Mit 710 PS, Allrad und einem strammen Fahrwerk ist der Continental Supersports zweifellos ein Sportwagen. Mit seiner Grösse, seinem luxuriösen Interieur und seiner edlen Ausstattung ist er nebenbei ein Luxus-Coupé, das zudem bei geöffnetem Dach seine ganze innere Eleganz und seine atemberaubende Schönheit mit der klangvollen Begleitung seines Zwölfzylinders hervortut.

„Mann, du redest ja, als wenn du über eine tolle Frau schreibst, knurrte Oma mit den Springerstiefeln, die soeben braungebrannt aus einem Seminar über „Hintergründe der Evolution des Maiskolbenmotors in der Autoindustrie Nordkoreas“ zurückgekommen war. „Das ist ein Bentley Junge, und das heisst Power und Vollgas, auch wenn noch so viel Leder, Holz, Karbonfiber-Einlagen und Edelstahlverkleidungen an Bord sind!“

Recht hat sie. Nur selten ist Luxus so schnell und dynamisch unterwegs wie in einem Bentley, sieht man einmal von dem Leder-Salon ab, den ein gewisser Alfred Nobel in seinen jungen Jahren aus lauter Experimentierfreude in die Luft gejagt hatte. Nach dem Bentayga, den wir vor einer Woche präsentierten, hatten wir jetzt die Ehre, mit dem Continental Supersports das schnellste viersitzige Cabrio der Welt zu fahren. Viersitzig ist definitiv übertrieben. Zwar hat er eine zweite Sitzreihe hinten, aber dort kann man höchstens zwei Kinder im Vorschulalter unterbringen aber das ist sehr unwahrscheinlich, denn wer zwei Kinder im Vorschulalter hat, wird auch mit einem Bentley Continental Supersports seine prekäre Familiensituation kaum herumreissen können.

12-Zylinder für zwei

Also lassen wir vier mal gerade sein und konzentrieren wir uns auf ein erlesenes Duo im Takt von zwölf Zylindern. Die klingen so gut, dass man den Luxus drum herum einfach als selbstverständlich annimmt und sogar die Oma konnte sich mit dem herrlich erhabenen und anspruchsvollen Interieur anfreunden und meinte „Gut, dass das Auto so schnell ist, dann haben die Leute auch keine Zeit, neidisch zu werden!“. Dieser Bentley ist nicht nur schnell, er hat die Wucht und das Antrittsvermögen einer Saturn-Rakete, aber viel mehr Manieren und Geschmeidigkeit. Bei den 1017 Nm Drehmoment des 6-Liter-Zwölfzylinders kein Wunder, da kommt auch der Aufzug im Trump-Gebäude an der 5th Avenue nicht mehr mit.

Er kann auch anders

Man fährt nicht im Bentley, das Auto lässt die umliegende Landschaft an sich vorbeiziehen, winkt gnädig in die Menge und zieht kraftvoll aber ruhig und gelassen in die weite Welt. Ab und zu lässt der Adel auch seinen Zorn wallen, dann, wenn man die Automatik-Fahrstufe auf „Sport“ umlegt und alles noch ein wenig raumgreifender und nachhaltiger funktioniert. Dann ist der Tag des Donners gekommen, ein Sound, der sogar die Who in Bestform an die Wand spielt und die Trompeten von Jericho zum Klang eines Werbesports für Schlafpillen degradiert. Als Luxus-Coupé verträgt er keinen Spass, wenn’s um Vollnarkose geht. Da spielen Federung und Aufhängung auch mit, denn sogar in der – voreinstellbaren – Weichei-Position gibt sich der Continental Supersports britisch resistent und unnachgiebig. Soll er auch weniger als vier Sekunden für den Sprint von null auf hundert und eine Spitze von 330m km/h brauchen, trotz 2,5 Tonnen Gesamtgewicht, so etwas hinterlässt seine Spuren auf der Straße und wohl auch im Innenraum, denn Oma vergaß glatt ihre Picknick-Sandwiches und den Champagner. Den tranken wir dann abends in ihrer Bude, zum Klang von Aerosmith, Led Zeppelin und Everwaiting Serenade.

msch