Für das Konzert von Jared Letos Band gibt es, in Anlehnung an den Bandnamen, einen subjektiven Erlebnisbericht in 30 kurzen Fragmenten und Überlegungen über den Stellenwert von Mainstreambands und kommerzieller Popmusik.

Fotos: Alain Rischard und Carl Neyroud

T-Shirt

Vor jedem Konzert stellt sich die ewige Frage, welches Band-T-Shirt man für ein Konzert anzieht. Trägt man eines der Band, die am Abend selbst spielt, gilt man als unhipper Groupie. Da ich keines von 30 Seconds besitze, stellt sich die Frage nicht. Ich entscheide mich für Low – eine Band, die das genaue Gegenteil vom Posertum und dem Mainstream-Firlefanz, den ich mir auf dem Konzert erwarte, darstellt. Eine subtile Form der Rebellion.

TUYS

Ich frage mich, ob es einer luxemburgischen Gitarrenband wirklich viel bringt, als Support von Letos Band, die sich dafür entschieden hat, zeitgenössischen Trends blind zu folgen und die Gitarre über Bord zu werfen, auftreten zu dürfen.

Ordentlich

Ist der Auftritt von TUYS dann durchaus. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich mit der Bezeichnung ein Kompliment ausstelle oder eine Kritik ausübe. Aufwühlend und neu ist die Musik von TUYS nicht, gut gemacht und professionell dafür aber schon.

Luxemburgisch

Reden TUYS nicht mit ihrem Publikum. Ob es sich dabei um eine bewusste Abwendung politischer DP-Trends handelt oder um eine Bemühung, sich möglichst international zu geben, sei mal dahingestellt.

Pause

Zwischen Support und Hauptband laufe ich durch eine prall gefüllte Rockhal und stelle fest: Ich kenne hier fast niemanden. Totale Anonymität in Luxemburg ist selten.

Foto: Alain Rischard/Editpress

 

Freundeskreis

Bedeutet aber auch: Mein Freundeskreis ist an meine musikalischen Vorlieben angepasst. Sagt wohl viel über den Stellenwert der Musik in meinem Leben aus.

Publikum

Besteht aus Repräsentanten aller Alterskategorien. Elektropop spricht wohl jeden an, solange der Sänger ein gut aussehender Schauspieler ist.

Jesus

Punkt 20.45 Uhr stolziert Jared Leto auf die Bühne. Der bekannte Schauspieler ist jetzt ein bekannter Sänger, der seinen Jesus-Komplex noch mehr wie Bono und Chris Martin verdeutlicht, indem er ihn optisch auch mit weißem Gewand und Bart zur Schau stellt.

Bono

Den Bono gibt Sänger Leto auch immer wieder im Laufe der Auszüge des neuen Albums, das wie U2 in einem Elektropop-Gewand klingt (siehe “Walk on Water”, “Dangerous Night”).

 

Gitarren

Gibt’s fast keine mehr.

Bass

Ebenso wenig.

Synthies

Deswegen umso mehr käsige Synthies, die aber dank ordentlichem Sound sauber klingen.

Raumschiff

Und ein Schlagzeug, das wie ein Raumschiff aus einem Sci-Fi-Film wirkt. Da der Schlagzeuger aber hauptsächlich simple Beats aus der Dose spielt, dient das Drumkit wohl hauptsächlich der Bühnenoptik.

Gang-Vocals

Dazu gibt’s haufenweise Gang-Vocals. Machen diese in der Punk-Musik noch Sinn, da sie zur gemeinsamen Rebellion gegen das System aufrufen, befinden sie sich hier im Leerlauf. Denn von welcher Gemeinschaft zeugen die Gang-Vocals bei 30 Seconds to Mars? Von der Gemeinschaft der Anhänger des Leto, einem sonnenbrillentragenden Sektenführer?

 

Technologie

Neben den zahlreichen Gang-Vocals gibt’s natürlich auch ein Meer von Handys.

A Perfect Circle

Im Gegensatz zum A-Perfect-Circle-Konzert, im Laufe dessen Sänger Maynard das Benutzen von Smartphones ausdrücklich verboten hat, wird das Publikum hier aber zum Benutzen von Smartphones ermutigt.

Feststellung

Je kommerzieller die Musik, desto mehr Handys sind im Umlauf. Da sich diese Prämisse immer öfter bestätigt, kann man schlussfolgern: Auf Popkonzerten sind immer mehr Leute, die das Filmen dem Konzertschauen bevorzugen. Ergo nicht wirklich zuhören.

Ablenkung

Nach einigen Liedern werden die sonore U2-Anleihen von visuellen Muse-Anleihen begleitet: Eine Menge bunter Ballons wird auf das Publikum losgelassen. Es wirkt wie eine Beschäftigungstherapie, um von dem bis zu dem Zeitpunkt etwas aseptischen (sprich unmotivierten) Set und dem einfallslosen Bühnenbild abzulenken.

Konditionierung

Und wie auf Bestellung wird im Publikum das Smartphone gezückt, um die Ballons festzuhalten. Wie leicht konditionierbar wir doch sind.

 

Demagogie

Irgendwie haben Mainstream-Konzerte schon was Demagogisches. Jemand steht auf der Bühne, fordert Leute auf, dies und jenes zu rufen sowie die Fäuste zu ballen und feuert die Menge mit Catchphrases an. Es scheint, als habe sich die zeitgenössische Politik etwas an Popkonzerten abgekuckt (oder umgekehrt).

Leere

Da die Bühne aufgrund fehlender Musiker und Instrumente etwas leer wird, lädt Leto irgendwann Teile des Publikums auf die Bühne ein. Das nimmt einige Zeit in Anspruch, die man nicht mit dem lästigen Spielen von Songs verbringen muss.

Sprachbarriere

Irgendwann steht dann auch ein kleiner Junge auf der Bühne. Als Leto ihn dann mit Fragen bombardiert, zuckt der Junge nur mit den Schultern. Irgendwer hätte Leto briefen sollen, dass man in Luxemburg Englisch erst als Viertsprache erlernt.

Redundant

Weil das so viel Erfolg hat, die Sache mit dem Publikum, wird dieses am Ende des Konzertes einfach nochmal auf die Bühne geholt. So schindet man wiederum ordentlich Zeit.

 

Abgekürzt

Und so merkt auch niemand, dass die luxemburgische Setlist um drei Lieder kürzer ist als alle vorhergehenden Auftritte.

Warmlaufen

Was etwas schade ist, da die Band nach „The Kill“ vom zweiten Album (damals gabs noch Gitarren und Songwriting) endlich warmläuft. Aber dann ist das Konzert nach 80 Minuten auch schon vorbei.

Zugabe

Gibt es keine. Es fragt auch niemand danach.

Fans

Auch diese wirken nur bedingt zufrieden. Im Allgemeinen gilt: Das beste Konzert der Band war das definitiv nicht.

 

Jump

Das meistbenutzte Wort während des Konzertes. Ständig regte Leto die Leute an, herumzuhüpfen. Und wie auf Knopfdruck tat das auch ein jeder. Trennt uns so wenig von Pawlows Hunden?

Heimfahrt

Während der Heimfahrt denke ich an mein T-Shirt und lege das neue Low-Album ein. Was für ein Balsam nach Letos Schmonzetten.

Egal

Ich lasse das Konzert Revue passieren. Katastrophal war es eigentlich nicht. Nur sind 30 Seconds to Mars mittlerweile zu einer Band geworden, die man sich anschaut, wenn einem Musik und Kultur eigentlich egal ist. Wo der frühe Emo-Sound der Band entweder gefiel oder nervte, prasseln die Songs nun stoisch an einem ab.

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