Dass südliches Flair durchaus mit der taktvollen Exaktheit eines Schweizer Uhrwerks harmoniert, konnte Robert Spirinelli in der Sonnenstube der Eidgenossenschaft erleben.

Tief hängende Wolken und ein bedrohlicher Himmel – viele aus nördlichen Richtungen kommende Transalpiner kennen dieses Szenario, das sich auch oft in den Sommermonaten zur besten Ferienzeit vor der Felswand des St. Gotthard abspielt. Stau und stressige Wartezeiten vor dem Tunnel machen besonders Autourlaubern zu schaffen, bevor die Blechkarosse dann endlich die 17 Kilometer lange Galleria stradale durchfahren darf, um auf der Sonnenseite der Alpen, unter azurblauem Himmel, wieder aufzutauchen.

Zügiger geht es über die Schiene durch den mit 57 Kilometern längsten Eisenbahntunnel der Welt. Personenzüge rasen hier in der Regel mit 200 Stundenkilometern durch und verkürzen somit deutlich die Reisezeit zwischen Zürich und Mailand. Also eine durchaus empfehlenswerte Alternative, um auch von Luxemburg in die südlichste Ferienregion der Schweiz zu reisen. Möglich ist dies dank der guten täglichen Flugverbindungen mit Swiss von Findel nach Zürich (Flugzeit rund 40 Minuten). Von Zürich-Airport nach Bellinzona ist der schnelle Zug dann knappe zweieinhalb Stunden unterwegs. Von hier aus erreichen Weiterreisende nach Locarno oder Lugano ihr Ziel, über gut abgestimmte Anschlüsse nach weiteren 30 Minuten Fahrzeit.

Ist der Gotthardpass gemeistert, geht es entspannter voran, sogar die Uhren scheinen dann etwas langsamer zu drehen und plötzlich scheint die Zeit einem ganz allein zu gehören. Dazu tragen natürlich die geselligen Dörfer und Städte, die atemberaubenden Landschaften und die tiefblauen Gewässer der Tessiner Seen und Flüsse bei. Doch der Schein trügt: Man mag wohl den Alltag vergessen, die Zeit tickt aber nach Schweizer Art völlig exakt weiter. Wer im Tessin nur einen Zwischenstopp einlegen wollte, merkt sehr schnell, dass die Zeit nicht reicht, um die ganze Vielfalt dieses Kantons an wenigen Tagen zu entdecken.

Bellinzona

Nach und nach macht sich auch das südliche Flair vom Tessin im charmanten, von den Reisenden oft vergessenen Bellinzona bemerkbar. Am Fuße der drei Burgen Castelgrande, Castello di Montebello und Castello Sasso Corbaro liegend, die zu den schönsten Beispielen mittelalterlicher Festungsarchitektur in den Alpen und sogar zum Unesco-Weltkulturerbe zählen, bietet die Kantonhauptstadt auf Schritt und Tritt jede Menge Geschichte.

Die historische Altstadt und der wöchentliche Markt mit typischen Produkten laden zum Verweilen ein und es lohnt sich, im Castelgrande einen kulinarischen Snack im „Grotto San Michele“ zu genießen. Neben den Spezialitäten der Tessiner Küche hat man hier auch eine fulminante Aussicht auf die Stadt. Die für Tessin typischen Grotti sind übrigens Lokale, die sich in der Regel an abgelegenen und schattigen Orten befinden. Außerdem werden in einem Grotto nur einheimische Produkte und Gerichte serviert.

Eine Luxemburgerin im Tessin: Moien, Signora Govi!

Bei unserem Abstecher nach Bellinzona trafen wir auf Frau Maggy Govi, die seit nunmehr 55 Jahren ihre große Liebe und eine neue Heimat im Tessin gefunden hat. Prompt stand die aus Wiltz stammende Luxemburgerin, die ihren „Weelzer“-Akzent nicht verloren hat und einwandfrei italienisch spricht, dem Tageblatt Rede und Antwort.

Tageblatt: Frau Govi, was hat Sie ins Tessin verführt und was mögen Sie besonders hier?
Maggy Govi: Es war wohl die große Liebe, ich habe meinen Mann Fausto während einer Zugreise von Lugano nach Zürich kennengelernt und seitdem wohnen wir gemeinsam in Bellinzona. Ich lebe jetzt bereits seit 55 Jahren in der Schweiz, davon 47 Jahre im Tessin.

Warum haben Sie gerade Bellinzona als neue Heimat gewählt?
Das ergab sich vor allem aus beruflichen Gründen. Als Lokführer bei der SBB war mein Mann in Bellinzona tätig und als er in den Ruhestand trat, trafen wir die Entscheidung, auch weiterhin hier zu wohnen. Eigentlich stammt Fausto aus Lugano, er fühlt sich hier in Bellinzona jedoch wohler.
Es ist nun mal einfach schön hier. Jeden Samstag begeben wir uns zum einzigartigen Wochenendmarkt im historischen Zentrum der Stadt und nutzen die Gelegenheit, um Tessiner Freunde wiederzusehen.

Im Tessin wird die Gaumenfreude sehr geschätzt. Konnten Sie gastronomisch auch etwas aus Luxemburg importieren?
Ja, natürlich den „Kachkéis“ – jedes Mal, wenn uns Freunde aus Luxemburg besuchen, haben sie den klebrigen Käse und die „bescht Zoossiss“ mit im Gepäck. Selbstverständlich darf ab und zu auch ein prickelnder Crémant und ein edler Wein von unserer schönen Mosel nicht fehlen.

Besteht nach so vielen Jahren auch noch der Kontakt zu Luxemburg?
Auf jeden Fall, es ist immer wieder sehr schön, wenn ich heimkehre und meine Familie in Wiltz besuchen kann. Nichtsdestotrotz freuen wir uns dann aber nach einer Woche wieder auf unsere Wahlheimat. Außerdem feiern wir nach wie vor den Luxemburger Nationalfeiertag und zeigen dabei stolz die Flagge. So haben wir vor kurzem zusammen mit Freunden in einem typischen Grotto gemütlich zusammengesessen, den Tag so richtig genossen und die Nationalhymne „Ons Heemecht“ angestimmt. Also wie schon gesagt: Ich komme gerne nach Luxemburg, aber mein Zuhause ist jetzt nun mal hier bei meiner Familie.

Locarno

Rein nach dem Motto „La vita è bella“ tendiert der Urlauber dazu, das Leben zu genießen, denn gesprochen wird im Tessin Italienisch und je südlicher man zieht, desto lauschiger werden die Temperaturen. Willkommen oder „benvenuti“ in Locarno, der sonnenreichsten Stadt der Schweiz. Kein Wunder also, dass bei rund 2.300 Sonnenstunden im Jahr Zitronenbäume und Palmen an den Nordufern des Lago Maggiore wachsen.

Berühmt ist Locarno aber vor allem für sein Filmfestival und die alljährlich stattfindenden Mond- und Sternenkonzerte unter freiem Himmel auf der Piazza Grande, dem Herzstück der Stadt. Unter eleganten Arkaden hindurch führen verwinkelte Gassen zu diesem magischen Platz mit dem berüchtigten Uhrenturm, während am Rande der Altstadt die Burg Visconti aus dem zwölften Jahrhundert majestätisch thront. Oberhalb von Locarno, in Orselina, befindet sich Madonna del Sasso, ein Wallfahrtsort mit grandiosem Blick auf die Stadt, den See und seine umliegenden Berge.

Die großen Zeiger des Uhrenturms auf der Piazza Grande verdeutlichen sehr wohl, dass die Zeit auch im Tessin unaufhaltsam weiterläuft.

Ascona

Nur einen Katzensprung von Locarno entfernt liegt Ascona, die Perle des Lago Maggiore. Die Tatsache, dass sich Ascona in privilegierter Lage im Delta des Flusses Maggia befindet, sowie die Vielfalt der Landschaft machen Ascona zu einem fabelhaften Ferienort. Das künstlerische und kulturelle Erbe dieses antiken Ortes ist reich an historischen Erinnerungen, sowohl aus dem Mittelalter als auch der Renaissance-Zeit. Mit exklusiven Boutiquen, Museen, Kunstgalerien und Antiquitäten hat sich Ascona, das rund 4.500 Einwohner zählt, harmonisch um seine Altstadt herum entwickelt. Die Fußgängerzone um die herrliche Seepromenade macht die Stadt des Jazz zu einem Naturschauspiel in dieser sonnigen Bucht.

Weltweit für sein zehntägiges Jazzfestival bekannt, ist Ascona aber zu jeder Zeit einen Besuch wert und einige Noten des Jazz haben sich vom Seeufer bis in die kleinsten Ecken der Stadt vertieft, zumal Ascona mit seinen 193 Metern über dem Meeresspiegel der tiefste Punkt der Schweiz ist, während der Adula-Gipfel mit seinen 3.402 Metern das Dach des Tessins darstellt.

Lugano

Noch lebhafter, dafür aber nicht ungemütlicher geht es in Lugano, der größten Stadt des Kantons Tessin und dem drittgrößten Finanzplatz der Schweiz, zu. Umgeben von hohen Berggipfeln und dem malerischen See, bietet Lugano mit seiner typisch mediterranen Atmosphäre alle Vorteile einer kosmopolitischen Stadt, ohne dadurch an Charme zu verlieren. Mit seinen Parks und Blumengärten, Villen und Sakralbauten, wo Kunst, Kultur, Shopping und Entspannung förmlich aufeinandertreffen, bietet Lugano viel Abwechslung und unvergessliche Momente zugleich. Ganz faszinierend und reich an prächtigen Gebäuden ist das historische Zentrum mit beeindruckender Fußgängerzone.

Die Parks und Spaziergänge mit Blick auf den Luganersee, die Gassen mit vielen kleinen Geschäften, Museen und mehr gestalten den Aufenthalt hier besonders angenehm. Kunst und Architektur ziehen viele Liebhaber des Genres an. Das Kantonale Kunstmuseum zeigt beispielsweise Werke von Klee, Jawlensky, Renoir und Degas, um nur einige zu nennen.
Um Lugano aus der Vogelperspektive zu bewundern, sollte man auf jeden Fall hoch zu den Gipfeln des Monte San Salvatore oder des Monte Brè – beide sind bequem mit der Standseilbahn erreichbar. Der 360-Grad-Panorama-Blick auf die Tiefe des Golfs von Lugano und der Umgebung ist schlicht und einfach atemberaubend.

Zu ungeahnten Ecken von seltener Schönheit wie zum Beispiel dem verträumten Gandria oder Morcote kommt man am besten mit dem Schiff.

Das Verzasca-Tal

Von den Ufern der Tessiner Seen führen Wege durch bewaldete Schluchten zu hohen Gipfeln bis auf Alpweiden. Das Verzasca-Tal ist zum Beispiel ein wahres Paradies für Abenteurer wie auch Romantiker. Seit Bonds Sprung von der 220 Meter hohen Verzasca-Staumauer im Film „GoldenEye“ sorgt der GoldenEye Bungee Jump für Adrenalinkick am Lago di Vogorno.

Das Verzasca-Tal bietet auch diverse Bademöglichkeiten. Die bekanntesten Flussteiche mit kristallklarem und smaragdgrünem Wasser befinden sich nahe der pittoresken Dörfer Lavertezzo und Brione Verzasca. Beliebte Tauch- und Sprungstellen sind der „Pozzo della Misura“ und der „Pozzo dei Salti“, eine Steinbrücke mit zwei Bögen, die im Mittelalter gebaut wurde.

Über den Verzasca-Wanderweg lässt sich das ganze Tal erkunden, wobei kleine Perlen wie Corippo, Lavertezzo und Sonogno besondere Aufmerksamkeit verdienen.

Ein letzter Blick

Die Zeit tickt weiter und unser Aufenthalt neigt sich dem Ende zu. Pünktlich verlässt auch unser Zug den Bahnhof in Locarno. Am Morgen auf einem hohen Gipfel nahe an den Gletschern wandern, am Nachmittag ein Eis oder einen Cappuccino unter den Palmen am Seeufer schlürfen, zwischendurch die Dolce Vita dieser Postkartendestination auf einer malerischen Piazza bei einem Aperitivo genießen, während am Horizont die Sonne hinter die Berge zieht und den funkelnden Sternen den Nachthimmel überlässt …

Ein letzter Blick auf den See verführt weiter zum Träumen, während das Pfeifen der Lok die Träumerei abrupt beendet – und sich das Gespann Richtung Gotthard-Tunnel in Bewegung setzt …

Empfehlenswert

Unterkunft:
H4 Hotel Arcadia
Lungolago G. Motta / Locarno
www.h-hotels.com

Restaurants:
Ristorante Sensi
Viale Verbano 9 / Locarno-Muralto
www.ristoranti-ff.ch/sensiinfo.html

Locanda Gandriese
Piazza Nisciör / Lugano
www.locandagandriese.com

Bottegone del Vino
via Massimiliano Magatti 3 / Lugano
Tel.: +41 91 922 76 89

Grotto San Michele
Salita Castelgrande / Bellinzona
www.ristorantecastelgrande.ch

Weitere wichtige Webseiten:
www.ticino.ch
www.ticket.ticino.ch
www.ffs.ch
www.jazzascona.ch

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