammen in den Jahren davor. Dies sorgte für berechtigten Unmut, der nicht nur konstruktiv geäußert wurde.

Statt ihn zu “dissen”, also zu schmähen, entschied sich indes beispielsweise der luxemburgische Rapper Tommek dafür, auf andere, weitaus wichtigere Missstände hinzuweisen und Kommentatoren wie Journalisten darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich ganz schön leicht ablenken lassen: “Amplaz sech opzereegen iwwer déi Leit, déi soen, se géifen am Ghetto liewen, soll ee sech mol froen, firwat et Leit gëtt, déi am Ghetto stierwen.” Ein einfaches Reimschema, das aber mehr aussagt als der zuvor erwähnte Sprachdurchfall.

Tommek wendet sich seinerseits ohrenscheinlich lieber Esswaren als Spielzeugwaffen zu. In “Vitaminnentherapie” singt er nicht gegen die Mütter anderer (wie es gerade im Battle-Rap öfter mal der Fall ist), sondern er imitiert seine eigene, welche ihm rät, sich gesünder zu ernähren. Für Tommek steht fest: “Dass ee bewosst iesse muss, ass gewosst, mee ech si mer bewosst, dass ech iessen, dofir iessen ech bewosst.” Und er fügt ironisch hinzu: “Mäi Cholesterinspigel ass sou grouss, dass ech mech dra gesinn.”

Wie Tommek zuvor verzichtet auch Edel Weis auf sinnlose Kämpfe und vergreift sich lieber an Nahrungsmitteln: “De Raue markéiren ass eben net sou menges / well d’Audienz genuch vum miese Sound gëtt gepéngegt / Vu Fengeg bis Nenneg a vu Garnech bis Marnech / molen ech äre groen Alldag mat menger Palett faarweg / Net manesch, mee spartanesch wéi de Leonidas / gitt der gefiddert mat 300 Knippercher aus menger Vita” (aus “Fräie Laf”).

Wie man zwischen den Zeilen herauslesen kann, geht auch mal ein Vergleich oder Reim (je nach Geschmack) daneben. Auch das Rap-Duo Freshdax ist davor nicht gefeit. Da wird auch schon mal die Angebetete mit Kot besungen: “Wéi Päerdäppel kennzeechens du mäi Wee / A wann ech mol dran trëpplen, ma da mécht dat näischt, nee” (aus “Gutt drop, besser drënner”). Aber derartige im wahrsten Sinne des (gewählten) Wortes “Ausrutscher” können bei manchem Rapper durch andere Zeilen wieder kompensiert werden. So holen die eigentlich handzahmen Raubtiere dann doch auf, wenn sie übermäßigen Patriotismus kritisieren: “Hal däin Häerz, deng Ärm an deng Grenzen, op / A kee Grenzgänger verkackt dir d’Lënsenzopp / Ouni si wier eist Ländche ferm an de Labrenten / Mee denger Meenung ni duerchbrieche si eis Grenzen / Fir eis Jobs ze klauen an eis Fraen z’iwwerfalen / Fortschrëtt gëtt am Käim erstéckt, an et bleift alles beim Alen” (aus “Alles beim Alen”).

Ironischerweise fällt auf, dass gerade auf Luxemburgisch häufig stark gegen jene gerappt wird, die sich eigentlich am meisten über diesen Erhalt der Sprache freuen müssten. So heißt es zum Beispiel bei Maka MC und David Fluit (von de Läb): “Musse mer rem driwwer schwätzen / ech wënschen iech lo scho vill Spaass beim Gesetzbuch-iwwersetzen / a soulaang de Patriot et net besser versteet / kann hien eis jo weisen, ob en de Croissant op eis Sprooch besser verkeeft” (aus “Theo Jein”). Hier wird die luxemburgische Kultur nicht nur aufs Korn, sondern auseinandergenommen.

Die gehört quasi zur Expertise von de Läb: “An wanns de ‘Chez Mike’ an der Wiertschaft waarts, sinn d’Pafe ganz kloer fir d’Bestietnes vu Kierch a Staat. De Mittal huet och Facebook, ma da géi e liken / oder maach der e Béier op a géi virun d’Tëlee streiken.” Es kann zuweilen ungemütlich werden, aber anhand solcher Beispiele zeigt sich, dass die Musik bei diesem Genre viel eher zu einer Diskussionsplattform werden kann, auf der nationale Belange verhandelt werden, als dies bei anderen luxemburgischen musikalischen Erzeugnissen der Fall ist.

Überhaupt weisen die meisten Rapper in Luxemburg, sei es nun mit mehr oder doch auch mal weniger Eloquenz, auf Probleme und politische Irrfahrten hin. Unabhängig von ihrer Wortgewalt, sind sie tendenziell eher im Bereich des sogenannten Conscious Rap zu verorten, dessen Ursprünge in die amerikanische Bürgerrechtsbewegung zurückreichen. Nicht wenige Akteure aus der hiesigen Rapszene engagieren sich sozial, geben Workshops für Jugendliche und bemühen sich um aussagekräftige “Punchlines”, die den Hörer weiterbringen, statt sich nur sinnbefreit in seinen Kopf einzubrennen.

Zudem lohnt es sich, in der Geschichte eines Rappers auch mal einen Rückblick zu wagen und seine Sprachentwicklung genauer zu beachten. T the Boss ist hierfür ein passendes Beispiel: Hieß es 2011 noch “Hal d’Maul” in der Hook eines Tracks, so prangerte er 2014 in “Mir sinn hinnen egal” schon mit anderen, konstruktiven Worten das System an: “Eis Generatioun ass a Gefor, ageschlof, se probéiert d’Kéier nach séier ze kréien, mee rennt an d’Mauer, wëll ’t ass kee Panneau do, deen eis de Wee weist.” 2016 wurde es dann schon fast, aber nur fast kitschig, als der Rapper gemeinsam mit TH in “E bessen Léift” die Zuhörerschaft dazu auffordert, ihre Herzen zu öffnen, um Liebe hineinzulassen.

Bisweilen sind weibliche Rapper eher Mangelware in Luxemburg. Bei der “Battle Ligue Lëtzebuerg”, einer Art organisiertem Wortgefecht, bei dem zwei Personen gegeneinander antreten und sich möglichst gekonnt und schnell Worte an den Kopf schmeißen sollen, nahmen bisher lediglich zwei Frauen teil, nämlich Blokk und Jady92. Traurig ist hierbei, dass gerade in dieser Konstellation sexistische Aussagen fielen. Auf schnöde Schläge unter die Gürtellinie folgte teils lautstarkes Gekicher der Anwesenden … Jady konnte jedoch mit Vorbereitung auftrumpfen und verglich beispielsweise den Putzstil der Gegnerin, also ihr Unter-den-Teppich-Kehren mit der luxemburgischen Politik. Die einzige sehr junge Frau, die sich momentan mit halbwegs professionell produzierten Videos auf diesem Gebiet behaupten kann, ist Mila, eine Philippina, die derzeit in Luxemburg lebt und auf Englisch rappt. Ihre bisherigen Tracks erschienen beim luxemburgischen Label “urbansoundz entertainment”.

Allerdings wird gemunkelt, dass sich in Bezug auf Female Rap auf Luxemburgisch demnächst noch etwas tun soll. Es gilt also, die Augen aufzuhalten. Und das Tageblatt zu lesen.

2 Kommentare

  1. U sech hu mir eng gutt Hip-Hop Kultur. Schonn an den 90er gouf et qualitativ gudden Hip Hop aus Lëtzebuerg, och wann do vill op Franséisch war, wat awer keng Kritik soll sinn, well mat der franséischer Sproch léist sech jo och villes Guddes ufänken. U sech hu mir also eng positiv Entwécklung an dem Genre, an déi puer lyresch Eskapade vun deene puer Inexistenzen (kulturell inexistent), kann een einfach ignoréieren. Ma et kann net de Yin ouni de Yan ginn, sou weess een dat anert villaicht nach mei ze schätzen.

    Wann ech mir et däerf erlaben, géif ech och all den Interesséierten den däitsche Kënschtler “Käptn Peng” un d’Häerz leeën. Philosophesch Texter mat interessante Froen an Aussoen. Virun 2 Woche war en am Atelier an och musikalesch war et esou energiegelueden, dat hätt ech net geduecht. Leider hunn ech weder Fotoen nach Artikelen iwwert säin Optrëtt fonnt.

    An do erkennt een de Problem, mat dem wat hei ugeschwat gëtt, mir schenke schlechte Saachen oft ze vill Opmierksamkeet, an déi gutt zéie laanscht eis, a kee kritt et mat. Dat muss sech gesellschaftlech änneren.

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